Terrorbekämpfung im Jemen: USA errichten geheime Drohnen-Basis

Von Yassin Musharbash

Der Jemen versinkt im Chaos. Mit ferngelenkten Drohnen wollen die USA nun verhindern, dass der Qaida-Ableger im Land von den Wirren profitiert. Am arabischen Golf legen die Amerikaner eine geheime Basis an - sie wollen autark agieren können, egal wer den Machtkampf im Land gewinnt.

Al-Qaida im Jemen: Dschihad im Wüstensand Fotos

Das leise Surren der Drohnen in mehreren Kilometern Höhe, von dem Dschihadisten im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet berichten - es wird bald deutlich häufiger als bisher auch im Jemen zu hören sein. Über acht Jahre, nachdem die USA im Jemen erstmals unbemannte Flugkörper und ihre Raketen nutzten, um einen mutmaßlichen Terroristen auszuschalten, sollen die Drohnen in den Jemen zurückkehren. Dieses Mal wollen die USA sogar eigens eine Basis am Persischen Golf errichten.

Es war am 3. November 2002, als die USA zum ersten Mal einen mutmaßlichen Qaida-Terroristen per Knopfdruck töteten: Ali Kaid Sinjan al-Harithi starb gemeinsam mit fünf Gefolgsleuten im jemenitischen Wüstensand, lange bevor die erste Drohne im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet abgefeuert wurde.

Nun berichten die "New York Times" und AP über eine massive Ausweitung des Einsatzes der Flugkörper in dem Land im Süden der Arabischen Halbinsel, das im Laufe der vergangenen Monate immer mehr in einen Zustand fast vollständigen Chaos abgeglitten ist.

Die US-Entscheidung hängt mit genau dieser Entwicklung zusammen: Qaidas schlagkräftige Filiale in dem Land, Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP), wird jetzt ins Fadenkreuz genommen, um zu verhindern, dass die Terroristen von den Wirren im Jemen profitieren.

Hassprediger Awlaki entging der Drohne

In Wahrheit wurde die neue Front im Drohnenkrieg bereits eröffnet: Im Mai feuerten die USA eine Rakete aus einer Drohne ab, um Anwar al-Awlaki zu töten. Der US-Jemenit ist einer der Chefideologen von AQAP. Offenbar gab es eine Hinweis auf seinen Aufenthaltsort; Awlaki überlebte allerdings. Andere Qaida-Kader sollen hingegen getötet worden sein. Eine unabhängige Bestätigung gibt es dafür allerdings nicht.

Schon länger beobachten die USA den Jemen mit Hilfe von Drohnen, aus Angst vor der Gefährdung von Zivilisten wurden sie bisher jedoch kaum für Luftschläge eingesetzt. Das wird sich nun voraussichtlich ändern. AP zufolge errichten die USA derzeit sogar eine geheime Basis in der Golfregion, von der aus die Angriffe koordiniert werden sollen. Ein solches Projekt war bereits geplant, doch nun soll die Basis schon in acht Monaten fertig sein, nicht erst in zwei Jahren - die Unruhen im Jemen, wo eine Massenbewegung den Präsidenten Ali Abdallah Salih aus dem Amt drängen will, hat alles beschleunigt.

Der Jemen war lange ein Partner der USA im Kampf gegen den Terrorismus - dass Salih ein eingefleischter Autokrat ist, wurde hingenommen. Nun ändert sich die Lage im Jemen dramatisch - Salih hält sich seit über einer Woche in Saudi-Arabien auf, wo er nach einem Anschlagsversuch medizinisch behandelt wird. Ob er zurückkehren kann, ist ungewiss. Die Opposition hat geschworen, das zu verhindern.

Damit ist unklar, wer in Sanaa das Sagen hat - und das wiederum bedeutet für die USA, dass sie eigenständiger agieren müssen, aber eben auch können.

Gespräche mit der jemenitischen Opposition

Schon ab 2009 hatten die USA von Salih die Erlaubnis bekommen, mit militärischer Gewalt gegen AQAP vorzugehen. Aber er musste jedes Mal einzeln um Erlaubnis gebeten werden, wenn die US-Armee Raketen abschießen wollte. Anschließend gab Salih die Operationen als Einsätze seiner eigenen Armee aus. Die USA trainierten auch Terrorbekämpfer der jemenitischen Sicherheitsbehörden und gaben Salih reichlich Geld. Der aber ließ einige dieser Spezialtruppen gegen die Opposition in Stellung bringen - auch deswegen ist die Sicherheitszusammenarbeit mit den USA im Grunde obsolet.

