Terrorangst in Moskau "Vor dem Metro-Fahren ein paar Tropfen Valocordin"

Die Metro in Moskau rollt wieder, an den Haltestellen trauern die Menschen, aber nach den verheerenden Anschlägen sind die Waggons leerer als sonst. Aus Furcht vor Lynchjustiz meiden Tschetschenen und andere Muslime die U-Bahn. Eine Boulevardzeitung druckt Tipps zur Bewältigung der Angst.

Von , Moskau


Die Kathedralen der Trauer liegen in 40 Metern Tiefe, im grellen Licht der Neonlampen, erfüllt vom Lärm der heran- und fortrauschenden Metros. Die blauen Züge sind an diesem Dienstag leerer als sonst, normalerweise bekommt man um diese Zeit nur mit Mühe einen Stehplatz.

Es sind fast nur Russen unterwegs: Inguscheten, Aserbaidschaner, Tschetschenen oder Usbeken bleiben offenbar lieber der Metro fern, nachdem am Montagabend zwei südländisch aussehende Frauen von einer aufgebrachten Menschenmenge verprügelt und an der nächsten Station aus dem Zug geworfen wurden. Zwei Selbstmordattentäterinnen hatten am Montag die tödlichen Sprengsätze gezündet, russische Sicherheitsdienste vermuten Rebellen aus dem Nordkaukasus hinter den Anschlägen.

Rund um die Gegensprechanlage der Station Park Kultury stehen die Pendler, die hier täglich auf dem Weg zur Arbeit vorbeikommen. "Hier fand am 29. März 2010 ein Terroranschlag statt, bei dem Menschen starben", steht auf einem weißen Plakat mit schwarzem Rahmen, das jemand an eine Marmorsäule geklebt hat.

An dieser Umsteigestation, wo es sonst so hektisch und schnell zugeht, halten sie jetzt ein paar Minuten inne. Manche bekreuzigen sich, andere legen Blumen nieder, viele schluchzen, ein junger Manager mit Anzug und roter Krawatte kann die Tränen nicht zurückhalten.

Auch die 25-jährige Lena, eine Studentin im roten Mantel und Kopftuch, hat den Schock noch nicht verarbeitet. "Eigentlich fahre ich jeden Tag um diese Zeit hier vorbei, aber gestern ist mein Sohn krank geworden. Er hat mich gerettet", sagt sie unter Tränen. An diesem Dienstag ist sie mit großer Angst die Rolltreppen an der Station Sokolniki heruntergefahren. Dann legt Lena fünf rote Nelken dorthin, wo schon Hunderte weitere liegen.

"Ein Teelöffel Pfingstrosenlikör"

Nur wer ganz nah an die weiße Marmorwand in der Station Lubjanka herantritt, sieht die Spuren der Explosion: Tausende kleine Löcher, wie Nadelstiche, die größeren Krater wurden über Nacht verputzt. "Das kam von der Füllung des Sprengsatzes: Metallkugeln, kleine Eisenteile", sagt Wiktor Jewgenjewitsch, ein 54-Jähriger in einer dunklen Lederjacke. Er hat mehrere Flugzeugabstürze überlebt, als er bei den russischen Luftstreitkräften im Fernen Osten diente. "Aber so etwas! In einer friedlichen Zeit", sagt er. Dann schüttelt er den Kopf und bekommt feuchte Augen.

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Metro in Moskau: Anschläge in der Rushhour

Es scheint, als habe Moskau einen Tag gebraucht, um zu realisieren, was passiert ist. "Sie haben unsere Herzen in die Luft gesprengt", titelt die Boulevardzeitung "Twoj Djen", darüber ein schockierendes Foto: direkt nach dem Anschlag, mehrere Leichen liegen auf den Sitzplätzen.

Das Massenblatt "Komsomolskaja Prawda" gibt dagegen gleich auf der ersten Seite gute Ratschläge, wie die Millionen Moskauer, die weiter mit der Metro fahren werden, ihre Angst überwinden können: "Vor dem Rausgehen ein Teelöffel Pfingstrosenlikör und beim Runterfahren in die Metro ein paar Tropfen Valocordin", heißt es da.

"Wir werden sie finden und vernichten"

Aber nicht alle wollen sich so schnell beruhigen lassen. Wütend erzählt ein Hörer im Radio Silver Rain, dass die Verkehrspolizei am Dienstag die Einfahrten in die Stadt kontrolliere und für riesige Staus sorge: "Das ist doch reine Augenwischerei", schimpft er. Die unabhängige Zeitung "Kommersant" wundert sich über die Nüchternheit, mit der die russischen Fernsehsender über die Anschläge berichteten: keine Sonderausgaben der Nachrichten - nur der Hauptstadtkanal TV Zentr änderte sein Programm, alle anderen ließen weiter Frühstücksfernsehen, Unterhaltungsshows und sowjetische Filme laufen. Wer CNN oder den russischen, aber in englischer Sprache sendenden Auslandskanal Russia Today schaute, wusste früher darüber Bescheid, was unter der Erde Moskaus vor sich ging. Dagegen protestieren am Tag danach auch viele russische Blogger. Vom staatlich gelenkten Fernsehen hatte aber ohnehin kaum jemand etwas anderes erwartet.

