SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

11. Januar 2015, 20:31 Uhr

Terroranschläge in Paris

Was wir bisher wissen - und was nicht

Nach den Terroranschlägen von Paris ermitteln Polizei und Geheimdienste unter Hochdruck, um die Hintergründe zu klären. Auch für die Öffentlichkeit bleiben Fragen offen: Was ist Fakt? Und was nur Vermutung?

Paris - 20 Tote, unzählige trauernde Angehörige und Freunde - und ein Schock für die ganze westliche Welt. Das ist die Bilanz dessen, was seit vergangenem Mittwoch in und um Paris passiert ist. Was genau geschah, lässt sich mittlerweile einigermaßen rekonstruieren. Fast stündlich werden neue Fakten bekannt. Doch es bleiben auch viele Rätsel - etwa über die Hintermänner des Anschlags.

Was ist passiert?

In den vergangenen Tagen gab es im Großraum Paris mindestens drei terroristische Anschläge, bei denen insgesamt 17 Menschen ums Leben kamen:

Hängen die Anschläge zusammen?

Es scheint klar, dass die drei Terroristen sich kannten - und es deutet auch einiges darauf hin, dass sie sich abgestimmt haben. In dem Interview, das der Supermarkt-Geiselnehmer Coulibaly kurz vor seinem Tod dem Fernsehsender BFMTV gab, sagte er, er habe sich "für den Anfang dieser Operationen" mit den Kouachi-Brüdern abgestimmt. "Sie 'Charlie Hebdo', ich die Polizisten." Inzwischen, also am Freitagnachmittag, stünden sie aber nicht mehr in Kontakt. In dem mutmaßlichen Bekennervideo, das am Sonntag auftauchte, sagt Coulibaly: "Wir haben einige Dinge zusammen gemacht, einige unabhängig voneinander, um mehr Wirkung zu erzielen."

Coulibaly soll den jüngeren der beiden Kouachi-Brüder, Chérif, im Gefängnis kennengelernt haben, wo er von 2010 bis 2014 einsaß. Auch die Lebensgefährtinnen der beiden haben sich offenbar gut gekannt. Laut Polizei sollen sie im vergangenen Jahr mehr als 500-mal miteinander telefoniert haben. Die Verbindungsdaten und Mitschnitte werden nun ausgewertet, um die Rolle der beiden Frauen zu klären.

Waren noch weitere Terroristen beteiligt?

Die Polizei fahndet nach möglichen Komplizen. Der Fokus liegt dabei auf der Freundin Coulibalys: Hayat Boumeddiene. Die 26-Jährige gilt als möglicherweise bewaffnet und gefährlich.

Zunächst hatte die französische Polizei die junge Frau verdächtigt, an dem Mord an der Polizistin am Donnerstag beteiligt gewesen zu sein. Auch mit der Geiselnahme im jüdischen Supermarkt wurde sie in Verbindung gebracht. Mittlerweile gehen die Ermittler allerdings davon aus, dass Boumeddiene Frankreich bereits vor der Anschlagserie verlassen habe. Sie sei bereits am 2. Januar in die Türkei gereist - und von dort aus wahrscheinlich weiter nach Syrien. Aus türkischen Sicherheitskreisen heißt es, man habe am Donnerstag ein Signal ihres Mobiltelefons geortet. Ob Boumeddiene wirklich in Syrien ist, bleibt jedoch unklar.

Die Lebensgefährtin von Chérif Kouachi, Izzana H., war bereits am Mittwoch in Polizeigewahrsam genommen worden. Sie soll in engem Kontakt mit Boumeddienne gestanden haben.

Rätsel gibt auch die Verbindung der Attentäter zu Djamel Beghal auf. Fotos zeigen, dass sowohl Chérif Kouachi als auch Coulibaly und seine Freundin Boumeddiene den mutmaßlichen al-Qaida-Terroristen 2010 in Südfrankreich besucht haben, womöglich zu unterschiedlichen Anlässen. Coulibaly und Boumeddiene sollen dort Armbrustschießen trainiert haben.

Nach dem Anschlag der Kouachi-Brüder auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" am Mittwoch hatte die Polizei zunächst einen Fahndungsaufruf für drei mutmaßliche Attentäter herausgegeben. Neben den Brüdern wurde auch der 18-jährige Hamid M. gesucht, ein Schwager von Chérif Kouachi. Er meldete sich gegen 23 Uhr bei der Polizei in der Kleinstadt Charleville-Mézière nahe der belgischen Grenze. M. beteuerte seine Unschuld, Zeugen sagen aus, er habe zur Tatzeit in der Schule gesessen.

Wer steckt dahinter?

Hier wird die Sache besonders rätselhaft. Denn zu den verschiedenen Anschlägen bekennen sich sehr unterschiedliche islamistische Organisationen, die eigentlich eher miteinander konkurrieren als zusammenarbeiten.

IS und al-Qaida arbeiten nach bisherigen Erkenntnissen nicht zusammen und stehen sich eher feindselig gegenüber. Wie also können beide Organisationen die Taten gesteuert haben?

Vielleicht haben die Terroristen doch stärker auf eigene Faust gehandelt, als sie der Öffentlichkeit weismachen wollten. In deutschen Sicherheitskreisen jedenfalls heißt es, es gebe bisher "keine Hinweise darauf, dass die Taten organisationsgesteuert waren". Der einfache Ablauf und die unorganisierte Flucht sprächen eher für lokal ersonnene Angriffe ohne einen echten Auftrag.

stk/jdl/AFP/Reuters/dpa/AP

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH