Terror in Paris Die Balkanspur

Bei der Routinekontrolle eines Golfs fällt den Polizisten in Bayern ein Pistolenlauf auf. Sie nehmen den Fahrer aus Montenegro fest - kurz vor den Attentaten von Paris. Nach dem Anschlag wird Vlatko V. zum Terrorverdächtigen. Welche Rolle spielt er?

Waffenschmuggler aus Montenegro: Als kleiner Kurier unterwegs?
SPIEGEL ONLINE

Waffenschmuggler aus Montenegro: Als kleiner Kurier unterwegs?

Von , Jan Puhl und Roman Lehberger


Vlatko V. schweigt. Seit zehn Tagen sitzt er im bayerischen Traunstein in Haft. Der Verdacht: Waffenschmuggel. Am 5. November hatte die bayerische Polizei den 51-Jährigen festgenommen.

Beamte hielten seinen weißen Golf III mit montenegrinischem Kennzeichen bei einer Routinekontrolle auf der A 8 an. V. hatte einen nagelneuen Pass bei sich, ausgestellt in Podgorica. Auch die Autopapiere waren in Ordnung. Doch dann fiel einem Polizisten im Motorraum der Lauf einer Pistole auf, der aus einem Versteck ragte. Eine genauere Kontrolle förderte ein beachtliches Waffenarsenal zutage: acht Kalaschnikows, zwei Pistolen, ein Revolver, zwei Handgranaten und 200 Gramm Sprengstoff.

Der Fall erregte zunächst kaum Aufmerksamkeit. Doch dann kam der 13. November - und aus dem Waffenschmuggler V. wurde der Terrorhelfer. Denn in das Navigationsgerät seines Autos war ein Parkplatz in Paris als Ziel eingegeben.

Wer ist dieser Mann? Ein Team von SPIEGEL und SPIEGEL TV hat sich in Montenegro auf Spurensuche gemacht.

Podgorica heißt die Hauptstadt, ein staubiges Nest vornehmlich aus Plattenbauten, im Osten von Bergen begrenzt, wenn es abends kalt wird, riecht die Luft nach Holzfeuer, denn damit heizen hier noch viele. Erst vor neun Jahren hat Montenegro, knapp über 600.000 Einwohner, seine Unabhängigkeit von Serbien erklärt. Und seit 20Jahren regiert hier Milo Djukanovic, ein Mann, dem Verbindungen zur Zigarettenmafia nachgesagt werden. Aber er hält Staat und Wirtschaft unter Kontrolle, derzeit gehen jede Woche Tausende auf die Straße. Sie demonstrieren gegen Ineffizienz und Korruption.

Sieht so die Wohnung eines Terrorhelfers aus?

Vlatko V. wohnt im Stadtteil Konik. Zwischen verdorrten Grünflächen ragen ein paar Plattenbauten in die Höhe. Etwas abseits hauste er zu ebener Erde in einem winzigen Reihenhausappartement, ein Raum mit Schlafcouch, eine verdreckte Küchenecke. Im Bad lagert er Ersatzreifen für den alten roten Ford Escort im Vorgarten. Die Zulassung ist lange abgelaufen. Zwei Bücher liegen auf dem Couchtisch: "Die größten serbischen Gangster", Band eins und zwei. Im Regal stapeln sich Rechnungen, V. hatte Schulden, allein 1811 Euro - Montenegro hat keine eigene Währung - fordern die Elektrizitätswerke.

Sieht so die Wohnung eines Terrorhelfers aus? Vlatko V. ist kein Muslim, sondern orthodox. Und ein großer Gangster ist er noch weniger. Die Nachbarn sagen, er war ein netter Kerl, verwettete ab und zu mal ein paar Cent, setzte auf Fußball, jobbte in der Saison in den Weinbergen. Hat er den schnellen Ausweg gesucht? 24 Stunden dauert die Fahrt von Podgorica über Bosnien, Kroatien, Österreich und Deutschland nach Paris.

Sein Bruder Zeljko wohnt um die Ecke, etwas luxuriöser, mit Frau, zwei Jungs und der Mutter. Die spricht seit der Verhaftung kaum, steht auf dem Balkon auf ein Kissen gelehnt und starrt in die Luft. Noch bevor die Polizei sich meldete, rief der Chef einer Hinterhof-Autovermietung aus der Nachbarschaft an: Wo ist denn das Fahrzeug, das der Vlatko für ein paar Tage gemietet hat? Keine Ahnung. Den weißen Golf lieh er sich vom 2. bis zum 9. November. Wofür, das weiß Zeljko nicht.

Tränen steigen ihm in die Augen: "Er muss übers Ohr gehauen worden sein. Ich bin sicher, dass er nicht wusste, was er dabei hat." Eng waren die Brüder, doch zuletzt hatte sich Vlatko immer seltener gemeldet. Er war nicht verheiratet, hatte keine Kinder. Zeljko glaubt, dass er irgendwie in schlechte Gesellschaft geraten sein muss. Vielleicht hat ihm irgendwer eine paar Hunderter für die Passage angeboten. Wer das gewesen sein könnte? Zeljko hat keine Ahnung. Niemals hatte sein Bruder Probleme mit der Polizei. Nur vor etwa zehn Jahren war da dieser Verkehrsunfall, den er verursacht hat. Vlatko V. war schwer verletzt, trug von der Operation eine 30 Zentimeter lange Narbe davon.

Waffenhandel vom Balkan

Die Polizei hält V. für einen Kurier. Das ist die unterste Ebene in der Schmuggler-Hierarchie, die Fahrer, nicht die, die Kontakte haben. Waffenhandel vom Balkan ist ein globales Problem. Tonnenweise geriet Schießgerät in den Jugoslawienkriegen der Neunzigerjahre in die Hände von Milizionären und Freischärlern. Allein 800.000 Kleinwaffen verschwanden aus Armeedepots, als das kommunistische Regime in Albanien kollabierte.

Diese Pistolen und Kalaschnikows sind nicht verschwunden, sie befinden sich in den Händen von Privatleuten und unterbezahlten Militärs der Region. Immer wieder fliegen Schmuggler wie Vlatko V. auf, nicht nur in Montenegro, sondern auch im Kosovo und Bosnien. Doch meistens werden Waffen zwischen anderen Gütern in Lkw und Containern versteckt transportiert.

Acht Kalaschnikows, Handgranaten, Sprengstoff im Mietwagen nach Paris, das ist schon eher ein seltener Fall. Doch erklärte Montenegros Polizeisprecherin Tamara Popovic am Montagabend: Interpol, montenegrinische, deutsche und französische Sicherheitsbehörden sehen inzwischen keine Hinweise auf eine Verbindungen zu den Terroristen von Paris - "nach bisherigem Stand der Ermittlungen".

Die Staatsanwaltschaft München I führt inzwischen ein Verfahren gegen V. wegen des Verdachts der "Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat".

Mehr zum Thema am Sonntag, 22.11., um 22.10 Uhr im "SPIEGEL TV Magazin" bei RTL.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.