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21. Mai 2011, 10:55 Uhr

Terrorattacke von Mumbai

Indien drohte Pakistan mit Krieg

Von , Islamabad

Eine Terrorserie erschütterte im November 2008 die Metropole Mumbai - und nur mit Mühe konnte die indische Regierung von einem Angriff auf Pakistan abgehalten werden. Ein US-Botschaftsbericht belegt, dass Indien bei einer erneuten Terrorattacke mit Krieg reagieren wollte.

Das Bild von dem brennenden "Taj Mahal"-Hotel in Mumbai hat sich in das kollektive Gedächtnis der indischen Nation eingebrannt: Der Terrorangriff auf die Stadt im November 2008, bei dem 172 Menschen starben und der die Welt drei Tage lang in Atem hielt, ließen ein erschüttertes Land zurück. Zehn junge Männer, ausgebildet in Camps der Terrororganisation Lashkar-i-Toiba in Pakistan, waren per Boot über das arabische Meer in die westindische Metropole gefahren und hatten die Stadt in Angst und Schrecken versetzt.

Ein jetzt von der Enthüllungsplattform WikiLeaks veröffentlichter Bericht der US-Botschaft in Neu-Delhi belegt, wie nahe der indische Subkontinent damals vor einem Krieg stand: Der indische Innenminister Palaniappan Chidambaram erklärte demnach in einem Gespräch mit US-Staatssekretär William Burns, bei einem erneuten Anschlag pakistanischer Extremisten würde Indien militärisch reagieren. In diesen Fall, sagte Chidambaram, "erwartet das indische Volk von uns, dass wir reagieren", wie die Zeitung "The Hindu" unter Berufung auf die US-Depesche vom Juni 2009 berichtet. Die Zeitung erhielt von WikiLeaks die Indien betreffenden Dokumente zur Auswertung.

Hardliner hatten bereits nach den Anschlägen in Mumbai einen Militärschlag gegen Pakistan gefordert, der jedoch unabsehbare Folgen für die ganze Welt gehabt hätte - beide Länder sind Atommächte. Auf entsprechende Drohungen reagierte Pakistan mit der Ankündigung, 100.000 Soldaten von der Westgrenze zu Afghanistan an die indische Grenze im Osten zu verlegen, sollte dort ein indischer Angriff erfolgen. Der pakistanische Atomwissenschaftler Samar Mubarakmand prahlte, das Land könne "binnen zehn Minuten" nuklear bestückte Raketen abfeuern.

Luftwaffe in Alarmbereitschaft

Noch während die Terroristen in Mumbai mordeten, ließ sich ein Anrufer mit Pakistans Präsident Asif Ali Zardari verbinden und gab sich fälschlicherweise als Indiens Außenminister Pranab Mukherjee aus. Er drohte Zardari mit militärischen Mitteln, sollte er nichts gegen den Terror tun. Pakistans Regierung versetzte daraufhin die Luftwaffe in Alarmbereitschaft.

Die damalige US-Außenministerin Condoleezza Rice reiste eilig nach Neu-Delhi und Islamabad und mahnte beide Seiten zur Besonnenheit. Von Pakistan, labiler US-Verbündeter im Anti-Terror-Kampf, verlangte sie, es müsse sich seiner "zentralen Rolle" im Kampf gegen Terrorismus bewusst sein. Für Indiens angedrohte "robuste" Antwort habe sie Verständnis, jedoch müsse jede Aktion "im Hinblick auf ihre präventive Wirkung abgewogen werden".

