Terror-Propaganda Bonner Islamisten rufen aus Afghanistan zum Dschihad

"Wir genießen den Kugelhagel der Nato" - die Bonner Brüder Jassin und Mounir C. haben sich erneut per Video aus Afghanistan gemeldet. In dem Film rufen sie zum Krieg gegen "Ungläubige" auf und bezeichnen die deutsche Regierung als "verbrecherisch".

Von Yassin Musharbash


Berlin - "Bittet Allah aufrichtig, dass er euch den Weg zum Dschihad ebnet": So wendet sich "Abu Adam aus Deutschland" auf Deutsch an sein Publikum. "Abu Ibraheem", ebenfalls aus Deutschland, sekundiert: "Der Märtyrertod ist das Ziel der Gläubigen."

"Abu Ibraheem aus Deutschland": Dschihad-Aufruf vom Hindukusch

"Abu Ibraheem aus Deutschland": Dschihad-Aufruf vom Hindukusch

Die zwei jungen Männer sind die Protagonisten des nun mittlerweile dritten deutschsprachigen Propaganda-Videos der "Islamischen Bewegung Usbekistan" (IBU) in diesem Jahr. Bei den beiden handelt es sich, wie SPIEGEL ONLINE Anfang März berichtete, um zwei leibliche Brüder aus Bonn, Jassin und Mounir C. Auch in ersten beiden deutschsprachigen Videos der IBU waren sie schon aufgetreten.

Das aktuelle Band wurde von der Medienabteilung der IBU offenbar am 10. April veröffentlicht - auf einer zentralasiatischen Islamisten-Website, die sie bereits zuvor für diesen Zweck verwendet hatte. Das gut 25 Minuten lange Video liegt SPIEGEL ONLINE vor. Die Authentizität ist unabhängig zwar nicht unmittelbar zu bestätigen; aber Fundort, verwendete Logos, Inhalt und Sprecher deuten darauf hin.

Keine explizite Terrordrohung gegen Deutschland

In dem Video mit dem Titel "Sieg oder Shahada" ("Märtyrertum") rufen die beiden Dschihadisten aus dem Rheinland vor allem zum bewaffneten Kampf am Hindukusch auf. Außerdem verherrlichen sie den Krieg gegen die "Ungläubigen" und den möglichen Tod als "Märtyrer". Sie drohen nicht ausdrücklich mit Anschlägen in Deutschland oder gegen deutsche Ziele.

Allerdings stellt ein mutmaßlicher IBU-Kommandeur, der nicht näher identifiziert wird, die deutsche Regierung am Ende des Films als "verbrecherische Regierung" dar. Wörtlich sagt er: "Die deutsche Regierung ist eine verbrecherische Regierung, die sich an diesem Krieg beteiligt. Ihr Großvater Hitler tötete die Juden; aber ihre Enkel stehen heute im Dienste der Juden."

Den größten Redeanteil in dem Film hat Jassin C. alias "Abu Ibraheem": "Wir danken Gott, dass er uns zu Mudschahidin machte", sagt er zu Beginn - und bekräftigt ausgiebig seine Bereitschaft, im Kampf zu sterben: "Sieg oder Märtyrertum - ein Kampf ohne Niederlage", sagt er etwa. Er sei nicht nur zum Töten nach Afghanistan gereist, sondern auch "um getötet zu werden".

In dem offenkundigen Bestreben, ein deutschsprachigen Publikum ebenfalls für den militanten Dschihad zu gewinnen, glorifiziert er das Dasein als Krieger ausführlich: "Die beste Zeit unseres Lebens ist, wenn die Bomben auf unsere Köpfe fallen. Wir genießen es, im Fadenkreuz der Amerikaner, im Kugelhagel der Nato zu stehen und unter den Tornado-Flugzeugen der Deutschen."

Szenen des auf März 2009 datierten Videos zeigen unter anderem, wie Mudschahidin der IBU an schweren Waffen üben, wie Kinder und Jugendliche ausgebildet werden, wie Kämpfer trainieren, vom Sitz eines Motorrads zu schießen.

"Möglicherweise sehen wir nur die Spitze des Eisbergs"

Auch deutsche Sicherheitsbehörden kennen das Band mittlerweile. Laut einer Sprecherin des Bundeskriminalamts (BKA) wird es von den Sicherheitsbehörden zurzeit ausgewertet. Die Ergebnisse werden in die Beurteilung der Gefahrenlage einfließen, so die Sprecherin weiter.

Ein Beamter sagte SPIEGEL ONLINE, dass sich das Video in "eine Serie" von Filmen einreihe, die sich "gezielt an mögliche Rekruten in Deutschland" richte und diese "für den bewaffneten Kampf in der Krisenregion radikalisieren soll". Die "wilden Aufrufe" seien geeignet, um Rekruten zum finalen Schritt zu drängen, von Deutschland aus die Reise nach Pakistan oder Afghanistan zu beginnen.

Wahrscheinlich werde es wegen des Bandes keine Neueinschätzung der Gefahrenlage geben, sagte der Beamte. Aber diese werde ohnehin als ernst gesehen. "Irgendwann werden diese Männer zurückkommen und möglicherweise hier zuschlagen. Möglicherweise kennen wir nur die Spitze eines Eisbergs. Das bereitet uns sehr große Sorge", sagte der Beamte weiter.

