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Terror-Propaganda im Irak: Der Sniper mit der Strichliste

Von Yassin Musharbash

Ein Schuss, ein US-Soldat sinkt zu Boden, der Schütze entkommt. Die "Islamische Armee im Irak" hat im Internet einen neuen Film ihrer Mordattentate veröffentlicht, der perfide wie nie den Tod von 600 Amerikanern proklamiert. Die Kunstfigur "Juba" wird als Meister-Sniper gefeiert.

Berlin - Der Killer trägt eine schwarze Maske. Dazu Handschuhe, eine schwarze Hose, einen schwarzen Gürtel und ein helles Hemd. Er betritt das Zimmer, in der Hand ein Scharfschützengewehr. Er legt es auf den Tisch, greift nach einem Stift und zieht auf einer Strichliste eine dicke Linie: Wieder ein US-Soldat getötet. Dann macht er sich daran, seine Tagebuchaufzeichnungen zu vervollständigen: "Wie können wir essen oder trinken oder schlafen, solange unsere Brüder in den Gefängnissen der Ungläubigen sitzen?"

Diese Szene eröffnet das gestern veröffentlichte neueste Propagandavideo der "Islamischen Armee im Irak" (IAI), einer der aktivsten militanten Gruppen im Irak. Es liegt SPIEGEL ONLINE vor. Der stämmige Mann, der hier als Gläubiger porträtiert wird, dessen Sinnen allein auf sein Seelenheil und das Töten von Amerikanern gerichtet ist, soll einen alten Bekannten darstellen: "Juba", den Meisterschützen.

Juba wurde erstmals Sommer 2005 berühmt. Damals kursierte auf dschihadistischen Internetseiten ein Video, das in schneller Folge Todesschüsse eines Scharfschützen auf US-Soldaten zeigte. Den Spitznamen Juba sollen die US-Soldaten diesem Phantom gegeben haben - im Arabischen hat der Begriff jedenfalls keine Bedeutung. "Er ist gut", sagte der Soldat Travis Burress dem "Guardian" damals über Juba. "Ich bin sicher, jeder denkt an ihn, wenn er vom Fahrzeug steigt. Er ist eine echte Bedrohung für uns."

Schon bei "Jubas" erstem Auftauchen war allerdings in Wahrheit unklar, ob es sich um einen einzigen Schützen handelte oder er ein Symbol für mehrere war - und ob das Bildmaterial wirklich nur Todesschüsse zeigte oder auch missglückte. Am wahrscheinlichsten ist, dass Juba schon damals eine Kunstfigur war. Die Scharfschützen der IAI wurden zu einer Person verschmolzen, um der dschihadistischen Öffentlichkeit einen fast übermenschlichen Held präsentieren zu können. Das Besondere an dem Band war ohnehin, dass die Schüsse gefilmt wurden.

Dieser "Juba" behauptete damals jedenfalls via Internet, mehr als 100 US-Soldaten getötet zu haben. Auch das schien unglaubwürdig - und doch ist es nichts im Vergleich zu der Zahl, mit der die IAI jetzt in ihrem "Juba2" getauften Video hantiert: Mehr als 500 US-Soldaten habe man in den vergangenen zwölf Monaten allein durch gezielte Schüsse getötet.

"Juba" ist nur noch eine Kunstfigur

In dem aktuellen Video halten die Militanten nicht länger an der Behauptung fest, dass "Juba" nur eine einzige Person ist. Er ist jetzt vollends zur Legende geworden. Zwar taucht er in dem Video als Individuum auf, das die Filmschnipsel erzählerisch einrahmt. Aber zugleich werden Szenen gezeigt, auf denen eine ganze Gruppe vermummter Trainierender zu sehen ist.

"Der Feind muss wissen, dass es hunderte 'Jubas' gibt", sagt ein Mann, der als "Kommandeur der Scharfschützen-Abteilung" der IAI bezeichnet wird und dessen Gesicht unkenntlich gemacht wurde. Der Mann weist sogar ausdrücklich den Bericht eines "deutschen TV-Kanals" über "Jubas" Ende zurück - womit er sich wahrscheinlich auf einen Betrag von SPIEGEL TV vom Januar 2006 bezieht, in dem geschildert wurde, wie US-Soldaten nach einem fehlgeschlagenen Sniper-Angriff den mutmaßlichen "Juba" verhafteten.

"Amerikanische Soldaten gehen nur noch voller Angst durch die Straßen", höhnt der angebliche Kommandeur weiter. "Sie schauen nach rechts, nach links und auf die Dächer der umliegenden Häuser." Dnn berichtet er von Gründung und Wachstum "seiner" Abteilung, den IAI-Scharfschützen: Zu Beginn des Widerstandes habe noch "jeder Mudschahid jede Aufgabe" wahrgenommen, im Laufe der Zeit habe man sich aber spezialisiert. Zupass sei ihnen gekommen, dass die irakische Armee, die die USA 2003 auflösten, "viele Waffen zurückließ", darunter irakische Tabuq-Scharfschützengewehre. Ansonsten verwende man, "was wir von unseren Feinden nehmen".

Niemand weiß, wie viele Soldaten durch Sniper starben

Unterbrochen sind diese Ausführungen von dem, was "Juba" zur Marke werden ließ: 10 bis 15 Sekunden lange Clips, in denen man durch das Zielfernrohr, vor das offenbar eine Kamera montiert wurde, mitverfolgen kann, wie er GIs und Marines erst ins Visier nimmt und dann abdrückt. Genau einmal, damit kein zweiter Schuss seine Position verrät.

Wo das Geschoss einschlägt, fallen Soldaten um, sacken in sich zusammen, kippen zur Seite weg. Die Umstehenden rennen panisch auseinander.

Es sind grausame Bilder. Wie viele der rund 2700 gefallenen US-Soldaten im Irak wirklich durch Sniper-Angriffe zu Tode kamen, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Das Pentagon hat keine Aufschlüsselung oder macht sie jedenfalls nicht zugänglich, das ergab eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Auf einer von CNN geführten Liste, die bis Frühjahr 2006 reicht, ist allerdings nur bei einem runden Dutzend Gefallener ein Scharfschützenangriff als Todesgrund vermerkt. In Presseberichten aus dem Irak ist immer wieder die Rede davon, dass US-Soldaten aus dem Hinterhalt erschossen werden. Die IAI-Zahl von insgesamt mehr 600 ist also gewiss drastisch übertrieben, das kann man daraus schließen - trotzdem sind die irakischen Sniper ein Problem.

Das Video bestätigt, was Experten seit Jahren beobachten: Dass die "Islamische Armee" eine der effektivsten militanten Gruppen im Irak ist. Es gilt mittlerweile als gesichert, dass ein großer Teil ihres Personals aus der ehemaligen irakischen Armee stammt, was ihre Professionalität zum Teil erklärt.

Spaltpilz für den Westen

Ideologisch zählt sie ursprünglich zum nationalistischen Lager irakischer "Widerstandskämpfer", die eine Renaissance des Regimes von Saddam Husseins Baath-Partei anstreben. Doch hat sich bei der IAI wie bei ähnlichen Gruppen die Sprache klar islamisiert. Sie spricht gar nicht mehr von Widerstand, sondern vom Dschihad wie al-Qaida & Co. Außerdem schreckt sie vor terroristischen Praktiken nicht zurück, sie hat zum Beispiel Ausländer entführt und ermordet. Der Hauptunterschied zu al-Qaida: Die IAI kämpft vor allem gegen die US-Besatzer, nicht so sehr gegen die irakische Armee und gar nicht gegen Schiiten. Es soll sogar Streit zwischen den beiden Gruppen geben.

Was die Propaganda angeht, kann es die IAI inzwischen allerdings mit al-Qaida & Co. aufnehmen - was die Erfindung der Juba-Figur zeigt. Schon das Video von 2005 kursierte in Teilen auf Youtube. Diese wurden nach Angaben der "New York Times" mehr als 33.000 Mal angeschaut. Und dies nicht nur von potentiellen Rekruten - sondern auch von Menschen im Westen. Einige unter ihnen verbreiteten die Videos sogar noch weiter, weil sie das Gefühl hatten, die westlichen Medien würden ihnen bestimmte Nachrichten vorenthalten.

Diesen Spaltpilz ins westliche Lager zu treiben, ist das Ziel - auch bei "Juba2". Das lässt sich auf der Homepage des Snipers in aller Deutlichkeit nachlesen: "Diese Bilder sind nur ein kleiner Teil der Scharfschützen-Operationen, die in diesem Jahr, seit 'Jubas' letztem Video, durchgeführt wurden. Über keine dieser Operationen wurden von den Medien der US-Armee oder den TV-Stationen berichtet, obwohl sie die ganze Zeit seit der Invasion und dem Fall Bagdads vor Ort waren."

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