Terror in Saudi-Arabien: Mit Allahs Segen in die Schlacht

Von Yassin Musharbash

Saudi-Arabien bekommt seine Islamisten nicht in den Griff: In einem SPIEGEL ONLINE vorliegenden Schreiben bekennt sich die Qaida zu dem Attentat auf das US-Konsulat in der Hafenstadt Dschidda. Die Terroristen preisen den Anschlag als Teil einer "gesegneten Schlacht", um die "Ungläubigen" aus dem Land zu fegen.

Saudische Spezialkräfte in Dschidda vor dem angegriffenen US-Konsulat: Symbolischer Großerfolg
AP

Saudische Spezialkräfte in Dschidda vor dem angegriffenen US-Konsulat: Symbolischer Großerfolg

Berlin - Zufall oder nicht? Der gestrige Terroranschlag auf das US-Konsulat in der saudischen Hafenstadt Dschidda am Roten Meer fand genau ein Jahr nach der Veröffentlichung einer Fahndungsliste mit 26 saudischen Terrorverdächtigen durch die Regierung in Riad statt. Nach offiziellen Angaben kamen bei dem Angriff eines der am besten geschützten Gebäude im Königreich neun Menschen ums Leben - vier der fünf Terroristen sowie fünf einheimische Konsulatsmitarbeiter.

Die saudische Filiale der Qaida, die im Internet ein Bekennerschreiben veröffentlichte, macht freilich eine andere Rechnung auf: Nach ihrer Darstellung wurden nur "zwei der heldenhaften Brüder zu Märtyrern", während angeblich "neun der Agenten im Konsulat, darunter zwei amerikanische Ungläubige" getötet worden seien. In dem arabischen Bekennerschreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, kündigen die Qaida-Kämpfer eine detaillierte Darstellung der "gesegneten Schlacht" an. Vielleicht wird man dann erfahren, ob der Angriff mit Absicht zum Jahrestag der Publikation der Gesuchten-Liste durchgeführt wurde.

Passen würde es: Der Qaida in Saudi-Arabien ist es stets darum gegangen, alle Beteuerungen der saudischen Behörden, man habe das Terrorproblem im Griff, mit Attacken deutlich sichtbar ad absurdum zu führen.

In dieser Hinsicht ist der gestrige Anschlag auf "eine der Kreuzfahrer-Festungen auf der Arabischen Halbinsel, (...) von der aus das Land der beiden heiligen Städte Mekka und Medina regiert wird" ein symbolischer und publizistischer Großerfolg.

Auch der letzte große Anschlag der saudischen Qaida zielte auf die westliche Präsenz im Königreich und dessen Kooperation mit den USA: Im Mai dieses Jahres griffen Terroristen Unterkünfte und Einrichtungen westlicher Firmen in der Stadt Khobar an und ermordeten 22 Menschen, darunter viele Ausländer. Die Versicherungen des saudischen Regimes, die Ausländer im Lande seien sicher, waren augenblicklich nichts mehr wert. Viele Westler haben in der Folge das Land verlassen. Für al-Qaida, die in diesem Land ihren Ursprung hat und deren Kampf von Beginn an gegen die Präsenz westlicher Firmen und Militärs gerichtet war, ein wichtiger Triumph.

Das Mutterhaus der Terror-Holding

Etwa alle sechs Monate, so scheint es, sind die Terroristen im Land in der Lage, eine größere Operation durchzuführen. Seit im Mai 2003 35 Menschen, darunter 9 US-Bürger, bei einer Anschlagsserie getötet wurden, hält dieses Muster an. Zwar gelang es den saudischen Sicherheitsbehörden, 2003 beziehungsweise 2004 die beiden seinerzeitigen saudischen Qaida-Chefs Jusuf al-Uairi und Abd al-Aziz al-Mukrin zu töten. Doch an der Gefährdung des autokratisch und fundamentalistisch regierten Königreichs änderte das offenkundig nichts. Die Bilanz ist erschreckend, Saudi-Arabien ist bereits nachhaltig destabilisiert und der wirtschaftliche Schaden immens.

Rauch über dem attackierten US-Konsulat: "Corporate Identity" als Ziel
AFP

Rauch über dem attackierten US-Konsulat: "Corporate Identity" als Ziel

Die "Vertreibung der Ungläubigen von der Arabischen Halbinsel" lautet das allen Anschlägen zu Grunde liegende Programm der Qaida in Saudi-Arabien. Seit das saudische Königshaus im ersten Golfkrieg Anfang der Neunziger Jahre die Stationierung von US-Truppen zuließ, stand es im Fadenkreuz. Niemand geringerer als Osama Bin Laden selbst hat diese Ideologie als erster definiert. Während man es heute zum Beispiel im Irak mit immer neuen al-Qaida-Filialen zu tun hat, ist der saudische "Zweig" in Wahrheit der Stamm dieses Terrornetzwerks, er ist so etwas wie das Mutterhaus der Terror-Holding Bin Ladens.

