Terror in Saudi-Arabien Kopfschuss wegen fehlender Korankenntnisse

Bei dem Anschlag auf das US-Konsulat in der saudischen Hafenstadt Dschidda am vergangenen Montag sind die Terroristen zynisch und brutal vorgegangen. Ein Mann wurde erschossen, weil er eine Koransure nicht rezitieren konnte.


US-Konsulat in Dschidda: Neun Tote bei Qaida-Überfall
REUTERS

US-Konsulat in Dschidda: Neun Tote bei Qaida-Überfall

Berlin - "Die Angreifer fragten mich nach meiner Religion und ich sagte, ich bin Muslim. Dann forderten sie mich auf, die erste Sure des Koran zu rezitieren, was ich auch tat. Anschließend wandten sie sich dem neben mir stehenden Philippinen zu, der kein Muslim war und die Sure nicht aufsagen konnte. Da schossen sie ihm sofort in den Kopf." So schilderte der jemenitische Konsulatswächter Salih Abd al-Muhsin der arabischen Zeitung "al-Hayat" gestern, was er bei dem Attentat erlebte.

Nach Angaben des saudischen Innenministeriums kamen bei dem Attentat neun Menschen ums Leben, neun weitere wurden verwundet. Außer vier der insgesamt fünf saudischen Terroristen starben fünf Konsulatsmitarbeiter, die neben dem Philippinen aus dem Jemen, Sudan, Pakistan und Sri Lanka stammten. Einer der Attentäter wurde verwundet, konnte aber entkommen. Weiterhin gab das Innenministerium die Identität von drei der getöteten Terroristen bekannt. Wer die anderen beiden Angreifer sind, konnte noch nicht festgestellt werden. Auffällig ist jedoch, dass weder Fayiz Ibn Awwad al-Dschahani, noch Ihd Ibn Dakhilallah al-Dschahani oder Hassan Ibn Hamid al-Hazmin auf der vor fast genau einem Jahr von der saudischen Regierung in Riad herausgegebenen Fahndungsliste mit 26 saudischen Terrorverdächtigen enthalten ist. Dies weist darauf hin, dass der Anschlag auf das Konsulat auf das Konto einer bislang unbekannten Terrorzelle der saudischen al-Qaida geht.

Die saudische Zeitung "al-Watan" berichtete unter Berufung auf Verwandte eines der Attentäter, dass Fayiz al-Dschahani seit sechs Jahren islamistische Ansichten vertrete. Vor acht Monaten sei er inhaftiert worden, aber gegen eine von seinem Bruder gezahlte Kaution wieder freigelassen worden und anschließend untergetaucht. Der 28-Jährige sei unverheiratet gewesen, habe sein Studium abgebrochen und früher in Medina als so genannter Religionswächter gearbeitet.

Die Religionswächter sind das wichtigste Instrument der saudischen Islamgelehrten zur Durchsetzung religiöser Verhaltensvorschriften in der Gesellschaft. Sie kontrollieren unter anderem Kleidung und Auftreten der Frauen in der Öffentlichkeit und die Einhaltung der Gebetsvorschriften. Dabei treiben sie ihre Landsleute häufig auch mit Stockhieben zum Gebet.

Angehörige der saudischen Nationalgarde, die zur Bewachung des Konsulats abgestellt waren, berichteten gegenüber "al-Hayat", dass die Attentäter mit Kalaschnikows und Brandbomben bewaffnet gewesen seien. Wie die Terroristen auf das Gelände gelangt sind, erzählte der Nationalgardist Ali Hassan al-Adschlani: "Ein Van des Konsulats kam auf das Osttor zugefahren, da tauchte plötzlich ein weißer Nissan auf, der ihm mit hoher Geschwindigkeit folgte und versuchte, hinter dem Van hereinzufahren. Dann hielt der Wagen an, zwei der fünf Männer sprangen heraus, warfen Brandbomben und fingen an, auf uns zu schießen." Erst drei Stunden später war das Feuergefecht beendet.

Das Konsulat blieb gestern geschlossen, die US-Flagge hing hinter einer vier Meter hohen Barrikade auf Halbmast. Die USA haben nach dem Anschlag ihre Reisewarnung für Saudi-Arabien erneuert. Wegen der gezielten Angriffe auf US-Einrichtungen und amerikanische Bürger sollten Reisen in das Königreich verschoben werden, hieß es in einer Reisewarnung des US-Außenministeriums vom Dienstag.

Florian Peil



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