Terror Verwirrung um Qaida-Statements zu Sarkawi

Kommunikationschaos bei al-Qaida: Ein gewisser Abu Hafs al-Qarni solle die Dschihadisten im Irak leiten, solange Abu Musab al-Sarkawi verletzt ist, hieß es im Namen von al-Qaida heute im Internet. Doch nur Stunden später wurde die Meldung dementiert – Sarkawi sei zwar verwundet, aber es gebe keinen Stellvertreter.

Von Yassin Musharbash


Eines der wenigen Bilder von Abu Musab Al-Sarkawi: Hat der Terrorist den Irak schon verlassen?
AP

Eines der wenigen Bilder von Abu Musab Al-Sarkawi: Hat der Terrorist den Irak schon verlassen?

Berlin - "Die Führung hat sich nach der Verwundung unseres Anführers Abu Musab, möge Gott ihn genesen lassen, getroffen", heißt es in der Botschaft, die heute Morgen in dem Internetforum "Die Weisheit" erschien, wo schon in der Vergangenheit authentische Mitteilungen der al-Qaida veröffentlicht wurden. "Sie haben beschlossen, einen Stellvertreter einzusetzen, der die Führung bis zur Rückkehr unseres Scheichs Abu Musab übernehmen soll." Nominiert werde demnach als Nachfolger der unbekannte Abu Hafs al-Qarni. Das Dokument liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Doch während es in einigen Details den üblichen Qaida-Statements aus dem Irak zum Verwechseln ähnlich sieht, weicht es in einem entscheidenden Punkt ab: Es ist unterzeichnet von "Abu Dujana al-Tunisi" - normalerweise jedoch nutzen Sarkawis Leute den Tarnnamen "Abu Maisara al-Iraki", um die Authentizität ihrer Schreiben zu dokumentieren. Weil allerdings auch schon zuvor authentische Schreiben von Sarkawis Leuten ganz ohne Unterschrift oder unter anderem Namen erschienen sind, griffen die Nachrichtenagenturen die Nachfolger-Meldung heute Morgen auf. Auch SPIEGEL ONLINE meldete die Nachricht von der mutmaßlichen Nominierung eines Stellvertreters - allerdings mit genau der Einschränkung, die sich jetzt als bedeutsam herausstellte: Dass nämlich der Absendername nicht zum üblichen Prozedere passt.

Tatsächlich dauerte es auch nur Stunden, bis al-Qaida dementierte: "Die Informationsabteilung, die zu al-Qaida gehört, hat ihre speziellen Kanäle", heißt es in dem Dementi. Nur Statements mit dem Absender "Abu Maisara al-Iraki" seien als echt anzusehen.

Gerüchte im Netz

Erst vorgestern hatte die irakische Qaida-Filiale ebenfalls im Internet und unter dem richtigen Absender verkündet, dass Sarkawi, Anführer der Dschihadisten im Irak und verantwortlich unter anderem für Geiselenthauptungen und schwere Terroranschläge, verwundet worden ist. "Bittet (Gott) für die Genesung unseres Scheichs Abu Musab, der eine Verletzung erlitten hat", hatte es in der Nachricht an "die islamische Gemeinschaft" geheißen. Explizit wir die Ernennung eines Mannes "namens Abu Hafs al-Qarni" abgestritten. Man habe, heißt es weiter, nichts über die Verwundung Sarkawis veröffentlicht, was über die Meldung vom Dienstag hinausgehe.

Eines der mutmaßlich neueren Fotos: Vom Phantom zum Topterroristen
REUTERS/ IGCD

Eines der mutmaßlich neueren Fotos: Vom Phantom zum Topterroristen

Die Nachricht vom Dienstag enthielt keinerlei Informationen über Ort, Umstände und Schwere der Verwundung Sarkawis. In islamistischen Internetforen kursierten gestern Gerüchte, denen zufolge Sarkawi Atemprobleme haben soll, nachdem er von Kugeln in die Brust getroffen worden sei. Angeblich soll er sich schon nicht mehr im Irak aufhalten, sondern das Land in Begleitung eines sudanesischen und eines saudi-arabischen Arztes verlassen haben. Solcherlei im Internet verbreitete Gerüchte sind allerdings für gewöhnlich eher unglaubwürdig.

Mittlerweile bestätigte auch das irakische Innenministerium die Verletzung des Terrorchefs. Innenminister Bajan Baker Sulagh sagte heute in Bagdad, er habe bereits vor fünf Tagen die Information erhalten, dass Sarkawi verletzt sei. "Wir wissen aber nicht, wie schwer". Die britische "Sunday Times" hatte bereits Mitte Mai unter Berufung auf einen irakischen Reporter berichtet, Sarkawi sei in einem Krankenhaus in der westirakischen Stadt Ramadi behandelt worden.

Gläubige beten für Sarkawi

Sarkawi, der eigentlich aus Jordanien stammt, seit über einem Jahr jedoch den islamistischen Kampf gegen die USA und die als ungläubig gebrandmarkte neue irakische Regierung anführt, galt lange Zeit als eine Art Phantom. Es gab kaum Fotos von ihm. Als das erste Video auftauchte, in dem er sich selbst der Enthauptung einer westlichen Geisel bezichtigte, glaubten etliche Experten immer noch nicht unbedingt an seine Existenz oder seinen Einfluss im Irak. Mittlerweile gelten solcherlei Zweifel als ausgeräumt, zu viele Hinweise, auch nach Festnahmen Vertrauter, gibt es, dass Sarkawi tatsächlich die Führungsfigur der Dschihadisten im Zweistromland ist, als die er sich geriert.

Allerdings mehren sich in den letzten Wochen Hinweise, dass die US-Armee ihm immer dichter auf den Fersen ist. Seine Verwundung ist auch ein Eingeständnis der Terroristen, dass sie nicht vollkommen außer Reichweite ihrer Verfolger sind. Das Schreiben vom Dienstag enthielt zahlreiche religiöse Segenswünsche für Sarkawi, im Internet kursieren schon eilig zusammengeschriebene Lebensläufe - es ist nicht ausgeschlossen, dass seine Anhänger mit den beiden Botschaften auch auf den eventuellen Tod Sarkawis vorbereitet werden sollen.

Die Sympathisanten jedenfalls scheinen die Nachrichten über die Verwundung für authentisch und Besorgnis erregend zu halten: "Mach mit bei der Aktion 'Eine Million (Gläubige) beten für Sarkawi'!", riefen einige gestern auf islamistischen Internetseiten auf. Tausende lasen den Text, Hunderte trugen ihre Genesungswünsche auf der Website ein. Ein Zweifler schrieb derweil: "Gibt es irgendjemanden, der die Nachricht von Sarkawis Verwundung dementieren oder bestätigen kann?"



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