Terroranschläge in Paris Was wir bisher wissen - und was nicht

Nach den Terroranschlägen von Paris ermitteln Polizei und Geheimdienste unter Hochdruck, um die Hintergründe zu klären. Auch für die Öffentlichkeit bleiben Fragen offen: Was ist Fakt? Und was nur Vermutung?

Tatort Supermarkt: "Ich bin Charlie", "Ich bin Polizist", "Ich bin in Trauer", "Ich bin Jude"
AFP

Tatort Supermarkt: "Ich bin Charlie", "Ich bin Polizist", "Ich bin in Trauer", "Ich bin Jude"


Paris - 20 Tote, unzählige trauernde Angehörige und Freunde - und ein Schock für die ganze westliche Welt. Das ist die Bilanz dessen, was seit vergangenem Mittwoch in und um Paris passiert ist. Was genau geschah, lässt sich mittlerweile einigermaßen rekonstruieren. Fast stündlich werden neue Fakten bekannt. Doch es bleiben auch viele Rätsel - etwa über die Hintermänner des Anschlags.

Was ist passiert?

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Heft 3/2015
Anschlag auf die Freiheit

In den vergangenen Tagen gab es im Großraum Paris mindestens drei terroristische Anschläge, bei denen insgesamt 17 Menschen ums Leben kamen:

  • Am Mittwochvormittag gegen 11.30 Uhr überfallen die beiden Brüder Chérif Kouachi, 32, und Saïd Kouachi, 34, die Redaktion der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" und richten ein Blutbad an. Im Gebäude in der Rue Nicolas-Appert im 11. Arrondissement von Paris töten sie elf Menschen, darunter den Herausgeber Stéphane Charbonnier und drei weitere bekannte Zeichner. Auf der Straße erschießen sie einen Polizisten. Augenzeugen berichten, die Täter hätten "Allah ist groß" gerufen und "Wir haben den Propheten gerächt". Die Zeitschrift hatte in ihren Zeichnungen immer wieder den islamischen Propheten Mohammed karikiert.
  • Am Donnerstagmorgen schießt im Pariser Vorort Montrouge ein Mann mit einem Schnellfeuergewehr auf Polizisten, eine Polizistin stirbt. Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei soll es sich bei dem Schützen um den 32-jährigen Amedy Coulibaly handeln. In einem Video, das am Sonntag auf YouTube auftaucht, bekennt sich ein Mann - mutmaßlich Coulibaly - zu dem Angriff auf die Polizisten. "Ich bin auch ein bisschen gegen die Polizei vorgegangen", sagt der Mann. Ob das Video wirklich Coulibaly zeigt, wird noch geprüft, gilt aber als wahrscheinlich.
  • Am Freitag stürmt Coulibaly gegen Mittag in einen jüdischen Hyper-Cacher-Supermarkt in Paris, nimmt Geiseln und erschießt vier Menschen. Laut Staatsanwaltschaft hat er mehrere Schusswaffen und große Mengen Sprengstoff bei sich. Der Bruder des Supermarktbesitzers berichtet später, der Attentäter habe gerufen: "Ihr seid Juden, ihr werdet heute alle sterben." Gegen 15 Uhr telefoniert Coulibaly mit einem Fernsehsender. Kurz nach 17 Uhr stürmen Eliteeinheiten der Polizei den Supermarkt und töten den Geiselnehmer. Fast zeitgleich erschießen Polizisten auch die beiden Kouachi-Brüder, die sich auf ihrer Flucht in einer Druckerei nördlich von Paris verschanzt hatten. Laut Staatsanwaltschaft waren die Terroristen aus dem Industriegebäude gestürmt und hatten auf die Polizisten geschossen.
  • Unklar ist, ob Coulibaly noch einen weiteren Anschlag in Fontenay-aux-Roses südlich von Paris verübt hat. Dort hatte ein Angreifer bereits am Mittwoch auf einen 32-jährigen Jogger geschossen und diesen lebensgefährlich verletzt. Laut Polizei gab es einen Abgleich der am Tatort gefundenen Patronenhülsen mit der Pistole, die nach der Geiselnahme am Freitag im jüdischen Supermarkt entdeckt worden war.

Hängen die Anschläge zusammen?

YouTube
Es scheint klar, dass die drei Terroristen sich kannten - und es deutet auch einiges darauf hin, dass sie sich abgestimmt haben. In dem Interview, das der Supermarkt-Geiselnehmer Coulibaly kurz vor seinem Tod dem Fernsehsender BFMTV gab, sagte er, er habe sich "für den Anfang dieser Operationen" mit den Kouachi-Brüdern abgestimmt. "Sie 'Charlie Hebdo', ich die Polizisten." Inzwischen, also am Freitagnachmittag, stünden sie aber nicht mehr in Kontakt. In dem mutmaßlichen Bekennervideo, das am Sonntag auftauchte, sagt Coulibaly: "Wir haben einige Dinge zusammen gemacht, einige unabhängig voneinander, um mehr Wirkung zu erzielen."

Coulibaly soll den jüngeren der beiden Kouachi-Brüder, Chérif, im Gefängnis kennengelernt haben, wo er von 2010 bis 2014 einsaß. Auch die Lebensgefährtinnen der beiden haben sich offenbar gut gekannt. Laut Polizei sollen sie im vergangenen Jahr mehr als 500-mal miteinander telefoniert haben. Die Verbindungsdaten und Mitschnitte werden nun ausgewertet, um die Rolle der beiden Frauen zu klären.

Waren noch weitere Terroristen beteiligt?

Die Polizei fahndet nach möglichen Komplizen. Der Fokus liegt dabei auf der Freundin Coulibalys: Hayat Boumeddiene. Die 26-Jährige gilt als möglicherweise bewaffnet und gefährlich.

Mutmaßliches Terrorpaar Boumeddiene und Coulibaly: Die Frau ist auf der Flucht
AFP

Mutmaßliches Terrorpaar Boumeddiene und Coulibaly: Die Frau ist auf der Flucht

Zunächst hatte die französische Polizei die junge Frau verdächtigt, an dem Mord an der Polizistin am Donnerstag beteiligt gewesen zu sein. Auch mit der Geiselnahme im jüdischen Supermarkt wurde sie in Verbindung gebracht. Mittlerweile gehen die Ermittler allerdings davon aus, dass Boumeddiene Frankreich bereits vor der Anschlagserie verlassen habe. Sie sei bereits am 2. Januar in die Türkei gereist - und von dort aus wahrscheinlich weiter nach Syrien. Aus türkischen Sicherheitskreisen heißt es, man habe am Donnerstag ein Signal ihres Mobiltelefons geortet. Ob Boumeddiene wirklich in Syrien ist, bleibt jedoch unklar.

Die Lebensgefährtin von Chérif Kouachi, Izzana H., war bereits am Mittwoch in Polizeigewahrsam genommen worden. Sie soll in engem Kontakt mit Boumeddienne gestanden haben.

Rätsel gibt auch die Verbindung der Attentäter zu Djamel Beghal auf. Fotos zeigen, dass sowohl Chérif Kouachi als auch Coulibaly und seine Freundin Boumeddiene den mutmaßlichen al-Qaida-Terroristen 2010 in Südfrankreich besucht haben, womöglich zu unterschiedlichen Anlässen. Coulibaly und Boumeddiene sollen dort Armbrustschießen trainiert haben.

Nach dem Anschlag der Kouachi-Brüder auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" am Mittwoch hatte die Polizei zunächst einen Fahndungsaufruf für drei mutmaßliche Attentäter herausgegeben. Neben den Brüdern wurde auch der 18-jährige Hamid M. gesucht, ein Schwager von Chérif Kouachi. Er meldete sich gegen 23 Uhr bei der Polizei in der Kleinstadt Charleville-Mézière nahe der belgischen Grenze. M. beteuerte seine Unschuld, Zeugen sagen aus, er habe zur Tatzeit in der Schule gesessen.

Wer steckt dahinter?

Hier wird die Sache besonders rätselhaft. Denn zu den verschiedenen Anschlägen bekennen sich sehr unterschiedliche islamistische Organisationen, die eigentlich eher miteinander konkurrieren als zusammenarbeiten.