Die neue Basis, deren Standort AP kennt, aber nicht nennt, soll die USA autark machen. Auch wenn im Jemen eine Gruppe an die Macht kommt, die auf gar keinen Fall mit den USA kooperieren wollen, will Washington noch zuschlagen können. Laut "New York Times" haben Oppositionsgruppen dem US-Botschafter zwar zugesagt, dass sie im Falle eine Machtübernahme keine Einwände gegen US-Einsätze gegen al-Qaida erheben würden; aber die Fähigkeit, zur Not unabhängig agieren zu können, gilt für das Weiße Haus als unabdingbar.

Denn AQAP hat bereits mehrfach unter Beweis gestellt, dass sie willens und in der Lage ist, Ziele im Westen anzugreifen. Weihnachten 2009 beauftragte die Qaida-Filiale einen nigerianischen Studenten damit, an Bord eines US-Passagierjets eine Bombe zu zünden; der Anschlag schlug fehl. 2010 versandte AQAP zwei Sprengsätze per Kurierdienst. Auch dieser Plan misslang. Aber die US-Geheimdienste sind seither sicher, dass von AQAP eine größere Gefahr für die Sicherheit von US-Bürgern ausgeht als von Qaidas Zentrale im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet.

US-Armee und CIA arbeiten gemeinsam

Die Drohnen-Kampagne wird vom Joint Special Operations Command der US-Armee durchgeführt, aber von der CIA mit Informationen beliefert. "Die USA müssen den Druck aufrechterhalten, um Qaidas gegenwärtigen Rückenwind zu zerstören", sagte der Anti-Terror-Koordinator des Weißen Hauses, Daniel Benjamin, laut AP.

Al-Qaida verfügt im Jemen über sichere Rückzugsräume, Trainingslager und vermutlich mehrere hundert Kämpfer. Seit Tagen kursieren Berichte, dass militante Islamisten im Jemen mehrere Ortschaften und Stadtteile übernommen hätten. Das Bild ist aber unklar, auch ob wirklich Qaida-Kämpfer unter den angeblichen Besetzern sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

AQAP ist die schlagkräftigste Qaida-Filale. Sie verfügt über Kader, die seit Jahren, teilweise Jahrzehnten, am bewaffneten Kampf teilnehmen. Einige ihrer Bombenbauer sind äußerst erfahren. Die relative Bewegungsfreiheit im Jemen erlaubt die Ausbildung von Terrornachwuchs. Ideologisch führt AQAP einen Zwei-Fronten-Krieg: einerseits gegen die jemenitische Regierung, die durch einen islamischen Gottesstaat auf der gesamten Arabischen Halbinsel ersetzt werden soll; andererseits gegen den Todfeind USA und dessen Alliierte - auf der Halbinsel, aber auch darüber hinaus.

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1. jaja
rondon 15.06.2011
Das ist vorne vorne bis hinten durchorganisiertes Vorgehen. Ein Land nach dem anderen wird platt gemacht. Der Fall Lybien ist auch voller Lügen: http://le-bohemien.net/2011/06/15/graueltaten-unter-den-augen-der-nato/ Fakt ist doch: Überall gehn die Systeme drauf, weil die USA mit ihrer Finanzmafia struturelle Probleme schaffen und dann verleiben sie sich die Staaten ein. Zeit, dass dem ein Ende gesetzt wird!
2. hhhhh
taiga 15.06.2011
Zitat von rondonDas ist vorne vorne bis hinten durchorganisiertes Vorgehen. Ein Land nach dem anderen wird platt gemacht. Der Fall Lybien ist auch voller Lügen: http://le-bohemien.net/2011/06/15/graueltaten-unter-den-augen-der-nato/ Fakt ist doch: Überall gehn die Systeme drauf, weil die USA mit ihrer Finanzmafia struturelle Probleme schaffen und dann verleiben sie sich die Staaten ein. Zeit, dass dem ein Ende gesetzt wird!
Was denn sonst! ??? ???????????? Welche Staaten? Den Irak? Der hat höchstens schuld, dass die USA halb pleite geworden sind. So viel Wirrheit auf einmal überfordert mich.
3. Voll geheim....
Goinz 15.06.2011
wenn SPON darüber berichtet -.-
4. ...
xm29oicw 15.06.2011
Vielleicht könnte sich Deutschland diesmal als Verbündeter und NATO-Partner zeigen und die USA hier wie auch immer unterstützen
5. Geheime(?) Basis
thrasybulos 15.06.2011
Der Bau einer Basis auf der Insel Sokotra war ja schon länger geplant. Liegt praktischerweise weit weg vom im Bürgerkrieg zerrütteten Festland und mitten im "Eingang" des Indischen Ozeans. Das englische Original ist leider nicht mehr aufrufbar: http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=8150&Itemid=111
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Land im Bürgerkrieg: Jemens Präsident schwer verletzt

Fläche: 536.869 km²

Bevölkerung: 24,053 Mio.

Hauptstadt: Sanaa

Staatsoberhaupt:
Abd Rabbuh Mansur al-Hadi

Regierungschef: Khaled Bahah

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