Terror in Saudi-Arabien Al-Qaida kämpft mit neuem Chef weiter

Nur 48 Stunden nach dem Tod ihres Anführers kürt die saudische al-Qaida bereits einen neuen Chef, kündigt Anschläge an und bedankt sich zynisch bei angeblichen Helfern der saudischen Polizei. Das Bundeskriminalamt befürchtet mittlerweile, dass auch Deutsche verstärkt ins Visier der Terroristen geraten könnten.

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Getöteter Anführer al-Mukrin: Im Netz als Märtyrer verehrt
AP / al-Arabija TV

Getöteter Anführer al-Mukrin: Im Netz als Märtyrer verehrt

Riad/Berlin - Wie so oft in den letzten Monaten kam die Erklärung der Terroristen schnell und per Webseite. Nur 48 Stunden nach der Erschießung von Abd al-Aziz al-Mukrin, der durch seine martialischen Auftritte im Internet zum Gesicht der saudischen Qaida geworden war, kündigte die selbsternannte Zweigstelle des weltweiten Terror-Netzes weitere Anschläge im Königreich an. Das dürfte die Theorie der saudischen Behörden schwer beschädigen. Diese hatten in den vergangenen Tagen gern von einer massiven Schwächung der Qaida gesprochen und sie als fast handlungsunfähig skizziert.

Im Gegenzug ernannten die Terroristen nun gleich einen neuen Anführer. Den Kampf gegen den verhassten Westen und das saudische Königshaus soll demnach Saleh al-Aufi weiterführen. Der 38-jährige ehemalige Gefängniswärter soll das fortführen, was al-Mukrin in den letzten Monaten betrieb - Ausländer entführen, sie töten oder Bomben überall dort legen, wo Öl aus dem Boden kommt.

Neu ist der Name al-Aufi für die Behörden nicht. Seit Dezember 2003 steht er auf einer Liste von 26 gesuchten Terroristen, die vom Innenministerium in Riad zur Fahndung ausgeschrieben worden waren.

Viel weiß man über den neuen Anführer trotzdem nicht. Der ehemalige Gefängniswärter aus der saudiarabischen Pilgerstadt Medina stammt nach Angaben aus saudischen Sicherheitskreisen aus einfachen Verhältnissen. Laut den Behörden besitzt er zwar nicht die gleiche Kampferfahrung wie al-Mukrin, der bereits in mehrere Ländern lokale Dschihadisten unterstützt hatte, bevor er in Saudi-Arabien aktiv wurde. Aber es gibt Berichte, al-Aufi habe den al-Qaida-Anführer Osama bin Laden noch kurz vor den Attentaten vom 11. September 2001 in Afghanistan getroffen.

Neue Schusswechsel

Dass die Lage in Riad und anderswo im Königreich keineswegs ruhig ist, belegen die Meldungen vom Wochenende. So kam es am Sonntagabend im Malaz-Viertel in Riad nach Angaben von Augenzeugen erneut zu einer Schießerei zwischen der Polizei und mutmaßlichen Terroristen. Eine offizielle Stellungnahme dazu gab es nicht. Zudem berichtete die saudiarabische Zeitung "Al-Watan", bei dem getöteten al-Mukrin und seinen drei Gefährten habe man rund 30.000 Euro, drei Panzerfäuste, 16 Sprengsätze und zehn Handgranaten gefunden. Offenkundig waren die Waffen für weitere Anschläge gedacht.

Ebenso beunruhigend sind auch weitere Pamphlete, die im Internet kursieren und einen alten Verdacht bestätigen. Demnach sollen die Terroristen in Saudi-Arabien durch Mitarbeiter der Polizei und anderer Behörden unterstützt werden. Eine Website beschreibt en detail den Ablauf der Entführung des getöteten Amerikaners Paul Johnson. Danach hätten die Terroristen am 12. Juni auf der al-Khadma-Straße zum Flughafen einen getürkten Checkpoint aufgebaut und verfügten dafür sogar über Polizeiuniformen und Streifenwagen. Johnson sei zuerst betäubt und dann zu einem Versteck gebracht worden.