  • Coulibaly hat sich schon in seinem Gespräch mit dem Fernsehsender am Freitag als Angehöriger der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) präsentiert, die in Teilen Syriens und des Iraks mit Gewaltherrschaft ein sogenanntes Kalifat errichten will. "Ich bin hier, weil der französische Staat IS, das Kalifat angegriffen hat", sagte Coulibaly in dem Interview. Auch in dem am Sonntag aufgetauchten Bekennervideo wird Coulibaly als "Soldat des Kalifats" vorgestellt, mit dem Kampfnamen Abou Bassir AbdAllah al-Ifriqi. "Ich schwörte dem Kalifen Treue, sobald das Kalifat ausgerufen wurde", sagt Coulibaly darin mit Blick auf IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi. Die Echtheit des Videos wird noch geprüft. In Kreisen der französischen Anti-Terrorpolizei hieß es, es gebe keine Zweifel daran.
  • Schon am Freitag soll der IS-Prediger Abu Saad al-Ansari nach Angaben von Anwesenden beim Freitagsgebet in einer Moschee der nordirakischen Stadt Mossul eine Beteiligung der Terrormiliz an den Anschlägen in Paris angedeutet haben. "Wir haben mit der Operation in Frankreich begonnen, für die wir die Verantwortung übernehmen", soll al-Ansari nach Angaben von Anwesenden gesagt haben. "Morgen werden es Großbritannien, die USA und andere sein."
  • Chérif Kouachi, einer der beiden "Charlie-Hebdo"-Attentäter, hatte dem Sender BFMTV vor seinem Tod am Freitag ebenfalls ein Interview gegeben. Darin soll er gesagt haben, er sei vom jemenitischen Ableger des Netzwerks al-Qaida (AQAP) beauftragt und finanziert worden. Der ranghohe AQAP-Vertreter Harith bin Ghazi al-Nadhari meldete sich am Freitag in einem Video zu Wort, um mit neuen Attentaten zu drohen. "Ihr werdet nicht mit Sicherheit gesegnet sein, solange ihr Allah, seinen Verkünder und die Gläubigen bekämpft", sagte er. Laut Regierungskreisen im Jemen sollen die beiden Brüder 2001 für zwei Wochen in dem arabischen Land gewesen sein. Dort hätten sie den Qaida-Prediger Anwar al-Awlaki getroffen und seien an Waffen ausgebildet worden.

IS und al-Qaida arbeiten nach bisherigen Erkenntnissen nicht zusammen und stehen sich eher feindselig gegenüber. Wie also können beide Organisationen die Taten gesteuert haben?

Vielleicht haben die Terroristen doch stärker auf eigene Faust gehandelt, als sie der Öffentlichkeit weismachen wollten. In deutschen Sicherheitskreisen jedenfalls heißt es, es gebe bisher "keine Hinweise darauf, dass die Taten organisationsgesteuert waren". Der einfache Ablauf und die unorganisierte Flucht sprächen eher für lokal ersonnene Angriffe ohne einen echten Auftrag.

stk/jdl/AFP/Reuters/dpa/AP

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
SarahMue 11.01.2015
1. guter Ansatz
Solch einen Ansatz für Artikel wünsche ich mir viel häufiger. Informationen werden hinterfragt, auch Bekanntes kann fehlerhaft sein und Wissenslücken werden offengelegt. Wenn dieses Prinzip auch auf andere Artikel angewendet wird, kann endlich wieder Vertrauen in den Journalismus zurückkehren.
kugelsicher, 11.01.2015
2.
Da sicher noch Unken Rufe kommen werden, kann eine VT direkt begraben werden, nämlich dass die 4 Toten im Supermarkt (doch) bei dem Einsatz der Sicherheitskräfte ums Leben kamen. Nein. Es gibt ein Video wo die Erstürmung der Tür genau zu sehen ist. Als das Rolltor hoch gefahren wird, sieht man schon mind. einen Toten dort liegen. Also stimmt die offizielle Version.
clausbremen 11.01.2015
3. Es heisst ...
... gegen Ende des Artikels, die beiden Brüder seien 2001 zwei Wochen im Jemen gewesen. In anderen Quellen war in den letzten Tagen von 2011 die Rede, als zumindest einer der beiden im Jemen gewesen sein soll. Was ist denn nun richtig ?
schlabbedibapp 11.01.2015
4. Maas spricht sich gegen Vorratsspeicherung aus mit dem Argument,
dass damit die Taten auch nicht verhindert werden. Die übliche dümmliche Argumentation der Linken. Klar lassen sich Taten nicht verhindern. Bestenfalls kann man Täter abschrecken. Die Tagen lassen sich anschließend aber besser aufklären: Wann und mit wem haben die Terroristen vor der Tat telefoniert, welche Wege haben sie genommen, wo haben sie sich aufgehalten etc. Aber ein dringender Aufklärungsbedarf scheint ja nicht mehr zu bestehen, sobald man weiß, dass es keine Neonazis waren. Daher werden wir auch wohl nichts mehr vom Anschlag auf die Hamburger Morgenpost hören. Vielen Dank, Herr Justizminister. Sie machen einen tollen Job!
Kratylos65 12.01.2015
5.
Es gibt da noch ein paar Punkte, auf die es bisher keine Antworten gibt: Woher stammen die Waffen und der bei Coulibaly gefundene Sprengstoff. Wieso sind die Brüder Kouachi überhaupt den Versuch unternommen zu fliehen, wenn sie nicht vorhatten, sich lebend zu ergeben? Warum "bekennen" sich ISIS und AQAP erst nach den Tod der Terroristen zu den Anschläge - was dafür spräche, daß es keine äußere Planung durch ISIS oder AQAP gabt.
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