Terror in Saudi-Arabien Al-Qaidas neues Schlachtfeld

Wieder hat es einen Anschlag gegen westliche Einrichtungen in Saudi-Arabien gegeben. Mindestens 16 Menschen starben, darunter neun Ausländer. Das Terrornetzwerk al-Qaida hat sich zu dem Anschlag bekannt. Der Angriff gehört zur neuen Strategie der al-Qaida, das Wüstenreich mit Terror zu überziehen.

Von Yassin Musharbash


Anschlag in Chobar: "Allianz aus Ungläubigen und vom Glauben Abgefallenen"

Anschlag in Chobar: "Allianz aus Ungläubigen und vom Glauben Abgefallenen"

Hamburg - Es ist ein Zufall, und doch ist es keiner: Fast auf die Minute genau parallel zum al-Qaida-Anschlag in der ost-saudischen Stadt Chobar erschien heute im Internet ein neuer Strategieaufsatz des Bin-Laden Statthalters auf der arabischen Halbinsel. Unter der Überschrift "Planung von Operationen" beschrieb Abd al-Aziz al-Mukrin, wie ein beispielhafter Attentatsplan aussehen könnte. Als denkbares Ziel hatte er sich, symbolhaft und zu Demonstrationszwecken, den ihm verhassten saudischen Innenminister Prinz Naif Ibn Abd al-Aziz ausgesucht.

Gegen das saudische Königshaus richtete sich auch der heutige Anschlag - selbst, wenn er in erster Linie im Wüstenkönigreich lebende Ausländer traf. Für das Terrornetzwerk der al-Qaida sind Ausländer und saudisches Establishment längst zu einer Einheit verschmolzen, die mit aller Macht bekämpft werden muss. "Die Allianz aus Ungläubigen und vom Glauben Abgefallenen" heißt es in den einschlägigen Dokumenten zumeist in einem Atemzug. Die Islamisten fordern sowohl ein bedingungsloses Ende der Kooperation der saudischen Herrscher mit westlichen Firmen und Staaten, als auch den Sturz der als ungläubig betrachteten Monarchie selbst.

Bekennerschreiben im Internet

Welche Seite der Allianz sie mit ihren Anschlägen zuerst treffen, ist zweitrangig. Die bevorzugten Anschlagsziele der Terroristen in Saudi-Arabien sind deshalb abwechselnd westliche Einrichtungen oder der saudische Sicherheitsapparat, die Hauptstütze der königlichen Familie im Inneren. "Mit der Hilfe Gottes hat eine Einheit unserer heldenhaften Mudschahedin heute amerikanische Firmen gestürmt, die im Ölgeschäft tätig sind und das Kapital der Muslime stehlen", hieß es in dem Bekennerschreiben, das heute auf eine arabischen Website auftauchte, die schon in der Vergangenheit mehrfach für solche Zwecke benutzt worden war.

Dem heutigen Anschlag fielen dem bisherigen Kenntnisstand zu Folge mindestens neun Ausländer zum Opfer, darunter ein US-Amerikaner, ein Brite und ein zehnjähriger ägyptischer Junge. Sieben saudische Polizisten sollen ebenfalls ums Leben gekommen sein. Die US-Botschaft in Saudi-Arabien hat nach dem Terrorakt am Samstag noch im Land befindliche amerikanische Bürger aufgefordert, das Königreich sofort zu verlassen.

Die Terroristen hatten heute am frühen Vormittag in der Stadt Chobar ein Firmengelände mit Feuerwaffen angegriffen, das westlichen Unternehmen gehört, auf dem aber auch Mitarbeiter dieser Firmen leben. Bilder, die der Sender Arabiya TV ausstrahlte, zeigen unter anderem einen Mann, der offenbar in seinem Wagen erschossen wurde. Nach Eintreffen der Polizei flohen die Attentäter anscheinend in den benachbarten Wohnkomplex. Zwischenzeitlich nahmen sie eine libanesische Familie als Geiseln; diese wurden aber von saudischen Sicherheitskräften befreit. Später hieß es, die Polizei habe das Gebäude, in dem sich die Angreifer wohl verschanzt hielten, gestürmt. Ob auch die Angreifer Verluste erlitten, ist noch unklar. Im Internet bezichtigte sich eine der al-Qaida nahe stehende Gruppe der Tat.

Rekrutierung im Internet

Der Anschlag ist der jüngste in einer Serie von Terrorakten, die Saudi-Arabien in den vergangenen Monaten erschütterten. Erst vor wenigen Wochen kamen Dutzende Ausländer zu Tode, als Selbstmordattentäter das Gelände einer westlichen Firma mit Sprengsätzen angriffen.

Die gestiegene Zahl von Attacken nach Art des heutigen Anschlags deckt sich mit einem verstärkten Interesse der al-Qaida an einer Front in Saudi-Arabien. Vor einem knappen halben Jahr begann Bin-Laden-Statthalter al-Mukrin damit, sich deutlich vernehmbar via Internet an junge, zum islamistischen Kampf bereite Saudi-Araber zu richten. Alle zwei Wochen erscheint seitdem unter dem Namen "Ma'askar al-Battar" ein Online-Magazin, in dem alt gediente Qaida-Kämpfer und -Ideologen Aufsätze verfassen, die Terror rechtfertigen und den Gebrauch von Waffen erklären. Zu jeder Ausgabe steuert auch al-Mukrin selbst einen Text bei, der sich den "militärischen Wissenschaften" widmet.

In den letzten Monaten widmete er sich den Themen "Der Krieg in den Städten", "Entführungen", "Gezielte Attentate" und "Zellenbildung". "An alle, die nach Sprengstoff gefragt haben: Sprengstoff herzustellen ist nicht so schwierig, wie es immer heißt", schrieb al-Mukrin vor zwei Wochen. "So Gott will", versprach er, werde man in dem Magazin bald auch einen Kurs zur Handhabung explosiver Materialien anbieten.

Al-Qaidas Strategie für Saudi-Arabien

Deutlich lässt sich an al-Mukrins Beiträgen seine Strategie für den Dschihad in Saudi-Arabien ablesen: Es geht ihm darum, die Grenze zwischen dem sympathiesierenden Umfeld der al-Qaida und der Stammorganisation selbst zu verwischen. Explizit schrieb er in der letzten Nummer von "Ma'askar al-Battar": Es sei nicht nötig, vor Anschlägen um Erlaubnis zu fragen oder förmlich Mitglied zu werden. Al-Qaida beruhe auf einem System von Zellen, und "strebt nicht vornehmlich nach einer herkömmlichen, organisatorischen Einbindung." Der Dschihad in Saudi-Arabien sei vielmehr eine "allgemeine und ausnahmslose Pflicht" für alle Muslime. Außer Gottes Befehl brauche es nichts weiter; jeder, der den Dschihad begehre, solle einfach mit "seinen Brüdern" eine Zelle bilden.

Gut möglich, dass einige der Anschläge, von denen Saudi-Arabien in den vergangenen Monaten heimgesucht wurde, bereits von solchen Zellen begangen wurden, die sich auf al-Mukrins Aufrufe hin selbständig gebildet haben, ohne in ihrem Leben je einen alt gedienten Qaida-Kämpfer getroffen oder in einem Qaida-Camp gelebt zu haben.

Ob al-Mukrin sich in Saudi-Arabien aufhält, ist unbekannt. Es kann also auch nicht ausgeschlossen werden, dass er selbst aktiv am Geschehen beteiligt ist und die Fäden persönlich in der Hand hält. In letzter Zeit gab es allerdings auch Indizien, dass mehr als nur al-Mukrins Getreue in Saudi-Arabien operieren: Darauf deuten Texte al-Mukrins hin, in denen er sich von solchen Anschlägen in Saudi-Arabien distanziert, bei denen auch Muslime zu Schaden kamen.

Doch ob al-Mukrin der alleinige Chefplaner ist oder nicht: Abreißen wird die Anschlagsserie in überschaubarer Zeit wohl kaum. Darauf deutet zumindest all das hin, was aus mit hoher Wahrscheinlichkeit authentischen Qaida-Dokumenten zu erfahren ist. Außerdem ist die militante islamstische Opposition in dem fragilen Ölstaat mittlerweile von beachtlicher Größe und Schlagkraft. In der letzten Zeit gebe es "viele Vorbereitungen", warnte al-Mukrin Mitte Mai. Das alles sei notwendig für "Die Ausweitung unseres Dschihades gegen die Feinde Gottes".



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