Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Terror-Planung im Internet: Bin Ladens Mailbox

Von Yassin Musharbash

Das Terrornetzwerk al-Qaida versucht, im Internet Rekruten zu finden. Das zeigen Dokumente, die SPIEGEL ONLINE vorliegen und von Experten des BND für authentisch gehalten werden. Sogar E-Mail-Adressen, an die man Anschlagspläne vorab zur Begutachtung schicken soll, finden sich in einschlägigen Qaida-nahen Magazinen.

Titelseite eines aktuellen Qaida-Magazins: "Vorhaben" sollen eingeschickt werden

Titelseite eines aktuellen Qaida-Magazins: "Vorhaben" sollen eingeschickt werden

Berlin - Seine alle 14 Tage erscheinende Kolumne schloss Abu Hadschir al-Mukrin dieses Mal mit einer Bitte: Diejenigen "Brüder", die sich vorgenommen hätten, mitzumachen, möchten doch ihre "Vorhaben" und "Pläne für Operationen" bitte per E-Mail an die unten angegebene Adresse schicken - "damit", so der altgediente Qaida-Kader weiter, "wir sie begutachten, die besten zur Verbreitung aussuchen ... und Anmerkungen machen." Die Einsender sollten allerdings darauf achten, nicht die Orte zu erwähnen, an denen sich ihre Ziele befinden, gab al-Mukrin zu bedenken.

Vor einer guten Woche erschien diese Aufforderung in dem 14-täglich erscheinenden Online-Magazin "Mu'askar al-Battar", das sich selbst als zur Qaida zugehörig bezeichnet. SPIEGEL ONLINE liegen acht Ausgaben dieses Magazins vor. Die Autoren sind zum Teil bekannte Qaida-Kämpfer. Das mit religiöser Rechtfertigung, Frontberichten und einem waffenkundlichen Teil ausgestattete Magazin scheint sich dabei, betrachtet man die zahllosen Anspielungen auf dieses Land, vor allem an junge Saudiaraber zu richten. Sie werden angeregt, Zellen zu gründen, sich nach dem mitgelieferten Trainingsplan militärisch auszubilden - und eben Operationen zu planen.

Das Internet wird die Kuriere ablösen

Bei E-Mail also Anschlag? Sicher ist: Das Terrornetzwerk al-Qaida, das Osama Bin Laden einst im afghanischen Bergland gründete, ist mittlerweile in der virtuellen Gegenwart angekommen. Die altmodischen Kommunikationswege mit Kurieren, die tagelang unterwegs sind, sterben allmählich aus; das Internet, so vermutet auch der Bundesnachrichtendienst (BND), wird die überkommenen Methoden über kurz oder lang ablösen. Auch das operative Geschäft, die Anschlagsplanung etwa, dürfte langfristig in das World Wide Web abwandern.

Qaida-Gründer Osama Bin Laden: "Stimme des Dschihad"
DPA

Qaida-Gründer Osama Bin Laden: "Stimme des Dschihad"

Schon seit langem benutzt al-Qaida einschlägige Internetforen, um Bekennerschreiben unters Volk zu bringen. Wegen der Vielzahl von Trittbrettfahrern gelten dabei selbst in der internationalen Dschihadisten-Szene nur bestimmte Seiten als authentisch.

Vor einigen Monaten begannen einige al-Qaida-Kader dann damit, zwei regelmäßige Online-Publikationen zu erstellen: Mittlerweile 14 Ausgaben gibt es von "Sawt al-Dschihad", der "Stimme des Dschihad". Alle liegen SPIEGEL ONLINE vor. Hier geht es vor allem um Ideologisches und religiöse Rechtleitung: In arabischer Sprache werden Bin-Laden-Reden analysiert, die Lebenswege berühmter Mudschahidin nachgezeichnet, Heldengedichte und Koran-Interpretationen gedruckt.

Virtuelles Trainingscamp

Auf die "Stimme des Dschihad" folgte vor vier Monaten dann erstmals die Publikation "Mu'askar al-Battar", die sich auf die militärische Seite des Dschihads konzentriert. Beide Magazine erscheinen mit illustrierten Titelseiten, einem Inhaltsverzeichnis und mehreren Aufsätzen fester Autoren. Beide dienen, sind sich internationale Experten sicher, zu einem großen Teil dazu, die innere Einheit der Organisation und ihrer Sympathisanten zu festigen: Ständig wiederkehrende theologische Rechtfertigungen für den bewaffneten Kampf "auf dem Pfade Gottes" sollen die Mudschahidin zusammenschweißen.

