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Geiselnahme in Tunesien: Ein Anschlag auf die junge Demokratie

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Tunesiens Wirtschaft steckt seit Jahren in der Krise, Dschihadisten breiten sich aus. Bei einem Anschlag in der Hauptstadt starben jetzt 21 Menschen, darunter viele Touristen. Für die noch junge Demokratie ist das ein herber Rückschlag.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Fast eine halbe Million Deutsche haben im vergangenen Jahr ihren Urlaub in Tunesien verbracht, beinahe wieder so viele wie vor den Aufständen 2011. Die meisten von ihnen kommen wegen der Strände, manche auch wegen der Ruinen von Karthago, der Altstadt von Kairouan, Djerba, dem archäologischen Bardo-Museum in Tunis.

Doch zwei dieser beliebten Ziele stehen jetzt auch für den Terror:

  • Auf der Insel Djerba rammte 2002 ein mit Treibstoff beladener Lastwagen eine Synagoge. 21 Menschen starben bei der Explosion, darunter 14 deutsche Touristen. Zu dem Anschlag bekannte sich al-Qaida.

Bisher hat sich noch keine Organisation zum Anschlag auf das Bardo-Museum bekannt. Auf Twitter feierten zwar Anhänger des "Islamischen Staates" (IS) die Tat. Doch genauso könnte erneut wieder al-Qaida dafür verantwortlich sein. Al-Qaida in Nordafrika (AQMI) rief erst kürzlich zu Anschlägen in Tunesien auf.

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Geiselnahme in Tunesien: Terror in Tunis

IS und al-Qaida konkurrieren um Anhänger

In Tunesien gibt es sowohl Gruppen, die sich zum IS bekennen, als auch Organisationen, die al-Qaida die Treue halten. In der perversen Logik der Radikalen ist es sogar möglich, dass diese Rivalität unter den Dschihadisten in Tunesien bei dem Anschlag eine Rolle gespielt hat: Eine Gruppe könnte durch das Attentat versucht haben, sich als besonders "attraktiv" für neue Anhänger darzustellen.

Die Lage in Tunesien ist damit heute ganz anders als zum Zeitpunkt der Anschläge von Djerba. Damals gab es in dem Land nur vereinzelt Dschihadistenzellen, obwohl radikale Tunesier bereits zu den Kriegen in Bosnien oder Afghanistan reisten. Inzwischen jedoch gibt es in dem nordafrikanischen Staat eine große gewaltbereite salafistische Bewegung.

Die Dschihadisten sind vor allem in den wirtschaftlich vernachlässigten Gegenden des Landes aktiv - den Vororten von Tunis und den Provinzen im Inneren des Landes. Deshalb war jetzt der Schock für die Tunesier groß, als der islamistische Terror im Zentrum der Hauptstadt zuschlug, wo junge Frauen und Männer gerne die Prachtstraßen entlangflanieren und auf den Terrassen der Cafés Espresso trinken.

Die Dschihadisten haben sich rasant ausgebreitet

"Seit Ende 2012 ist auch in Tunesien Dschihadismus ein manifestes Problem", warnte vor kurzem die Stiftung Wissenschaft und Politik, ein renommierter außenpolitischer Thinktank in Berlin. Die Sicherheitsprobleme würden bereits die Demokratisierung in dem Land gefährden.

Mehrere Faktoren ermöglichten es den Dschihadisten, sich in dem Land auszubreiten.

  • Politischer Umbruch: Demokratische Strukturen befinden sich in Tunesien, wo Ende 2010 der Arabische Frühling begann, erst im Aufbau. Der Staat ist geschwächt, auch der Sicherheitsapparat wurde reformiert. Gewaltbereite Gruppen konnten dieses Vakuum nutzen und sich ausbreiten. Die neue islamistische Regierung ignorierte zwei Jahre lang das Dschihadistenproblem, um nicht Teile ihrer Anhängerschaft zu verärgern. Erst als 2013 zwei linke Oppositionspolitiker ermordet wurden, fing die Regierung an, gegen die Radikalen vorzugehen. Inzwischen haben die Islamisten eingewilligt, ihre Macht mit den Säkularen in einer Regierung der nationalen Einheit zu teilen.

  • Wirtschaftsmisere: Während der politischen Umbrüche 2011 ging der Tourismus zurück, Tunesiens wichtigste Einkommensquelle. Das verschärfte die wirtschaftliche Misere weiter, die bereits ein wesentlicher Grund für die Aufstände war. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt inzwischen rund 40 Prozent. Tunesiens junge frustrierte Männer sind offenbar besonders anfällig für Dschihadismus: Mehr als 3000 Tunesier sind bereits nach Syrien ausgereist - im Pro-Kopf-Vergleich so viele wie aus keinem anderen Land. Rund 500 von ihnen sollen wieder zurückgekehrt sein.

  • Instabile Nachbarschaft: Tunesien liegt zwischen Algerien und Libyen, zwei Ländern mit großen Islamismusproblemen. Vor allem in den Grenzgebieten kommt es deshalb immer wieder zu Anschlägen. Immer wieder werden zudem Waffendepots entdeckt, die aus den Nachbarländern nach Tunesien geschmuggelt wurden.

Ob der Anschlag auf das Museum von einer kleinen, isolierten Zelle oder einer größeren einheimischen Gruppe ausgeführt wurde, ist noch unklar. Doch die Morde werfen ein Schlaglicht auf Tunesiens Sicherheitslage: Tunesiens Demokratie ist in Gefahr.


Zusammengefasst: Mehr als 20 Menschen starben bei einem Anschlag auf das Bardo-Museum in Tunis. Das Attentat ist ein Beleg für die fragile Sicherheitslage in dem Land. Denn Dschihadisten sind stark vertreten.


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Fläche: 163.610 km²

Bevölkerung: 10,983 Mio.

Hauptstadt: Tunis

Staatsoberhaupt:
Beji Caid Essebsi

Regierungschef: Habib Essid (seit Februar 2015)

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