Terror in Tunesien Sehnsucht nach dem Diktator

Nach dem Terrorangriff auf Touristen ringt Tunesien mit den Folgen. Touristen reisen ab, und Einheimische sehnen sich nach der Zeit des Diktators Ben Ali.

Aus Sousse berichtet

AP

Busse voller Touristen bahnen sich ihren Weg durch die Menge der Schaulustigen und Reporter. Die Reisenden verlassen Sousse, eine Küstenstadt 130 Kilometer südlich von Tunis. Das Urlaubsparadies mit Hunderten von Hotels direkt an feinen Sandstränden verliert seine Haupteinnahmequelle. Am Freitag haben mutmaßlich zwei Täter zur Mittagszeit Touristen am Strand und im Hotel Imperial Marhaba angegriffen und dabei 38 Menschen getötet.

Etwa 20.000 Menschen in Sousse leben vom Tourismus, die drittgrößte Stadt Tunesiens ist eigentlich eine Ansammlung von Hotels, Ferienwohnungen, Restaurants und Bars. "Es ist eine Katastrophe", sagt Saloua Guedri von der staatlichen Tourismusbehörde. Sie ist die für Sousse zuständige Beamtin. "Jetzt ist die Zeit zu trauern und den Betroffenen zu helfen. Aber ich hoffe auch, dass dieser Anschlag uns wirtschaftlich nicht das Genick bricht", sagt sie und verschwindet in die Lobby, wo ebenfalls mehrere Menschen von Kugeln getroffen worden waren.

Der Strand ist am Samstagabend wieder geöffnet. Ein paar Leute, die baden wollen, verirren sich hierher. Nur der Abschnitt rund um den Anschlagsort ist abgesperrt mit schwarz-gelbem Plastikband. An einer Stelle liegen Blumen und Karten mit bewegenden Abschiedsgrüßen. Dass auch am Tag nach dem Angriff Blutspuren im Sand zu erkennen sind, zeigt, welches Drama sich hier abgespielt haben muss.

Attentäter soll gezielt auf westliche Touristen geschossen haben

Die Menschen reden von Saifuddin Reezgui, jenem Attentäter, der später von der Polizei erschossen wurde. Sein Bild kursiert im Internet, ein junger Mann, der mit zwei Kalaschnikows posiert. Elektrotechniker war er, 24 Jahre alt, keine Vorstrafen, aus Gaafour, einer ärmlichen Kleinstadt im Zentrum Tunesiens. Seit zwei Jahren soll er in Kairouan gelebt haben, in einer eigenen Wohnung. Dort, sagen Leute, die ihn kennen, habe er regelmäßig eine Moschee besucht, die von Ansar al-Scharia betrieben wird, einer Gruppe, die von Tunesien vor zwei Jahren als Terrororganisation eingestuft wurde.

Mehrere Augenzeugen berichten, dass Reezgui mit einem Sonnenschirm unterm Arm den Strand entlangspazierte, direkt auf das Hotel zu. Dort zog er aus dem Schirm ein Gewehr hervor und begann, auf die Menschen auf den Liegen zu feuern. "Ich hab mit einem Stuhl nach ihm geworfen, aber er schubste mich zur Seite und sagte: 'Hau ab und fick deine Mutter, ich will doch nicht Leute wie dich töten'", erzählt ein Wachmann Journalisten.

Die Aussagen decken sich: Er soll es gezielt auf westliche Touristen abgesehen haben. Dabei gibt es unterschiedliche Angaben über einen zweiten Täter. Zunächst wurde entsprechend berichtet, die Regierung verneinte. Nun ist doch von einer zweiten Person die Rede. Der "Islamische Staat" beansprucht die Täterschaft für sich, noch ist unklar, ob die Terrororganisation wirklich dahintersteckt.

Sehnsucht nach dem entmachteten Ex-Diktator

"Es reicht!", schimpft ein junger Mann, der im Hotel nebenan arbeitet. "Wir brauchen unbedingt strengere Gesetze und vor allem eine Polizei, die ihre Arbeit macht und nicht faul im Schatten liegt oder versucht, irgendwem Geld aus der Tasche zu ziehen. Unter Ben Ali gab es so etwas nicht!" Solche Stimmen hört man überall in Sousse: Sehnsucht nach Ben Ali.

