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Terroranschlag in Minsk: Bombe aus dem Nirgendwo

Von , Moskau

Zwölf Tote, über 100 Verletzte - ein Bombenanschlag hat die weißrussische Hauptstadt Minsk erschüttert. Die Hintergründe liegen im Dunkeln. Präsident Lukaschenko bläst jetzt zur Terroristenjagd, die Opposition fürchtet neue Repressalien.

Laut Augenzeugenberichten haben sich am Montagabend erschütternde Szenen in der U-Bahn der weißrussischen Hauptstadt Minsk abgespielt: Zwölf Menschen wurden nach Angaben des weißrussischen Geheimdienstes bei einer Explosion in der Metro getötet, 149 verletzt.

Schnell sprach das Regime des autoritär geführten Staats von einem Terrorakt. Präsident Alexander Lukaschenko sagte, er schließe nicht aus, dass Kräfte "von außen" hinter der Explosion steckten. Der stellvertretende Staatsanwalt Andrej Schwed erklärte, es handele sich um einen Anschlag, nannte aber keine weiteren Einzelheiten.

Die Anschlagsthese liegt nahe. Augenzeugen berichteten von einem dumpfen Knall in der Metrostation Oktjabrskaja und einer anschließenden Druckwelle, die viele Menschen zu Boden geschleudert habe. Weißrussische Blogger sprechen sogar von zwei Detonationen: Eine soll es auf dem Bahnsteig gegeben haben und eine an einer Rolltreppe. Erste Fotos zeigen Menschen mit blutüberströmten Gesichtern. "Manche (der Verletzten) haben keine Hände mehr, manche keine Beine", sagte ein Sanitäter der Boulevardzeitung "Komsomolskaja prawda".

Am Dienstag teilte die weißrussische Regierung mit, die Attentäter hätten einen Sprengsatz auf dem Bahnsteig der Metrostation versteckt. Die Wucht der Explosion habe fünf bis sieben Kilogramm TNT entsprochen, die Bombe sei zudem mit zahlreichen Metallkugeln von einem Zentimeter Durchmesser gespickt und unter einer Bank versteckt gewesen, so Innenminister Anatoli Kuletschow. Rund 300 Menschen hätten sich in der Nähe befunden, als der Sprengsatz mitten im abendlichen Berufsverkehr detonierte. Ein Zug, der zum Zeitpunkt des Unglücks auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig einfuhr, habe Anweisung erhalten, durchzufahren.

Explosion im Zentrum der Macht

Es ist ein Schock, der Weißrussland noch lange erschüttern wird. Die Explosion ereignete sich während des Feierabendverkehrs mitten im Machtzentrum von Minsk, der Sitz von Präsident Alexander Lukaschenko liegt nur wenige hundert Meter von dem U-Bahnhof entfernt.

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Weißrussland: Explosion mitten im Berufsverkehr
Der Anschlag trifft das Herz einer Diktatur, zu deren Mantras bislang stets die Garantie von Sicherheit und Stabilität für die Bürger gehörte - sofern Lukaschenkos Untertanen nicht gegen den Despoten aufbegehren. Noch vor kurzem sagte der Präsident in einem Interview mit Journalisten aus Russland, er sei "verpflichtet für die Sicherheit der Menschen zu sorgen". Seine Popularität fußte zum großen Teil auf diesem Versprechen von Ruhe und einem bescheidenen Wohlstand.

Lukaschenko stattete der betroffenen U-Bahnstation noch am Montagabend einen Besuch ab. Nur wenige Stunden nach dem blutigen Attentat betrat er den Ort des Geschehens in einem schwarzen Anzug und mit schwarzer Krawatte, begleitet von seinem kleinen Sohn Kolja.

Demonstrativ zeigte der Staatschef Entschlossenheit. An Sicherheitskräfte gewandt sagte er: "Männer, wir stehen vor einer sehr ernsten Herausforderung. Wer sind die Täter? Und mit der Antwort auf diese Frage bitte ich Sie, sich zu beeilen." Nach einer gründlichen Suche nach den wahren Hintermännern klingt das nicht. Schnelligkeit scheint für den Alleinherrscher oberste Priorität zu haben.

Verdacht gegen ausländische Kräfte

Und dann übte sich der Despot wieder einmal in seiner Lieblingsdisziplin: der Verschwörungstheorie. Er wolle nicht "ausschließen, dass uns dieses Geschenk von außerhalb gebracht wurde".

Lukaschenko hatte schon nach den Präsidentschaftswahlen im Dezember Kräfte im Ausland beschuldigt, gezielt die Situation in Weißrussland zu destabilisieren. Polen und Deutschland, behauptete der Staatschef damals, hätten Umsturzpläne der Opposition in Weißrussland finanziert.

Tatsächlich bleiben die Hintergründe des Anschlags von Minsk rätselhaft. Es gab keine Warnungen oder Drohungen. Die Bombe kam gleichsam aus dem Nirgendwo. Anders als Nato-Nationen wie Spanien, Großbritannien, die USA oder der slawische Bruderstaat Russland - allesamt in der Vergangenheit Zielscheibe von islamistischen Extremisten - kämpft Weißrussland in keinem bewaffneten Konflikt mit muslimischen Rebellen.

Die demokratische und pro-europäische Opposition fürchtet nun, Lukaschenko könnte versuchen, den tödlichen Vorfall als Vorwand für ein härteres Vorgehen gegen Regimekritiker zu benutzen. "Es gibt Ängste, dass das von der Staatsmacht ausgenutzt wird, um die "Schrauben anzuziehen", sagte der Oppositionspolitiker Andrej Kim der russischen Internetzeitung "Gaseta.ru".

Das Lukaschenko-Regime rückt die demokratische Opposition bereits seit Monaten in die Nähe von Volksfeinden. So schmähte das Staatsfernsehen den kritischen Journalisten Oleg Bebenin noch nach dessen Selbstmord als vom Ausland gedungenen Söldner und höhnte, der Familienvater sei wohl einer "Abrechnung innerhalb von Oppositionskreisen" zum Opfer gefallen. Lukaschenko selbst sprach zuletzt von Banditengruppen, die Jagd auf wehrlose Verkehrspolizisten machen würden und "ihnen die Beine brechen".

Demonstrationen von Regimegegnern hatte Lukaschenko nach der Wahl am 19. Dezember brutal zusammenknüppeln lassen. Mehrere Oppositionsführer sitzen seither in Haft. Ihnen drohen langjährige Haftstrafen.

Weißrussland in der Krise

In Minsk machen unterdessen ganz andere Gerüchte die Runde, wer in Wahrheit hinter dem Anschlag stecke. Im Internet spekulieren anonyme Blogger, das "Bild des wahren Täters hänge in jedem Dienstzimmer Weißrusslands". Gemeint ist Lukaschenko selbst, dessen Porträt die Wände von Regierungseinrichtungen und Behörden ziert. Ein ungeheuerlicher Verdacht, doch Oppositionskreise munkeln, Lukaschenko oder ihm nahe stehende Sicherheitskreise könnten den Anschlag selbst organisiert haben, um damit von innenpolitischen Problemen ablenken zu können.

Derzeit steht Weißrussland vor gravierenden wirtschaftlichen Problemen. Im März hat das Wirtschaftsministerium die Brotpreise um bis zu fünf Prozent erhöht, vor allem für Rentner und die ärmere Landbevölkerung ein schwerer Schlag.

Die von der Regierung vor der Wahl großzügig verteilten Lohn- und Rentenerhöhungen haben die Inflation befeuert. Die meisten Weißrussen verstanden schon im vergangenen Jahr, dass die Wohltaten des Regimes bald nichts mehr wert sein würden - und horten seither Devisen und Edelmetalle. Binnen weniger Monate hat sich die Nachfrage nach Goldbarren in dem Land verfünffacht. Die Regierung hat inzwischen Beschränkungen für den Tausch von Währungen erlassen. In Minsk bildeten sich Schlangen vor Wechselstuben.

Doch der Absturz geht weiter. Anfang April senkte die Rating-Agentur Moodys die Bewertung von sechs weißrussischen Banken. "Wenn nichts passiert", klagt Unternehmervertreter Wiktor Margelow, "dann überlebt unsere Wirtschaft nicht bis Juli."

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Terroranschlag in Minsk:Bombe aus dem Nirgendwo.
kosmopoliten 12.04.2011
Als ich das las,dachte ich sofort, der Täter kann nur Herr Lutaschenko sein, um eigener Terror und eigene Macht zu rechtfertigen und zu festigen.
2. Der Spur fuehrt nach Moskau
gardarika 12.04.2011
Lukaschenko hat recht, als der sagt, dass "uns dieses Geschenk von außerhalb gebracht wurde". Die einzige Partie, die aus dem Geschehen was nuetzliches bekaeme, ist Ruslands Oligarchie. Das gleiche kann man ueber 19 Dezember sagen.
3. wer sollte
Ditmar 12.04.2011
dabei böses denken, ich traue diesem Lukaschenko zu, da Er mit seinem Geheimdienst dahinter steckt, nur um noch schärfer gegen die Oposition (gleich terroristen) vorgehen zu können. Wer sonst sollte einen Grund haben, dieses zu machen, außer Lukaschenko.
4. ...
lodermulch 12.04.2011
"die hintergründe liegen im dunkeln" ? diese weissrussische zeitung hat gestern eine u.u. erhellende meldung gebracht: http://telegraf.by/2011/04/former-mossad-agent-landed-in-minsk.html
5. ...
raly 12.04.2011
Das ist ja fast schon ein mustergültiges Beispiel für einen konstrUierten Terroranschlag. Beinahe schon etwas zu mustergültig...
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Fläche: 207.595 km²

Bevölkerung: 9,468 Mio.

Hauptstadt: Minsk

Staatsoberhaupt:
Alexander Lukaschenko

Regierungschef: Andrej Kobjakow

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