Auch IJU und al-Qaida sprechen mittlerweile Deutsch

Die IBU ist eine ursprünglich usbekische Terrororganisation. Mittlerweile hat sie ihre Zentrale wegen des Verfolgungsdrucks in ihrem Ursprungsland ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet verlegt, wo auch die Brüder C. vermutet werden.

Das aktuelle Band ist der neueste Versuch militanter Netzwerke in Afghanistan und Pakistan, in Deutschland Verunsicherung zu stiften und Rekruten zu werben. Seit vergangenem Jahr haben sich die IBU, die "Islamische Bewegung Usbekistans" (IJU) sowie al-Qaida jeweils mehrfach mit deutschsprachigen Propaganda-Videos zu Wort gemeldet.

Ob die drei Terrororganisationen diese Kampagne untereinander abgestimmt haben, kann zurzeit niemand mit abschließender Sicherheit sagen, aber es ist wahrscheinlich. Analysten des BKA glauben, dass die Macher zum Beispiel darauf achten, dass die Bänder keine widersprüchlichen Aussagen enthalten.

Zwei Spuren führen nach Bonn

Die IJU wurde in Deutschland im Jahr 2007 allgemein bekannt, als im sauerländischen Schledorn eine mutmaßliche Terrorzelle um Fritz Gelowicz, Daniel Schneider und Adem Yilmaz festgenommen wurde. In der kommenden Woche beginnt in Düsseldorf der Prozess gegen diese drei Angeklagten und einen mutmaßlichen weiteren Mitverschwörer wegen der Mitgliedschaft in der IJU. Die Bundesanwaltschaft wirft ihnen vor, im Auftrag der IJU versucht zu haben, in Deutschland Bomben zu bauen, um hier mehrere Terroranschläge zu begehen.

Die IJU hatte ihrerseits mehrere Videos von dem deutschen Konvertiten Eric B. und dem aus Bayern stammenden Cüneyt Ciftci veröffentlicht. Eric B., den die Sauerländer der IJU zugeführt haben sollen, wird noch in Afghanistan vermutet; er hatte in den Videos ebenfalls Nachahmer aus Deutschland gesucht. Cüneyt Ciftci wiederum sprengte sich bereits im März 2008 in Afghanistan in die Luft und tötete dabei zwei Afghanen und zwei US-Soldaten. Die IJU verherrlichte sein Attentat und seine letzten Stunden per Video.

Die Produktionsfirma des Terrornetzwerks al-Qaida hat in diesem Jahr ihrerseits erstmals zwei deutschsprachige Propaganda-Videos veröffentlicht. Als Sprecher fungierte dabei ebenfalls ein Islamist aus Bonn: der Deutsch-Marokkaner Bekkay Harrach.

Abgestimmte Kampagne?

Vor 2008 gab es aus Afghanistan überhaupt keine deutschsprachigen Propaganda-Videos. Inhaltlich ähneln sich die nun aufgetauchten Videos der drei Organisationen. Mit Anschlägen gegen deutsche Ziele wird, wenn überhaupt, nur zwischen den Zeilen gedroht. Eine grundsätzliche Feindschaft zu Deutschland wird aber stets betont, vor allem wegen des Engagements der Bundeswehr in Afghanistan. Im Vordergrund steht jeweils der Versuch der Rekrutierung. Nach Schätzungen der Sicherheitsbehörden dürften sich mittlerweile mehrere Dutzend Islamisten aus Deutschland in dem Krisengebiet befinden.

Während bekannt ist, dass alle drei Organisationen mit den Taliban kooperieren, bleibt unklar, ob und wie eng sie untereinander zusammenarbeiten. Insbesondere IBU und IJU haben in ihren Videos bisher keinen Bezug aufeinander genommen. Nach Ansicht von deutschen Behörden und unabhängigen Experten handelt es sich bei der IJU um eine Abspaltung der IBU aus dem Jahr 2001. Mittlerweile haben beide ihre Zentralen wahrscheinlich in Waziristan, in den Stammesgebieten entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze.

In dem aktuellen IBU-Tape ist allerdings von "unseren Freunden von der al-Qaida" und "unseren Geschwistern" unter den Taliban-Chefs in Afghanistan und Pakistan die Rede, von Mullah Omar und Beitullah Mahsud.

Wie Jassin und Mounir C. zur IBU stießen, ist noch ungeklärt. Die beiden gingen in Bonn auf dieselbe Schule und absolvierten später beide ihren Grundwehrdienst bei der Bundeswehr. Mounir C. absolvierte 2003 bis 2006 eine Ausbildung als Fachangestellter für Bürokommunikation, zeitweise in der Bonner Nebenstelle des Bundesamtes für Statistik.

Am Ende des aktuellen IBU-Bandes wird eine Forstsetzung der PR-Kampagne angekündigt. In einem Vorab-Beitrag ist ein älterer Kämpfer zu sehen, der auf Deutsch davon spricht, dass der Dschihad der "Gipfel" des Islam sei.

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