Terroralarm in Spanien: Im Visier von Eta und al-Qaida

Von Manuel Meyer, Madrid

Polizeischutz für Parteibüros, Atomkraftwerke, Flughäfen, Bahnhöfe: Spanien gibt vor den Wahlen am Sonntag Terroralarm. Die Eta plant Anschläge, und auch al-Qaida hat das Land erneut im Visier - wie 2004, als die Islamisten in Madrid drei Züge in die Luft sprengten.

Madrid – Jesús Ramírez hatte Glück im Unglück. Ein paar Schnittwunden, Verbrennungen und Knochenbrüche. "Doch immerhin habe ich überlebt", sagt Ramírez. 191 Menschen hatten nicht so viel Glück wie der zweifache Familienvater aus Madrid. Sie starben in den vier Vorstadtzügen, die al-Qaida-Terroristen am 11. März 2004 im Madrider Berufsverkehr explodieren ließen. Die letzten Metallsplitter wurden Ramírez vor einem Jahr aus seinem Körper entfernt. Die psychischen Wunden werden wohl niemals heilen.

Erinnerungen werden wieder wach: Am 11. März 2004 zündeten Qaida-Terroristen Bomben in vier Nahverkehrszügen
AFP

Erinnerungen werden wieder wach: Am 11. März 2004 zündeten Qaida-Terroristen Bomben in vier Nahverkehrszügen

Besonders in den vergangenen Tagen muss der 53-jährige Madrilene immer wieder an die damaligen Geschehnisse denken. Der blutigste Terroranschlag, den Europa je erlebt hat, fand nur drei Tage vor den damaligen Parlamentswahlen statt. Am kommenden Sonntag wählt Spanien wieder. Und erneut befindet sich das Land vor dem nächsten Urnengang im Fadenkreuz des islamistischen Terrors.

Erst Mitte Januar überraschte ein Spezialkommando der Polizei in Barcelona eine Gruppe pakistanischer Dschihadisten beim Unterricht zum Bau von Bomben. In ihrer Wohnung fanden die Ermittler auch den unter dem Namen "Die Mutter Satans" bekannten Sprengstoff, den vorzugsweise al-Qaida benutzt. Die Gefahr islamistischer Terrorattentate in Spanien ist permanent. Seit den Zugattentaten vor vier Jahren wurden 400 mutmaßliche Islamisten festgenommen. Immer wieder rufen Qaida-Führer vor allem ihre Anhänger im benachbarten Marokko und Algerien auf, das vom Islam 800 Jahre lang besetzte "Al-Andalus von den Ungläubigen zu befreien".

Höchste Alarmstufe

Wie Jesús Ramírez fragen sich dieser Tage viele Spanier, ob es erneut vor den Wahlen zu einem Attentat größeren Ausmaßes kommen wird. Die Regierung befürchtet ja. "Wir haben bereits vor zehn Tagen die höchste Terroralarmstufe ausgerufen", erklärt eine Sprecherin des spanischen Innenministeriums SPIEGEL ONLINE. Polizei und Armee bewachen seither verstärkt Parteizentralen, Großveranstaltungen, Atomkraftwerke, Flughäfen und öffentliche Verkehrsmittel.

Wie groß die Gefahr seitens islamistischer Terroristen ist, weiß man nicht. Die Bedrohung aus dem Norden Spaniens hingegen ist sehr konkret. Nach den gescheiterten Friedensverhandlungen und dem jüngsten Verbot zweier Separatistenparteien aus dem Baskenland hat die baskische Terrororganisation Eta die Wahlen am Sonntag bereits für "illegal" erklärt. "Zweifellos plant Eta vor den Wahlen oder am Wahltag selber einen Anschlag im größeren Stil", versichert auch Jorge Rodríguez, Terrorismusexperte der spanischen Tageszeitung "El País" im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Bereits im Juli fand die Polizei bei der Festnahme eines Eta-Terroristen interne Unterlagen der Bande, in denen der Militärstab den Eta-Mordkommandos die Anweisung gab, im Vorfeld der Wahlen verstärkt mit Attentaten und Bombenanschlägen gegen Repräsentanten des "spanischen Besetzerstaates" vorzugehen. Im Februar konnte die Polizei dann zwei Eta-Terroristen festnehmen, die für den Anschlag auf den Madrider Flughafen verantwortlich waren. Die Etarras ließen am 30. Dezember 2006 eine Autobombe im Parkhaus des neuen Flughafenterminals T4 detonieren. Zwei Menschen kamen ums Leben. Später gestanden Martin Sarasola und Igor Portu, dass sie vom Eta-Militärstab den Auftrag hatten, wenige Tage vor den Wahlen zur Hauptgeschäftszeit einen Bombenanschlag auf Madrids größtes Kaufhaus zu verüben. Alles war bereit. Es fehlte nur noch der Wagen mit Sprengstoff, der aus Südfrankreich kommen sollte.