Auf islamistischen Seiten wie hunafa.com feierten Sympathisanten die Anschläge. "Jetzt haben die Ungläubigen den Krieg zu spüren bekommen. Nicht immer können sie gemütlich zu Hause sitzen und den Krieg am Fernseher verfolgen", heißt es dort. "Gelobt sei Allah, die Zwerge Pukin und Mendel sind in Panik", meint ein anderer Kommentator und meint Putin und Medwedew.

Das staatliche Fernsehen präsentiert eine souveräne und entschlossene russische Führung: In den Mittagsnachrichten zeigt der Erste Kanal Premier Wladimir Putin, eben zurückgekehrt aus dem sibirischen Krasnojarsk, wie er Verletzte besucht, ihnen Mut zuspricht. Dann folgen Bilder von Dmitrij Medwedew am Ort der Tragödie: Am späten Montagabend war er auf den Metro-Rolltreppen in die Tiefe gefahren, wohin sich sonst nie ein Duma-Abgeordneter oder gar Präsident verirren würde. In der Hand trägt Medwedew einen Strauß roter Nelken. "Das waren Bestien", sagt er über die Hintermänner der Anschläge, und dann sagt er einen Satz, der ihn wie Vorgänger Putin klingen lässt: "Wir werden sie finden und vernichten."



Forum - Anschläge in Moskau - was ist die richtige Antwort auf den Terror?
insgesamt 741 Beiträge
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Seite 1
spieglfechter 29.03.2010
1.
Zitat von sysopMindestens 37 Tote, viele Verletzte: Nach den Anschlägen in Moskaus Metro schwört Präsident Medwedew Russland auf einen unerbittlichen Kampf gegen Extremisten ein. Was ist die richtige Antwort auf die Terroranschläge?
Die richtige Antwort ist, wie bei den Anschlägen in New York, Bali, Madrid, London, Mumbai ..., die Frage: Cui bono ?
eikfier 29.03.2010
2. ....dann lieber gar nicht, Homer ist sowieso schöner.....
Zitat von spieglfechterDie richtige Antwort ist, wie bei den Anschlägen in New York, Bali, Madrid, London, Mumbai ..., die Frage: Cui bono ?
...ach wissen Sie, dafür ist mir unsere jetzige Staatsform zu wertvoll, um mich hier dazu erniedrigen zu lassen, zwischen den Zeilen schreiben zu müssen, um einen nicht genehmen Gedanken durchzubekommen.... See you....!
jacknife 29.03.2010
3.
Zitat von sysopMindestens 37 Tote, viele Verletzte: Nach den Anschlägen in Moskaus Metro schwört Präsident Medwedew Russland auf einen unerbittlichen Kampf gegen Extremisten ein. Was ist die richtige Antwort auf die Terroranschläge?
Egal von wessen Seite dieser Anchlag ausging (Islamisten aus Tschetschenien, irgendwelche sonstige Separatisten): Die Russen sollten ihre harte Linie beibehalten. Nur so demonstriert man Entschlossenheit gegenüber Terroristen und zeigt ganz unmissverständlich, dass solche feigen Anschläge nicht ungesühnt bleiben.
Titmouse 29.03.2010
4. Antwort mit Fragezeichen
Zitat von spieglfechterDie richtige Antwort ist, wie bei den Anschlägen in New York, Bali, Madrid, London, Mumbai ..., die Frage: Cui bono ?
Soll "cui bono?" eine Antwort sein? Flugs heraus mit Ihre Verschwörungstheorie !
henningr 29.03.2010
5.
Zitat von sysopMindestens 37 Tote, viele Verletzte: Nach den Anschlägen in Moskaus Metro schwört Präsident Medwedew Russland auf einen unerbittlichen Kampf gegen Extremisten ein. Was ist die richtige Antwort auf die Terroranschläge?
Man sollte den NATO-Verteidigungsfall ausrufen, das zweite Mal nach 9/11. Dann den Schuldigen benennen (spätestens einen Tag nach den Anschlägen, mit denen man vorher natürlich nicht gerechnet hat, da U-Bahn-Anschläge an sich total abwegig sind), der natürlich aus einem Land kommt wo man gerne mal einmarschieren würde... Halt! Achso die Russen sind nicht in der NATO? Das ist natürlich doof. Trotzdem: das Theater mit dem abhängigen Untersuchungsaussschuss kann man sich diesmal sparen.
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