Terrorattacke auf Kopten Aufgebrachte Christen randalieren in Ägypten

Hunderte Demonstranten lieferten sich Scharmützel mit der Polizei: Mit Wut und Randale haben koptische Christen in Ägypten auf die Terrorattacke in Alexandria reagiert. Ein Selbstmordattentäter hatte mehr als 20 Gläubige mit in den Tod gerissen - nun wird über eine Verbindung zu al-Qaida spekuliert.

REUTERS

Alexandria - Nach dem tödlichen Anschlag auf eine Kirche im ägyptischen Alexandria haben sich dort am Samstagnachmittag junge koptische Christen und Sicherheitskräfte gewaltsame Auseinandersetzungen geliefert. Hunderte wütende Demonstranten formierten sich in mehreren kleinen Gruppen. Sie riefen: "Feige Terroristen - das Blut der Kopten ist nicht umsonst", und schleuderten Steine sowie Flaschen gegen die um den Anschlagsort postierten Sicherheitskräfte, wie eine AFP-Reporterin berichtete. Die Sicherheitskräfte schossen mit Tränengas und Gummigeschossen zurück.

Bei dem mutmaßlichen Selbstmordanschlag vor einer Kirche im Osten der Küstenstadt wurden in der Silvesternacht 21 Menschen getötet und mindestens 79 weitere verletzt.

Als Hunderte Kopten aus der Neujahrsmesse strömten, zerriss eine ohrenbetäubende Explosion die besinnliche Stimmung. Leichen lagen in ihrem Blut, Verletzte krümmten sich schreiend am Boden, brennende Fahrzeugtrümmer, Schutt und Scherben überall - Bilder, wie man sie in Ägypten nur aus Fernsehberichten aus Bagdad kennt.

Staatschef Husni Mubarak sprach von "einer abscheulichen Tat", die sich gegen das gesamte Land richte, Kopten und Muslime. Ohne nähere Erläuterung beschuldigte die Behörde "ausländische Elemente" als Drahtzieher und Ausführende der Bluttat.

Tatsächlich hatte kürzlich eine Gruppe mit Verbindungen zum islamistischen Terrornetz al-Qaida im Irak den Christen im ganzen Nahen Osten mit Anschlägen gedroht. Die Organisation wirft den Kopten vor, zwei vom Christentum zum Islam konvertierte Frauen als "Geiseln" festzuhalten. Doch bis zum Samstagnachmittag bekannte sich niemand zu dem Anschlag in Alexandria.

Ägyptens Kopten haben Grund zur Wut. Der Staat, der den Islam als Amtsreligion in der Verfassung verankert hat, benachteiligt sie in vielen Bereichen. Sie dürfen nur selten Kirchen bauen und werden im Staatsdienst gegenüber Muslimen diskriminiert. Während Christen jederzeit zum Islam konvertieren können - und etliche tun das wegen der strengen Scheidungsbestimmungen der koptischen Kirche auch -, ist es für einen Muslim unmöglich, den christlichen Glauben anzunehmen. Aufgeklärtere Kopten kritisieren aber auch die Belagerungsmentalität, den Dogmatismus und die Unduldsamkeit, die sich in ihrer Kirche unter Papst Schenuda III. breitgemacht hätten.

Papst Benedikt XVI. forderte am Samstag die Regierungen in aller Welt dazu auf, die Christen besser zu schützen. Er mahnte "konkretes und dauerhaftes Engagement" gegen Intoleranz und Diskriminierung an. Worte allein reichten nicht aus, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche bei der Neujahrsmesse im Petersdom in Rom.

US-Präsident Barack Obama verurteilte die Anschläge scharf. Er teilte mit, die Angreifer hätten keinen Respekt für das menschliche Leben oder die menschliche Würde. Die Verantwortlichen müssten für "diese barbarische und abscheuliche Tat" zur Rechenschaft gezogen werden.

Augenzeugen berichteten, dass die Tragödie noch schlimmer hätte ausfallen können, wenn der Attentäter bis zum Ende des Gottesdienstes gewartet hätte. Er zündete die Bombe nämlich zu einem Zeitpunkt, als die ersten Gläubigen die noch im Gange befindliche Messe verließen. Die britische BBC zeigte einen im Inneren der Kirche per Handy aufgenommenen Clip, auf dem zu sehen ist, wie die Kirchengemeinde von der Explosion aus ihren liturgischen Gesängen gerissen wurde.

Mubarak kündigte eine harte Reaktion an. Seine Behörden würden dafür sorgen, dass die Täter aufgespürt würden und "dem Terrorismus der Arm abgehackt" werde. Auch das amtliche Islam-Institut al-Azhar und die oppositionelle islamische Muslimbruderschaft verurteilten den Anschlag.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigte sich bestürzt über den Anschlag und erklärte: "Ich verurteile diesen Akt der Brutalität gegen Menschen, die bei einer Messe friedlich das neue Jahr begehen wollten, auf das Schärfste. Das zynische Vorgehen der Attentäter zeigt, wie notwendig es ist, entschlossen gegen Terrorismus und religiöse Intoleranz vorzugehen."

Die Konflikte zwischen muslimischen und christlichen Ägyptern münden immer wieder in tödliche Gewalt. Doch das Massaker von Alexandria verweist nun auf eine ganz andere Qualität.

ore/AFP/dpa



insgesamt 472 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Eutighofer 01.01.2011
1. weshalb ?
Im Artikel wird es erklärt: "Ägyptens Kopten haben Grund zur Wut. Der Staat, der den Islam als Amtsreligion in der Verfassung verankert hat, benachteiligt sie in vielen Bereichen. Sie dürfen nur selten Kirchen bauen und werden im Staatsdienst gegenüber Muslimen diskriminiert. Während Christen jederzeit zum Islam konvertieren können - und etliche das wegen der strengen Scheidungsbestimmungen der koptischen Kirche auch tun -, ist es für einen Muslim unmöglich, den christlichen Glauben anzunehmen."
hanspeter.b, 01.01.2011
2. Antwort
Zitat von sysopHunderte Demonstranten lieferten sich Scharmützel mit der Polizei: Mit Wut und Randale haben koptische Christen in Ägypten auf die Terrorattacke in Alexandria reagiert. Ein Selbstmordattentäter hatte mehr als 20 Menschen mit in den Tod gerissen - nun wird über eine Verbindung zu al-Qaida spekuliert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,737356,00.html
Na klar. Da muss natürlich mal wieder die Chimere Al-Qaida herhalten. Die normalen Ägypter sind ja ausnahmslos tolerant gegenüber Christen und würden sowas nieee tun. Oder ist al-Qaida inzwischen zum Synonym von islamisch motivierten Terror geworden?
weltbetrachter 01.01.2011
3. bitte Vorsicht
Achtung immer schön vorsichtig sein - der Papst schaut zu. Nicht das der am Ende seine Forderung "Christen müssen beschützt werden" wieder zurücknimmt.
UncleSebbi 01.01.2011
4. .
jetzt ist ja alles klar, Christen sind auch böse und alles ist nur ein normaler Konflikt, bei denen beide Parteien schuldig sind. So wird leicht verschleiert, dass überall auf der Welt Christen von Muslimen, Hindus etc. verfolgt, getötet und gefoltert werden, ohne irgendein Verbrechen getan zu haben, als einfach nur Christ zu sein. Frag mal einen Christen in Nordkorea, Saudi-Arabien, Iran, Irak, Jemen, Mauretanien, Pakistan, Indien etc. wieviel Freiheit Christen genießen, wie nett sie von der Regierung und Gesellschaft behandeln und wie viel sie dafür können.
gunman, 01.01.2011
5. "Nur" Chirsten.
Die Opfer waren doch "nur" Christen. Hätten Christen eine Moschee in die Luft gesprengt, würde jetzt die Welt Kopf stehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.