Terroralarm im Luftverkehr USA fahnden nach weiteren Sprengstoffpaketen

Amerika ist aufgeschreckt: Mindestens zwei Sprengstoffpakete aus dem Jemen waren per Luftfracht in die USA unterwegs. Der entscheidende Hinweis kam aus Saudi-Arabien. Präsident Obama hat die Ermittlungen zur Chefsache gemacht - Sicherheitskräfte suchen nun weitere verdächtige Postsendungen.

Von , Washington

REUTERS

Timing ist alles. Erst am Dienstag hatte Martin Broughton, der Chairman von British Airways, die drastischen US-Sicherheitsmaßnahmen an internationalen Flughäfen weltweit verdammt: Die Passagierkontrollen seien meist "völlig redundant", wenn nicht "lächerlich", meinte er. Schuhe ausziehen, Laptop auspacken, Shampoo eintüten: Statt Terroranschläge zu verhindern, würden derartige Maßnahmen die Fluggäste oft nur schikanieren. Broughtons Worte wurden von der Luftfahrtbranche bejubelt - in US-Regierungskreisen lösten sie dagegen Irritationen aus.

Drei Tage später hat sich Broughton nun durch die Realität bestätigt gesehen: Terroristen gehen die Ideen nicht aus - während die Sicherheitskräfte oft nur hinterherhetzen. Denn die zwei potentiell explosiven Paketsendungen, die am Freitag weltweiten Terroralarm auslösten, fanden sich nicht an Bord regulärer Passagierjets. Vielmehr wurden sie mit Maschinen der US-Frachtunternehmen UPS und FedEx vom Jemen in die USA geschickt. Auch waren es keine US-Terrorfahnder, die zuerst hellhörig wurden - sondern saudi-arabische Sicherheitsleute, die daraufhin ihre westlichen Kollegen alarmierten.

Die Saudis gaben die Frachtnummern der zwei ihnen verdächtigen Pakete nach übereinstimmenden Berichten mehrerer US-Medien an die Amerikaner weiter. Damit begann ein Wettlauf gegen die Zeit, der zu hektischen Polizeiaktionen auf drei Kontinenten führte - bis die brisante Fracht schließlich auf Zwischenstopps der Jets in Dubai und Großbritannien aufgespürt wurde.

Obama: "Glaubhafte terroristische Bedrohung gegen unser Land"

Der Ernst der Lage wurde in der Öffentlichkeit aber erst wahrgenommen, als US-Präsident Barack Obama am Freitagnachmittag (Ortszeit) im Weißen Haus persönlich vor die TV-Kameras trat. Es handele sich um eine "glaubhafte terroristische Bedrohung gegen unser Land", sagte er. Die Pakete, an jüdische Einrichtungen in Chicago adressiert, hätten "ganz offensichtlich Sprengstoff enthalten". Der frühere New Yorker Generalstaatsanwalt und Gouverneur Eliot Spitzer sprach am Abend auf CNN von einem "vereitelten Terroranschlag".

Die Polizei von Dubai teilte am Samstagmorgen mit, die Machart des in Dubai gefundenen Sprengsatzes erinnere an Al-Qaida-Methoden. "Das Paket wurde in professioneller Weise präpariert", hieß es in einer Mitteilung. "In einer Tintenpatrone für einen Drucker wurde ein Stromkreislauf mit der SIM-Karte eines Handys verbunden. Das ist ein Kennzeichen für die Methoden von Terrororganisationen wie al-Qaida."

Viel blieb aber auch in der Nacht noch unklar, auch der Absender der Pakete. Erste Spuren führen jedoch zum jemenitischen Qaida-Ableger AQAP: "Sie stehen in der engeren Wahl", sagte ein Fahnder der "Washington Post". AQAP hatte an Weihnachten 2009 den Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab mit Sprengstoff in der Unterhose in einen US-Jet von Amsterdam nach Detroit gesetzt. Der Anschlagsversuch schlug nur fehl, weil die Bombe nicht explodierte.

Die Bombenbastler haben offenbar gelernt. Bei den beiden jetzt gefundenen Paketen handelt es sich nach CNN-Informationen um "sehr starke Bomben", die "um ein Vielfaches stärkere Sprengkraft" gehabt hätten als Abdulmutallabs Unterhosen-Sprengsatz. Ersten Hinweisen zufolge handelt es sich bei dem Sprengstoff um PETN - genau wie 2009 und wie auch Ende 2001 beim "Schuh-Bomber" Richard Reid.

"Sie hätten einige Menschen töten, andere verstümmeln können"

Aber auch über andere Fragen rätseln die US-Behörden noch. War das Ganze ein "dry run", ein Testlauf? Doch wofür? Einen Anschlag in der Luft? Am Boden? Würde eine US-Synagoge ein Paket von einem unbekannten Absender aus dem Jemen nicht sofort verdächtig finden?

"Ich glaube nicht, dass das eine Trockenübung war", sagte die US-Senatorin Susan Collins, die als Top-Republikanerin im Heimatschutzausschuss von den Demokraten im Weißen Haus mitgebrieft wurde. "Ich glaube, das war ernst."

Aber klar ist noch nichts - ebenso wenig wie die Frage, ob die gefundenen Pakete die einzigen derartigen Ladungen waren - oder befinden sich derzeit noch weitere Bomben irgendwo im internationalen Luftverkehr? CNN meldete in der Nacht, es werde fieberhaft nach "mehr als einem Dutzend weiterer, verdächtiger Pakete" gesucht. Alle UPS- und FedEx-Flüge wurden bis auf Weiteres gestoppt.

Obamas Anti-Terror-Berater John Brennan zollte jedenfalls seinen Dank: "Die Vereinigten Staaten sind dem Königreich Saudi-Arabien für seine Unterstützung dankbar." Im Klartext: Ohne die Saudis wären die Pakete womöglich an ihrem Zielort "angekommen und explodiert", wie die frühere Heimatschutzberaterin Fran Townsend mutmaßte. "Sie hätten einige Menschen töten, andere verstümmeln können."

"Warum haben wir das nicht bemerkt?"

Dass nur die Wachsamkeit der saudischen "Freunde und Partner" (Obama) den Terrorplot auffliegen ließ, pries das Weiße Haus als Beispiel gelungener Kooperation. Doch er stellt Obama nur wenige Tage vor der Kongresswahl auch vor ein Problem: Die Republikaner lieben es bekanntlich, die Demokraten als zu lasch im Kampf gegen den Terror zu brandmarken. In dieses Bild würde es passen, dass Saudis dieses Mal schneller und entschlossener erschienen als die US-Geheimdienstler. "Warum haben wir das nicht bemerkt?", fragte Townsend, die unter dem republikanischen Obama-Vorgänger George W. Bush amtierte.

Wohl um solchen Vorwürfen frühzeitig zu begegnen, gab Obama diesmal selbst ein Statement ab - anders als nach dem missglückten Anschlag an Weihnachten 2009, als er auf Hawaii urlaubte und sich tagelang nicht blicken ließ. "Das amerikanische Volk sollte darauf vertrauen, dass wir nicht wanken werden in unserer Entschlossenheit, al-Qaida zu besiegen", stellte der Präsident klar.

Zuvor hatte das Weiße Haus ein Foto verbreitet, das einen ernsten Obama im Kreise seines Sicherheitsteams im Lageraum des West Wings zeigte. Auch wenn Obamas Sprecher Robert Gibbs diese Absicht energisch dementierte: Hier sollte das Bild des entschlossenen Terrorjägers vermittelt werden.

Jemens Armee scheint machtlos gegen Qaida-Ableger

Die Wahrheit verlief jedoch wohl etwas anders. Obama wurde laut Gibbs erst am Donnerstagabend um 22.35 Uhr Ortszeit von Brennan erstmals informiert. Da waren die verdächtigen Pakete aufgrund der Frachtnummern längst sichergestellt worden - eines in einer FedEx-Halle in Dubai, ein anderes später auf einer UPS-Maschine am Flughafen East Midlands 150 Kilometer nördlich von London.

Die ganze Nacht über konferierte Obamas Terrorteam im Weißen Haus mit CIA, FBI, Heimatschutzministerium und Flugsicherheit. Um 5.15 Uhr Ortszeit am Freitagmorgen telefonierte Brennan mit seinen britischen Kollegen über den neuesten Stand, um 9.15 Uhr mit dem jemenitischen Präsidenten Ali Abdullah Salih, der seine Kooperation bei den Ermittlungen zusagte.

Die minutengetreue Wiedergabe all dieser Aktivitäten durch Obamas Pressespecher Gibbs war bezeichnend. An einer Stelle rasselte er alle Abkürzungen der beteiligten Behörden herunter: "NCTC, CIA, DOD, FBI, TSA, CBP, NSA, DHS und FAA." Auch versuchte das Weiße Haus damit zugleich, seine genaue Beobachtung des Krisenlandes Jemen unter Beweis zu stellen.

Schon Anfang des Jahres hatte Washington dem Land 150 Millionen Dollar für die Ausbildung und Ausrüstung militärischer Einheiten zur Bekämpfung von AQAP zur Verfügung gestellt. Das Training vor Ort unterstützen rund 50 US-Spezialtruppen. Am Freitag gab der Jemen allerdings bekannt, dass seine Armee die jüngste Kampagne gegen AQAP vorerst ergebnislos beendet habe.

"Schritte zur Verstärkung der Sicherheit"

Anti-Terror-Chef Brennan verknüpfte die jüngsten Ermittlungen mit den kontroversen Terrorwarnungen, die die USA im September für Europa ausgesprochen hatten. "Wir betrachten alle Puzzlestücke, die wir in den vergangenen Wochen aufgedeckt haben", sagte er. Ein direkter Zusammenhang bleibe zunächst freilich unklar.

Es ist nicht überraschend, dass das Weiße Haus Brennan diesmal so ins Rampenlicht schiebt. Der 56-Jährige, der schon für Obamas Vorgänger Bush das National Counterterrorism Center leitete, gilt als Hardliner. Einmal soll er einen iranischen Spion auf den Straßen der saudischen Hauptstadt Riad, wo er damals CIA-Stationsleiter war, derart verschreckt haben, dass der Mann panisch ins Auto gesprungen und davongerast sei. Obama wollte ihn eigentlich zum CIA-Chef machen, das scheiterte aber daran, dass Brennan sich nicht deutlich genug von den verschärften CIA-Verhörmethoden unter Bush distanziert hatte.

Das US-Heimatschutzministerium gab in der Nacht "eine Reihe von Schritten zur Verstärkung der Sicherheit" bekannt. "Einige dieser Sicherheitsmaßnahmen werden sichtbar sein, andere nicht", hieß es. Schuhe ausziehen werden die Passagiere also wohl noch weiter müssen.



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Seite 1
motormouth 30.10.2010
1. ...
Cui bono? Ach wie praktisch: die midterms stehen ja an. Kongresswahlen...
hook123 30.10.2010
2. Der Terror...
Zitat von sysopAmerika ist aufgeschreckt: Mindestens zwei Sprengstoffpakete*aus dem Jemen waren per Luftfracht in die USA unterwegs. Der entscheidende Hinweis kam aus Saudi-Arabien. Präsident Obama hat die Ermittlungen zur Chefsache gemacht - Sicherheitskräfte suchen nun weitere verdächtige Postsendungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,726253,00.html
...hatten wir ihn nicht schon wieder faßt vergessen, nachdem sich trotz allem Alarm kein Radikalislamist vor unserer Bäckerei in die Luft gejagt hat? Da, endlich sorgen die USA wieder für Nachschub. Wurde auch höchste Zeit!!! Endlich wieder Angst und Schrecken. Das ist gut für die Kongresswahlen und hat auch noch den schönen Nebeneffekt, dass man nochmal so richtig bei den Bürgerrechten zulangen kann. Und Nacktscanner lassen sich so auch schön ohne großes Getöse einführen - auch wenn das mit der Sache jetzt in den USA nichts zu tun hat - frei nach dem Motte: Wollen sie abstürzen?
Fradiavolo, 30.10.2010
3. Na wunderbar
Jetzt müssen sie noch nichtmal mehr irgendwelche fanatischen Desperados opfern... Päckchen verschicken genügt, um die westliche Welt in den Zustand eines wildgewordenen Hühnerstalles zu bringen. Mal sehen was nun als Konsequenz kommt. Vermutlich wird man bald auf alle persönlichen Daten hin geprüft, wenn man nur ein blödes Paket verschicken will. Mir wäre die 1:10-Mio Chance bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen mittlerweile lieber als ständig im Allag von diesen Panikmachern und Sicherheitsfetischisten belästigt zu werden.
adesat 30.10.2010
4. und so intelligent...
Ein klasse Artikel, total lustig, und erst die Fotostrecke, genial! Werde gleich nachschauen ob in meinem Kopierer auch ein Platine ist...
Spiegeleii 30.10.2010
5. wer
Zitat von sysopAmerika ist aufgeschreckt: Mindestens zwei Sprengstoffpakete*aus dem Jemen waren per Luftfracht in die USA unterwegs. Der entscheidende Hinweis kam aus Saudi-Arabien. Präsident Obama hat die Ermittlungen zur Chefsache gemacht - Sicherheitskräfte suchen nun weitere verdächtige Postsendungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,726253,00.html
suchet der erfindet schon was. Hat der Jemen Bodenschätze? Die freie Welt wird sich das alles nicht bieten lassen und den Jemen befreien und die Demokratie bringen. Hält ja keiner aus den Bombenterror
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