Nur mit internationalem Druck ließ sich Indiens Regierung, von der Presse im eigenen Land heftig kritisiert wegen ihrer späten Reaktion gegen die Terroristen, von einem Schlag gegen Pakistan abhalten. Innenminister Chidambaram war dem US-Botschaftsbericht zufolge nicht zufrieden mit der Haltung Washingtons. Die USA müssten Gruppen, die gegen Indien gerichtet seien, genauso behandeln wie "die Gruppen, die gegen Amerikaner in Afghanistan gerichtet sind". Es sei bedauerlich, kritisierte Chidambaram, dass die Vereinigten Staaten nicht in der Lage seien, Pakistan zu verbieten, dass sich dort Terroristengruppen bildeten, die gegen Indien gerichtet seien. "Wir wissen, dass Sie es versucht haben, aber es scheint nirgendwohin zu führen", warf er Burns vor.

"Sie sind sehr gut vorbereitet"

Verärgert zeigte sich Chidambaram gegenüber Burns auch über Pakistans mangelnde Bereitschaft, gegen Extremisten vorzugehen. Pakistan unterstütze Terroristen, die in der von beiden Ländern beanspruchten Provinz Kaschmir gegen indische Soldaten kämpften. Die Infiltration von Extremisten in dieser Region würde sehr bald wieder zunehmen. Es gebe zudem Anzeichen, dass die Militanten besser ausgerüstet seien als noch im Jahr zuvor. "Sie haben Parkas, Stiefel. Sie sind sehr gut vorbereitet", zitiert der US-Botschaftsbericht Chidambaram.

Indien wirft der pakistanischen Regierung vor, Terroristen zu unterstützen. Islamabad streitet das regelmäßig ab. So räumte Pakistan erst sieben Wochen nach den Anschlägen von Mumbai ein, dass Ajmal Amir Kasab - wie von Indien behauptet - ein pakistanischer Staatsbürger ist. Kasab ist der einzige Terrorist, der nicht von indischen Sicherheitskräften getötet, sondern festgenommen und von einem indischen Gericht zum Tode verurteilt wurde. Mehreren Männern wird derzeit in Pakistan der Prozess gemacht, weil ihnen vorgeworfen wird, an der Planung der Anschläge von Mumbai beteiligt gewesen zu sein. Der pakistanischstämmige Amerikaner David Headley sitzt in den USA in Haft, er soll im Auftrag von Lashkar-i-Toiba zwischen 2006 und 2008 fünfmal nach Mumbai gereist zu sein, um Anschlagsziele auszukundschaften.

Indien hat nach der Tötung von Qaida-Chef Osama Bin Laden am 2. Mai 2011 in der pakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad mit Militäroperationen gegen Pakistan gedroht. Indische Offiziere und Politiker sagten, man könne von Indien gesuchte und in Pakistan vermutete Terroristen ebenfalls mit eigenen Kommandoaktionen nach US-Vorbild töten. Pakistans Außenstaatssekretär Salman Bashir warnte Indien daraufhin vor "desaströsen Konsequenzen", was als Drohung eines Atomschlags verstanden wurde.

Indiens Verteidigungsminister A. K. Antony forderte Pakistan am Freitag erneut dazu auf, "alle Terroristengruppierungen auf seinem Boden zu zerstören", wenn es daran interessiert sei, die Beziehungen zu Indien ernsthaft zu verbessern. Es gebe "Elemente in Pakistans Strukturen", die Terroristen unterstützten. Innenminister Chidambaram tönte, die Tatsache, "dass Bin Laden in einem großen Haus in Abbottabad lebte, rechtfertigen Indiens Standpunkt, dass Terrorismus nicht beseitigt werden kann, ohne die sicheren Häfen [für Terroristen] in Pakistan zu beseitigen".

Indien veröffentlichte nach Bin Ladens Tod erstmals eine Liste mit 50 Namen der meistgesuchten Terroristen, die Neu-Delhi in Pakistan vermutete. Am Freitag musste Indien diese Liste nun zurückziehen. Es hatte sich herausgestellt, dass mindestens zwei dieser Männer gar nicht in Pakistan sind. Einer von ihnen lebt im westindischen Bundesstaat Maharashtra, der andere sitzt schon in Haft - in einem indischen Gefängnis.

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