Bombenexplosion in Riad: Ratschläge für die eigene Zelle
DPA

Bombenexplosion in Riad: Ratschläge für die eigene Zelle

Zumindest "Mu'askar al-Battar" - was sich am besten als "Das Trainingscamp" des "al-Battar", einem mittlerweile getöteten Qaida-Kämpfer mit Klarnamen Jusuf al-Airi, übersetzen lässt - ist nun aber wohl dabei, die Grenze zwischen Propaganda und operativem Geschäft zu verwischen.

Ratschläge für die eigene Zelle

In dem Magazin, von dem bislang acht Nummern erschienen, gibt es sowohl Wochenpläne für Ernährung und Körperertüchtigung, als auch Hinweise darauf, wie man am besten eine eigene Zelle organisiert. "Die Anzahl (der Mitglieder) richtet sich nach dem Umfang der Operation, aber die Größe einer Untergruppe ... ist vier Personen. Es gibt jedoch auch Gemeinschaften, deren Mitgliederzahl 30 beträgt; diese sind dann in Untergruppen unterteilt", heißt es zum Beispiel. Ferner sei darauf zu achten, dass der Sicherheit halber nur die Führungen der einzelnen Gruppen miteinander kommunizieren, nicht aber die einfachen Mitglieder.

An anderer Stelle wird der Kampf der Mudschahidin mit dem eines Flohs gegen den Hund verglichen: "Der Floh... fügt dem Hund immer wieder Verletzungen zu und flieht" - so lange, bis der Hund schließlich "sein Gleichgewicht verliert, ausgezehrt ist und getötet wird". Osama Bin Laden wird als Meister dieser Art von "Beharrlichkeit" genannt.

Qaida-Magazin "Mu'askar al-Battar": Theologie, Waffenkunde, Ratschläge für den Dschihad

Qaida-Magazin "Mu'askar al-Battar": Theologie, Waffenkunde, Ratschläge für den Dschihad

Viele Ratschläge sind reichlich banal ("Samstag: eine halbe Stunde laufen; Sonntag: 45 Minuten laufen"). Andere jedoch geben eine deutliche Richtung vor: Eine Zelle solle stets versuchen, auch mit herkömmlichen Mitteln zu arbeiten; die Nutzung ziviler Flugzeuge durch die Attentäter des 11. September sei ein gelungenes Beispiel dafür, steht etwa in der aktuellen Ausgabe zu lesen, an deren Ende sich auch die E-Mail-Adresse findet, an die man seine Anschlagspläne senden soll. Es war auch eine Ausgabe von "Mu'askar al-Battar", in der sich Ende März eine Rangfolge erwünschter Anschlagsziele fand, an deren erster Stelle Juden standen.

Beide Magazine sind indes keine internen Qaida-Papiere - und nicht mit gelegentlich erscheinenden Strategiepapieren zu verwechseln, etwa dem im Dezember 2003 erstmals im Internet aufgetauchten Konzept für den Terror im Irak. Präzise Ankündigungen von Anschlägen findet man hier nicht, für die Geheimdienste sind die Publikationen deshalb keine geeignete Quelle für Gefahrenprognosen. Allenfalls in Bälde zu erwartende Bin-Laden-Videos werden vorausgesagt.

Dschihad-Begeisterte können Kontakt aufnehmen

Mit der "Stimme des Dschihad" und "Mu'askar al-Battar" versucht das Terrornetzwerk aber offensichtlich, den Kontakt zu seinen Sympathisanten auszuweiten und zu verbessern. Diesen wird offensiv das Gefühl vermittelt, dass auch sie Teil des weltweiten Dschihad sein können.

Bin-Laden-Anhänger: Trainigscamps sind nicht mehr notwendig
AP

Bin-Laden-Anhänger: Trainigscamps sind nicht mehr notwendig

Und zwar an jedem Ort. Denn die Ausbildung in einem Terror-Camp wird nicht zur Voraussetzung gemacht: Es sei nicht notwendig, heißt es im Schlusswort der ersten Ausgabe von "Mu'askar al-Battar", in "die großen Militärcamps" zu reisen - "Mit der Erlaubnis Gottes ist es dir auch möglich, für dich allein, in deinem Zuhause, oder gemeinsam mit deinen Geschwistern in Gott mit der Durchführung dieses Programms zu beginnen... ."

Eine Leser-Blatt-Bindung besonders explosiver Art, auf die hier abgezielt wird: Bin-Laden-Anhänger etwa, die über Eigenschaften und Fertigkeiten verfügen, welche im bewaffneten Dschihad vorteilhaft sind, können sich nun mittels E-Mail direkt an verdiente Kader wenden. Vorteil für die Dschihadisten: Um ihre eigene Sicherheit brauchen sie nicht mehr zu bangen, als zuvor. "Wir glauben nicht, dass man über eine E-Mail-Adresse einen Terroristen ausfindig machen kann", heißt es beim Bundesnachrichtendienst.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: