Terror in Tunesien Steinmeier bestätigt deutsches Todesopfer

38 Menschen sind tot, Touristen verlassen das Land: Der Terroranschlag von Sousse trifft Tunesien schwer. Mindestens ein Bundesbürger ist unter den Opfern. Besonders viele Tote hat Großbritannien zu beklagen.

Bewaffneter Polizist vor dem Imperial Marhaba Hotel: Regierung erhöht Sicherheitsmaßnahmen
DPA

Bewaffneter Polizist vor dem Imperial Marhaba Hotel: Regierung erhöht Sicherheitsmaßnahmen


Bei dem Terroranschlag auf ein tunesisches Hotel ist mindestens ein Bundesbürger gestorben. Das hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier bestätigt. Eine weitere deutsche Staatsangehörige sei verletzt worden, sagte er. Es könne nicht völlig ausgeschlossen werden, "dass noch einige wenige Deutsche unter den Opfern sind". Steinmeier sprach den Familien der Opfer sein Mitgefühl aus. Dies habe er auch seinem britischen Kollegen Philip Hammond übermittelt.

Aus Großbritannien stammen die meisten der Toten - jüngsten Angaben zufolge mindestens 15 der insgesamt 38 Getöteten. Das Außenministerium in London teilte mit, es handle sich um den schlimmsten Terrorangriff auf britische Bürger seit dem 7. Juli 2005. Damals waren bei Selbstmordanschlägen in der Londoner U-Bahn 52 Menschen getötet und Hunderte verletzt worden.

Laut dem tunesischem Gesundheitsministerium wurden bislang neben den 15 Briten eine Belgierin und ein Deutscher identifiziert. Auch drei irische Bürger und eine Portugiesin starben, wie die jeweiligen Regierungen mitteilten. Die Identifizierung ist laut den tunesischen Behörden schwierig, da viele der Opfer am Strand oder am Swimmingpool in Badekleidung erschossen wurden und keine Papiere bei sich hatten.

Attentäter war Sicherheitsbehörden unbekannt

Der Angreifer ging offenbar planvoll vor. Er habe sich systematisch vom Strand zum Poolbereich und in die Lobby vorgearbeitet, sagte die Hotelangestellte Imen Belfekih. Der Mann habe Granaten geworfen - "wir haben nur schwarz gesehen, alles war voller Rauch". Belfekih versteckte sich mit Gästen in Büroräumen des Hotels.

Gäste beschrieben, welch chaotische Szenen sich in dem Hotel abspielten. In panischer Angst hätten Urlauber, die teilweise selbst verletzt worden seien, nach Angehörigen geschrien und seien Hotelflure entlanggerannt. Die Touristen hätten gegen Türen gehämmert - in der Hoffnung, in die Zimmer gelassen zu werden und Schutz zu finden.

Der erschossene Täter war den Behörden vorher nicht aufgefallen. Niemals hatten ihn staatliche Stellen laut Regierungschef Habib Essid mit terroristischen Vereinigungen in Verbindung gebracht. Dann kam der Freitag. Der junge Mann zog am Strand des Touristenhotels Riu Imperial Marhaba in Port el Kantaoui bei Sousse ein Sturmgewehr aus einem Sonnenschirm und eröffnete das Feuer. Fotos zeigen ihn während der Tat. Er trägt eine kurze Hose und ein schwarzes T-Shirt.

38 Menschen starben, ehe Sicherheitskräfte den Angreifer töteten. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" bekannte sich zu der Tat. Bei den getöteten Menschen handele es sich "zum Großteil um Angehörige von Staaten, die gegen den IS kämpfen", hieß es.

Generalbundesanwalt Harald Range leitete ein Ermittlungsverfahren ein. Es gehe um den Verdacht des Mordes, des Mordversuchs und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland. Mit den Ermittlungen hat Range das Bundeskriminalamt beauftragt. Da auch Deutsche unter den Opfern seien, sei Deutschland von dem Attentat direkt betroffen, hieß es.

Über den Täter ist wenig bekannt. Er stammte aus einer armen Gegend in der nordtunesischen Provinz Siliana. Laut der Zeitung "Al-Chourouk" war er einst Religionsschüler in einer nichtstaatlichen Einrichtung. Zudem hatte er Elektroingenieurswesen studiert, und zwar in der Stadt Kairouan, einer Hochburg von Salafisten. Nach Angaben der Regierung hatte er Tunesien nie verlassen. Zum Alter des Mannes gibt es widersprüchliche Angaben: Manche Quellen zufolge war er 23, andere geben sein Alter mit 24 an. Er soll Sousse "Al-Chourouk" zufolge gekannt haben, weil er in der Hafenstadt einmal gearbeitet hatte.

Regierung aktiviert Reservisten der Armee

"Der Kampf gegen Terrorismus ist eine nationale Verantwortung", sagte Premierminister Habib Essid. Er kündigte die Schließung von 80 Moscheen an, in denen Gläubige "zum Terrorismus angestachelt" wurden. Zudem versprach er eine Belohnung für Informationen, die zur Festnahme von Terrorverdächtigen führen.

Die Regierung will Reservisten der Armee in den Dienst rufen, um Touristenziele im Land und Hotels zu schützen. Essid rief aber auch Hoteliers auf, selbst mehr für Sicherheit zu tun.

Die Regierung steht wegen als zu lasch empfundener Anti-Terror-Maßnahmen in der Kritik, besonders, seit am 21. März zwei Männer bei einem Angriff auf das Bardo-Nationalmuseum in Tunis 21 Touristen und einen Polizisten töteten.

Der Schaden des Angriffs für die Tourismusbranche im Land ist noch nicht abzusehen. Reiseveranstalter bieten ihren Kunden an, kostenlos umzubuchen oder zu stornieren. Nach dem Angriff im März war der Tourismus um 25 Prozent eingebrochen.

ulz/dpa/Reuters/AP

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