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Geiselnahme in Paris: Wenig Aufmerksamkeit für die jüdischen Opfer

Für die Toten des Angriffs auf "Charlie Hebdo" gab es weltweit riesige Anteilnahme - über die Opfer des Angriffs auf den jüdischen Supermarkt wird kaum gesprochen. Auf Twitter läuft jetzt unter dem Hastag #Jesuisjuif eine Solidaritätsaktion an.

Trauer am Tatort am Tag danach: Kaum Berichte über die Opfer Zur Großansicht
DPA

Trauer am Tatort am Tag danach: Kaum Berichte über die Opfer

Berlin - Sie alle sind Opfer, hingerichtet von islamistischen Attentätern: Die zwölf Menschen, die die Kouachi-Brüder am Mittwoch bei ihrem Terrorangriff auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" erschossen. Die Polizistin, die mutmaßlich der dritte Attentäter Amedy Coulibaly am Donnerstag erschoss. Und die vier Geiseln, die Coulibaly in einem jüdischen Supermarkt am Freitag im Osten der französischen Hauptstadt ermordete.

Über die ersten, die Opfer von "Charlie Hebdo", ist vieles bekannt - die meisten von ihnen arbeiteten für das Magazin, aber unter den Toten sind auch Wissenschaftler, die zu Gast in der Redaktion waren, ein Angestellter einer Reinigungsfirma und zwei Polizisten. Kurz nach Bekanntwerden des Anschlags entstand eine Welle der Solidarität - auf den sozialen Netzwerken Twitter und Facebook posteten Hunderttausende ein Bild mit dem Slogan "Je suis Charlie", bis Freitagabend wurde auf Twitter fünf Millionen Mal der Hashtag #jesuischarlie benutzt. Am Samstag gingen in mehreren französischen Städten Zehntausende auf die Straße, um den Angehörigen und Freunden der Getöteten ihre Solidarität zu bekunden - sie trugen Transparente mit der Aufschrift "Wir sind alle Charlie".

Auch über Ahmed Merabet, den am Mittwoch von den Attentätern ermordeten Polizisten, gab es zahlreiche Berichte. Merabet lag verletzt auf der Straße in der Nähe des Redaktionssitzes von "Charlie Hebdo", als einer der vermummten Täter auf ihn zukam und ihn ohne zu zögern mit einem Kopfschuss tötete. Merabet war Muslim. Der muslimische Aktivist Dyab Abou Jahjah schrieb am Donnerstag auf Twitter: "Ich bin nicht Charlie, ich bin Ahmed, der tote Polizist. Charlie machte sich über meinen Glauben und meine Kultur lustig, und ich starb für sein Recht, das zu tun." Tausende verbreiteten den Retweet und gedachten des Polizisten unter dem Hashtag #jesuisahmed.

Über die Opfer des Angriffs auf den jüdischen Supermarkt vom Freitag hingegen gibt es bislang kaum Informationen - am Samstagnachmittag berichtete die Zeitung "Le Monde" online, die Namen der Toten seien nun bekannt. Demnach handelt es sich um vier Männer. Aber bislang scheint es, als sei die Nachricht, dass neben den Charlie-Hebdo-Opfern und der Polizistin vier weitere unschuldige Menschen ums Leben gekommen sind, noch gar nicht wirklich durchgedrungen. Auf Twitter macht sich nun langsam Unmut darüber breit. Unter dem Hastag #JeSuisJuif, "Ich bin Jüdisch", bekunden immer mehr, dass sie an die Opfer vom Freitag denken und trauern. Der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck twitterte: "Solidarität mit Juden in Frankreich und in ganz Europa."

Französische Medien bringen Berichte über die Überlebenden aus dem Supermarkt. Fünf Menschen haben demnach in dem koscheren Geschäft an der Porte de Vincennes über Stunden in einer Kühlkammer ausgeharrt. So beschreibt die Nachrichtenagentur AFP den Fall eines jungen Mannes, Ilan, der mit seinem dreijährigen Sohn Nahrungsmittel für den Sabbat einkaufen wollte, als der Attentäter Coulibaly wild schießend in den Hyper-Cacher-Markt stürmte. Wie Angehörige berichten, flüchtete Ilan mit seinem Kind in den Kühlraum des Markts. Mindestens drei weitere Menschen versteckten sich laut Ermittlern dort mit ihnen.

Ilan gab seinem kleinen Sohn seine Jacke, um ihn vor der eisigen Kälte zu schützen. Fast fünf Stunden mussten sie in der Kühlkammer ausharren. Ilans Mutter wusste, dass ihr Sohn in dem Supermarkt war und gab seine Handynummer an die Polizei weiter. So konnten die Ermittler sein Handy orten und erfahren, wo genau sich die Gruppe versteckt hielt. Als Eliteeinheiten schließlich den Supermarkt stürmten - kurz nach dem tödlichen Feuergefecht vor der Druckerei in Dammartin - entgingen Ilan und die anderen dem Kugelhagel. Ilan wurde noch am Abend von den Geheimdiensten zu dem Geschehen befragt.

anr/AFP

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