Von wem die saudische Qaida derzeit geführt wird, ist unterdessen unklar: Nach dem Tod al-Mukrins im Sommer dieses Jahres übernahm zunächst Saleh Oufi diese Position. Im November jedoch erklärte sich Said Otaibi zum Führer des Netzwerks. Seine Selbsternennung blieb unwidersprochen. Inzwischen gibt es Gerüchte, Oufi sei nach einem Schusswechsel verstorben; eine Bestätigung gibt es aber nicht.

Sicher ist dennoch: In keinem anderen Land sind die Verbindungen zwischen Terroristen, Sympathisanten und Unterstützern so eng wie hier. Al-Qaida ist im Kern immer eine saudische Organisation gewesen. Mit ihren Publikationen, ihrer theologischen Argumentationsweise und ihren Online-Dschihad-Handbüchern holt al-Qaida islamistisch eingestellte und radikalisierte junge Saudi-Araber punktgenau ab. Der saudische Staat reagiert mit verhaltenen Reformschritten auf diese Bedrohung.

Genutzt hat das bisher wenig: Denn die islamistische Opposition will keine Demokratie, sondern einen noch strenger geführten, noch fundamentalistischeren Gottesstaat - mit weniger korrupten und gläubigeren Männern an der Spitze als dem saudischen König und den Tausenden Kronprinzen und Prinzen, die vor allem durch Dekadenz von sich reden machen.

Sinnvoller wäre es, die Regierung würde gegen die Hetzprediger vorgehen, die zu Hunderten die Jugendlichen radikalisieren; doch einige von ihnen genießen den persönlichen Schutz von Mitgliedern der Königsfamilie. Von Tausenden potenziellen Qaida-Terroristen in Saudi-Arabien ist mittlerweile die Rede.

Verbale Umarmung für den Konkurrenten

Getöter Qaida-Chef al-Mukrin: Auf Saudis zugeschnittene Propaganda
AFP

Getöter Qaida-Chef al-Mukrin: Auf Saudis zugeschnittene Propaganda

In ihrem Bekennerschreiben steckten die Terroristen ihre Ziele sogar noch weiter: Gleich zwei Mal stellten sie einen Bezug zum Irak her. Sie tauften den Anschlag in Anspielung auf die gleichnamige irakische Rebellenhochburg "Falludscha" und betitelten die Angreifergruppe als "Kämpferschar des Märytrers Abu Ana al-Schami". Al-Schami, ein Jordanier, war bis zu seinem Tode der islamische Rechtsberater des im Irak sein Unwesen treibenden Terroristen Abu Musab al-Zarkawi. Der wiederum schwor im vergangenen Monat dem Qaida-Gründer Osama Bin Laden die Gefolgschaft und änderte den Namen seiner eigenen Organisation "al-Tawhid wa al-Dschihad" zu "Organisation al-Qaida im Zweistromland".

Diese Reminiszenz an das Schlachtfeld im Irak soll verdeutlichen, dass sich die saudische Qaida als integralen Bestandteil des Gesamtnetzwerks sieht. Ihre Kämpfer wollen den Anschluss an den internationalen Dschihad nicht verlieren, ein Stück des mörderischen Rufes al-Zarkawis und seiner Truppe soll nach Saudi-Arabien ausstrahlen. Insgesamt soll so das Bild eines international aktiven Netzwerks mit "Corporate Identity" gestärkt werden.

Längst ist der Irak zum Tummelplatz von Dschihadisten aus aller Herren Länder geworden und übernimmt zusehends die Funktion, die Afghanistan unter den Taliban einnahm. Wer im Irak die Kämpfer anführt, ist der Mann der Stunde.

Daran, dass die saudische Qaida sich auch künftig vor allem auf dem Kampf innerhalb Saudi-Arabiens konzentrieren wird, kann derweil kein Zweifel bestehen. Im Gegenteil: Gilt das Gesetz der Serie, ist sogar in nächster Zeit mit weiteren Anschlägen in Saudi-Arabien zu rechnen, denn bisher gab es in diesem Land zumeist Monate der Ruhe unterbrochen von Wochen des Terrors. Trotz aller gegenteiliger Beteuerungen des Regimes ist offenkundig: Das Wüstenkönigreich ist noch immer eine offene Flanke im Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

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