Im Video: Sicherheitskräfte zwischen Sonnenliegen

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Ausgerechnet Zine el-Abidine Ben Ali, jener Diktator, der das Land mehr als zwei Jahrzehnte autokratisch regierte und sich und seine Familie dabei schamlos bereicherte. "Ben Ali war vielleicht ein Dieb, aber unter ihm ging es der Wirtschaft gut und Tunesien war ein sicheres Land", sagt der Souvenirhändler Chelli. "Was nützt uns Demokratie, wenn wir keine Arbeit haben und es keine Sicherheit gibt?"

Es sind tragische Worte für Tunesien, jenes Land, in dem die arabische Revolution ihren Anfang nahm. Am 17. Dezember 2010 zündete sich ein junger Obsthändler in einer armen Kleinstadt an, weil er gegen die Willkür der Herrschenden protestieren wollte. Mohammed Boazizi starb, aber seine Wut übertrug sich zunächst auf das ganze Land und später auf nahezu die gesamte arabische Welt. Es war die wirtschaftliche Not der jungen Tunesier und das Klima der Unterdrückung, die eine große Bewegung in Gang setzten. Ben Ali floh am 14. Januar 2011 mit seiner Familie nach Saudi-Arabien. Tunesien wurde das einzige Land, das sich infolge des Arabischen Frühlings einigermaßen demokratisch entwickelte.

Aber die Rufe nach einer "starken Hand" werden immer lauter, denn wirtschaftlich entwickelt sich Tunesien seit Ben Alis Sturz eher schwach. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu, Preise für Lebensmittel steigen dramatisch, immer mehr Menschen rutschen in die Armut. Der Frust der Jungen ist größer als zu Beginn des Aufstandes. Es scheint, als verlören sie das Selbstvertrauen, das sie aus ihrer erfolgreichen Rebellion gewonnen hatten.

Polizeiposten vor Touristenhotels

Außerdem rufen radikale Islamisten immer häufiger zu Anschlägen in Tunesien auf. "Sie tun das, weil wir das freieste Land in der arabischen Welt sind", sagt Premierminister Habib Essid. "Wir werden nicht zulassen, dass sie unseren Lebensstil verändern. Notfalls werden wir ihn mit unserem Leben verteidigen", erklärt er am Samstag. Die Touristenpolizei solle künftig mit Schusswaffen ausgestattet, vor Hotels sollen Polizeiposten errichtet werden.

Genau diese Entwicklung aber beobachten Menschenrechtsorganisationen mit Sorge. Tunesien plane ein neues Anti-Terror-Gesetz, das einer Rückkehr zum Polizeistaat nahekommt, heißt es zum Beispiel bei Amnesty International. Was Terror ist, soll in Zukunft breiter definiert werden. Dann sollen selbst Verkehrsdelikte oder die Teilnahme an Demonstrationen als Terror ausgelegt werden dürfen.

In der Bevölkerung kommen solche Vorhaben spätestens seit dem Anschlag vor dem Parlament in Tunis und bei der anschließenden Geiselnahme im benachbarten Bardo-Museum im März immer besser an. "Schon damals blieben die Touristen aus, und wir verdienten nichts mehr", sagt Händler Chelli. Regierungspolitiker betonen, dass "alles" getan werden müsse, um die rückläufige Entwicklung im Tourismus zu stoppen.

Ein Bus nach dem anderen verlässt Sousse. Darin sitzen vor allem Briten, weil das Außenministerium in London eine Reisewarnung für Tunesien ausgesprochen hat. Aber auch Deutsche verlassen das Land. Allein in Sousse waren es nach Angaben von TUI, das am Imperial-Marhaba-Betreiber RIU beteiligt ist, noch am Tag des Anschlags 80 Personen, bis Sonntag wollen weitere 120 deutsche TUI-Kunden abreisen.

"Wenigstens bleiben uns die libyschen und ägyptischen Touristen", sagt Chelli. "Das sind zwar in Wahrheit Flüchtlinge, die kein Geld haben und uns nichts bringen, aber bei denen zu Hause ist die Lage noch schlimmer."

Im Video: Deutsche Augenzeugen berichten vom Anschlag

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