Zapatero setzte bisher auf Dialog

Ein solches Attentat im Madrider Geschäftszentrum Azca im Norden der spanischen Hauptstadt hätte Dutzende Todesopfer gefordert und der Regierung des sozialistischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero mit Sicherheit einen bisher noch absehbaren Wahlsieg vereitelt. Denn viele Spanier, auch viele sozialistische Wähler, haben mit Argwohn den Friedensverhandlungen zwischen der Terrorbande und der Regierung zugeschaut. Zapatero setze auf Dialog mit der Eta, nachdem diese im Sommer 2006 eine Waffenruhe angekündigt hatte.

Auch wenn die Verhandlungen im Juli 2007 daran scheiterten, dass Zapatero den für die baskische Unabhängigkeit kämpfenden Terroristen keine politischen Zugeständnisse machen wollte, ließ er als Geste im Mai vergangenen Jahres die Nationalistische Baskische Aktion (ANV) an den Gemeindewahlen teilnehmen, obwohl es sich bei der Partei offensichtlich um eine Tarnnachfolgeorganisation der verbotenen Batasuna-Partei, dem politischen Sprachrohr der Eta, handelte. ANV konnte in 350 Gemeinderäte einziehen. Damit hatte Zapatero den Terroristen, die in ihrem 40-jährigen Unabhängigkeitskampf bereits 815 Menschen ermordet haben, wieder eine politische Plattform und eine Finanzierung mit Steuergeldern gesichert.

Als Eta-Terroristen Ende Dezember in Südfrankreich dann auch noch zwei spanische Polizisten erschossen, die als verdeckte Ermittler den Eta-Kommandos auf der Spur waren, liefen bereits erste Spekulationen, ob die Sozialisten durch den baskischen Terror ebenso die Macht verlieren könnten wie es vier Jahre zuvor der konservativen Volkspartei passiert ist. Den Konservativen unter José María Aznar war der Wahlsieg so gut wie sicher. Sie konnten große Erfolge im Kampf gegen die Eta vorweisen, die kurz vor ihrem Ende stand. Doch als bekannt wurde, dass es sich bei den Madrider Zuganschlägen nicht um ein Attentat der baskischen Terrorbande handelte, sondern um einen islamistischen Anschlag, drehte sich das Blatt unerwartet.

Drei Tage lang versuchte Aznars Regierung mit Lügen und Hinhaltetaktiken die angebliche Eta-Täterschaft aufrecht zu erhalten. Dann bezeichnete al-Qaida das Attentat als Vergeltungsmaßnahme für die Beteiligung der spanischen Truppen am Irak-Krieg, der ohnehin von der großen Mehrheit der Spanier abgelehnt wurde und der sozialistische Außenseiter Zapatero gewann die Wahlen. Zapatero versuchte in den letzten Wochen durch hartes Vorgehen gegen die baskischen Eta-Sympathisanten und den Wahlausschluss von ANV die Wähler wieder zu beruhigen. In einem TV-Interview versprach er sogar, in der kommenden Legislaturperiode keine Gespräche mit der Eta mehr zu führen. Doch laut einer Umfrage glauben ihm das 70 Prozent der Spanier nicht.

Unterdessen kommt es im Baskenland wieder verstärkt zu Krawallen. Eta-Sympathisanten liefern sich wegen des ANV-Verbots Straßenschlachten mit der Polizei, stecken Busse und Müllcontainer in Brand. "Vor allem seit der geglückten Unabhängigkeitserklärung des Kosovo gewinnen die Separatisten im Baskenland wieder Oberwasser. Zudem hat die baskische Regionalregierung für Oktober eine Art Unabhängigkeitsreferendum ausgerufen", erklärt Terrorexperte Jorge Rodríguez. In dieser Phase hätte ein Eta-Anschlag fatale Folgen für Zapateros Regierung. Seine Wahlchancen würden rapide sinken und die Gefahr ist konstant. Schon seit Wochen versucht Eta, Anschläge im großen Stil zu verüben. Erst vor wenigen Tagen verübte die Bande einen Bombenanschlag auf ein Parteibüro der Sozialisten im baskischen Derio. Wochen zuvor kam es zu einem Anschlag auf eine baskische Polizeikaserne. Glücklicherweise wurde niemand verletzt oder gar getötet. Noch nicht.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite