Getöteter Terrorist Samir Kuntar Der pure Hass auf Israel

Mit 16 ermordete er einen Vater und dessen vierjährige Tochter. Fast 30 Jahre saß er im Gefängnis, zuletzt soll er neue Anschläge gegen Israel geplant haben. Nun ist Samir Kuntar bei einem israelischen Luftangriff bei Damaskus getötet worden.

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Samir Kuntar hielt Wort: "Ich werde den Kampf gegen Israel fortsetzen", hatte der Libanese am 16. Juli 2008 angekündigt. An jenem Tag war Kuntar nach fast 30 Jahren aus israelischer Haft freigekommen.

An diesem Wochenende wurde Kuntar mit acht weiteren Personen bei einem israelischen Luftangriff auf Dscharamana, einen Vorort südlich von Damaskus, getötet. Zuletzt soll er ein Terrornetzwerk am Fuße der Golanhöhen aufgebaut haben.

Kuntars Terrorkarriere beginnt, als er gerade einmal 16 Jahre alt ist. Nach Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs und der israelischen Invasion seines Heimatlandes schließt sich der Jugendliche der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) an, die mehrere Militärlager im Libanon unterhält.

Im April 1979 schickt ihn die PLF als Anführer eines Terrorkommandos auf eine Mission nach Israel. Gemeinsam mit drei Komplizen fährt Kuntar mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer in die Küstenstadt Naharija. Sie sollen Israelis als Geiseln nehmen, die dann gegen palästinensische Gefangene ausgetauscht werden sollen.

Mord am Strand

Die Terroristen dringen in die Wohnung der Familie Haran ein. Sie verschleppen den Familienvater Danny und die kleine Tochter Einat an den Strand. Dort werden sie von Sicherheitskräften gestellt. Laut Augenzeugen erschießt Kuntar zuerst den Vater vor den Augen des Kindes, dann erschlägt er die Vierjährige.

Während des Schusswechsels versteckt sich Dannys Ehefrau Smadar in einem Raum über dem Schlafzimmer. In ihren Armen hält sie die zweijährige Tochter Yael. Sie hält dem Mädchen den Mund zu, damit die Terroristen nicht auf das Versteck aufmerksam werden. Dabei erstickt die Mutter ihre kleine Tochter.

Die Sicherheitskräfte töten zwei PLF-Angreifer, Kuntar und ein weiterer Komplize werden festgenommen. Vor Gericht räumt er ein, für den Tod von zwei Polizisten verantwortlich gewesen zu sein. Die Morde an Danny und Einat Haran bestreitet Kuntar. Obwohl er zum Zeitpunkt des Verbrechens erst 16 war, verurteilt ihn das Gericht zu vierfach lebenslanger Haft.

Entführtes Kreuzfahrtschiff

Im Oktober 1985 entführt ein PLF-Kommando das Kreuzfahrtschiff "Achille Lauro" vor der ägyptischen Küste. Die Geiselnehmer verlangen die Freilassung von Kuntar und rund 50 palästinensischen Gefangenen aus israelischer Haft. Die Terroristen erschießen den gelähmten jüdischen US-Bürger Leon Klinghoffer und werfen seine Leiche samt Rollstuhl über Bord. Das Schiff wird schließlich in Port Said festgesetzt, der Versuch, Kuntar freizupressen, scheitert.

Kuntar muss weitere 23 Jahre auf seine Freilassung warten. Inzwischen hat ihn die schiitische Hisbollah "adoptiert". Die libanesische Miliz, die erst Jahre nach Kuntars Terrorüberfall gegründet wurde, erklärt seine Freipressung zu einem ihrer obersten Ziele. Im Juli 2008 ist es dank Vermittlung des deutschen BND-Agenten Gerhard Conrad so weit: Israel überstellt Kuntar und vier weitere Hisbollah-Kämpfer nach Libanon, im Gegenzug übergibt die Hisbollah den Israelis die sterblichen Überreste der 2006 verschleppten und getöteten Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev.

Orden von Assad

Im Libanon wird Kuntar wie ein Volksheld empfangen. Staatspräsident Michel Suleiman, Regierungschef Fuad Siniora sowie muslimische und christliche Würdenträger begrüßen den freigelassenen Terroristen am Beiruter Flughafen. Die Hisbollah richtet ein großes Willkommensfest aus, regelmäßig tritt Kuntar als Stargast in Talkshows auf. "Wenn Gott will, bekomme ich die Gelegenheit, noch mehr Israelis zu töten", sagt er in einem Interview.

Syriens Diktator Baschar al-Assad verleiht Kuntar wenig später den höchsten Verdienstorden des Landes. Dann taucht der Terrorist wieder ab. Nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste wird er der Hisbollah-Statthalter auf dem von Syrien kontrollierten Teil der Golanhöhen. Kuntar ist dafür der geeignete Mann: Er ist Druse, genauso wie die meisten Bewohner der Bergregion. Dort soll er offenbar Angriffe auf Israel vorbereiten.

Im Laufe des syrischen Bürgerkriegs scheint sich Kuntars Rolle zu verändern. Ron Ben-Yishai, Israels renommiertester Kriegsjournalist, berichtet unter Berufung auf Geheimdienstquellen, Kuntar habe sich in den vergangenen Monaten von der Hisbollah gelöst. Stattdessen habe er als "selbständiger Terrorist" mit Milizen des syrischen Regimes kooperiert. Israel habe Kuntar als "tickende Zeitbombe" betrachtet, offenbar habe er einen Terroranschlag in Nordisrael geplant. Nach Ben-Yishais Lesart sei die Hisbollah gar nicht so unglücklich über Kuntars Tod, weil die schiitische Miliz derzeit überhaupt kein Interesse an einer Konfrontation mit Israel habe.

Smadar Haran äußerte sich im israelischen Armeerundfunk über den Mörder ihrer Familie. Sie bezeichnete Kuntars Tod als "historische Gerechtigkeit".

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