Wie schon in der Vergangenheit mischen die Terroristen in dem Artikel religiöse Schwüre mit eiskaltem Zynismus. So bedanken sie sich bei denjenigen, "die im Sicherheitsapparat ihren starken Glauben behalten" hätten. Im Satz darauf bitten sie um Allahs Gnade für sie und dass er sie für ihren Einsatz belohnen solle. Stimmen die Angaben, würden sie die schlimmsten Befürchtungen westlicher Diplomaten und Geheimdienstler bestätigen. Seit Jahren beobachten sie, dass die saudischen Sicherheitsbehörden durch Islamisten infiltriert werden. Die Beamten würden mit Glaubensargumenten geködert - oder schlicht erpresst.

Die Erwiderungen der saudischen Behörden klingen nicht sehr plausibel. "Wenn dies so wäre, würde die Terroristen keine weichen Ziele, sondern Regierungsbehörden angreifen", sagte Adel al-Jubeir, ein Berater des für die Außenpolitik verantwortlichen Kronprinzen Abdullah, auf CNN. Außerdem sei es leicht, in Saudi-Arabien an Polizeiuniformen zu kommen. Mehrmals hätten zudem Sicherheitsbehörden bei Razzien auch schon wie Streifenwagen bemalte Fahrzeuge gefunden. Schlüsse für Maßnahmen wurden daraus jedoch offenbar nicht gezogen.

"Enorme Schnelligkeit"

In westlichen Sicherheitskreisen wird die neue Terrorankündigung durchaus ernst genommen - auch wenn der genannte al-Aufi deutschen Experten zunächst nicht bekannt war. "Die Schnelligkeit, mit der die neuen Erklärungen kommen, sagen einiges über die Professionalität", so ein Fahnder am Montag. Offenbar wollen die Terroristen nach Einschätzung des Experten das Netz weiterhin als "weltweite Plattform für ihre PR" nutzen. Keiner anderen Gruppierung sei es in den vergangenen Monaten so gut gelungen, die Medien zu beherrschen und immer genau das Richtige zum besten Zeitpunkt zu platzieren, so der Ermittler.

Im Fall des am 22. April in Riad getöteten deutschen Geschäftsmanns herrscht bei den deutschen Fahndern noch immer Rätselraten. Laut einer vertraulichen Lagefortschreibung des Bundeskriminalamts (BKA) über den Fall, die dieser Tage an alle Landesbehörden verschickt wurde, ist der Hintergrund der Tat noch immer völlig unklar. "Als gesichert darf bisher nur der Tatablauf gelten", so das BKA-Papier. Als "beachtlich" beschreiben die Experten allerdings die Bezichtigung der al-Qaida in dem Internetmagazin "Ma'askar al-Battar", die von SPIEGEL ONLINE erstmals veröffentlicht wurde. In dem Magazin schreiben die Autoren, bewusst einen Deutschen getötet zu haben. Genau diese Zeilen haben laut BKA die Hypothese eines Terroranschlags "verfestigt".

"So könnte jeder Anschlag gerechtfertig werden"

Die Einschätzung der Sicherheitslage und auch der Gefährdung für Deutsche im Ausland wird in dem Papier ambivalent bewertet. Zwar stehe zu befürchten, "dass Deutschland insbesondere auf Grund seiner Rolle in Afghanistan und des Engagements im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus zunehmend zum Ziel gewalttätiger Aktionen werden könnte". So oder ähnlich wurde dies jedoch in Sicherheitskreisen schon seit Monaten ausgedrückt. Und so kommen die BKA-Experten am Ende des Papiers auch zu dem Schluss, dass die Gefahr für Deutsche im Vergleich zu US-Amerikanern, Briten oder Israelis "als nachrangig anzusehen ist".

Fast bedrohlicher als die Analyse, die Deutschland als Teils eines "weltweiten Gefahrenraums" mit einer aber "nicht weiter zu bestimmenden Wahrscheinlichkeit" für einen Anschlag skizziert, liest sich eine andere Passage des vertraulichen Berichts. So erkennen die BKA-Fahnder eine "entsprechende Signalwirkung", die das Bekennerschreiben samt seiner Argumente für mögliche neue Angriffe auf Deutsche im Ausland oder hier zu Lande hat. "Mit den aufgelisteten Gründen könnte jeder Anschlag gerechtfertig werden", so die Analyse der Ermittler. Beachtet man, wie oft die Seite mit dem Magazin "Ma'askar al-Battar" abgerufen wird und wie schnell die Inhalte des alle zwei Wochen erscheinenden Magazins der Qaida in anderen, leichter zu findenden Seiten auftauchen, klingt diese Analyse nicht gerade beruhigend.



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