Terrorgefahr Briten befürchten Anschläge zu Weihnachten

"Vertut euch nicht, das war ernst": Nach der Festnahme von zwölf mutmaßlichen Terroristen wächst in Großbritannien die Sorge vor einem Anschlag in der Weihnachtszeit. Die Insel ist ein vorrangiges Ziel von Dschihadisten.

Hausdurchsuchung in Trent: Verdächtige Verbindungen ins Ausland
REUTERS

Hausdurchsuchung in Trent: Verdächtige Verbindungen ins Ausland

Von Yassin Musharbash


Berlin - Das Terrornetzwerk al-Qaida ist nachweisbar seit Jahren besonders an Anschlägen auf den Luftverkehr oder mit Flugzeugen interessiert. Gilt das auch für spektakuläre Attentate im Westen zur Weihnachtszeit?

In diesem Jahr fallen die Feiertage in eine Zeit, zu der viele westliche Regierungen ohnehin schon seit Monaten warnen, dass Terroranschläge mehr oder weniger unmittelbar bevorstehen könnten. Verdichtet sich die Gefahr nun noch einmal? Die Festnahme von zwölf Terrorverdächtigen in Großbritannien in der Nacht zum Montag hat zumindest auf der Insel entsprechende Befürchtungen befeuert - auch wenn es keine konkreten Hinweise dafür gibt.

Der Chef der Terrorabwehr im irakischen Innenministerium, Generalmajor Dhia Hussein, behauptete vergangene Woche mit Blick auf den Selbstmordanschlag von Stockholm, es gebe unter dschihadistischen Terrorgruppen gar einen regelrechten Wettlauf mit diesem Ziel.

Völlig aus der Luft gegriffen ist das nicht: Im vergangenen Jahr entsandte die Qaida-Filiale im Jemen den nigerianischen Studenten Umar Faruk Abdulmutallab am ersten Weihnachtstag mit dem Auftrag gen Westen, einen US-Jet im Landeanflug nach Detroit zum Absturz zu bringen. Die nachgeschobene Rechtfertigung des vereitelten Anschlags: Der Westen sollte inmitten seiner Feierlichkeiten getroffen werden, damit die Menschen einmal auf ähnliche Weise zu leiden hätten wie sonst die muslimischen Opfer der "Kreuzfahrer" in Afghanistan und im Irak.

Auch Richard Reid, als Schuhbomber bekannt geworden und nach eigenen Angaben im Auftrag al-Qaidas unterwegs, plante einen Massenmord um Weihnachten herum: Am 22. Dezember 2001 wollte er ebenfalls einen Passagierjet in die Luft sprengen. Schon im Jahr 2000 gab es Pläne dschihadistischer Terroristen, den Weihnachtsmarkt in Straßburg anzugreifen. Und im US-Bundesstaat Oregon soll ein Dschihadist vor wenigen Wochen geplant haben, die feierliche Entzündung eines Weihnachtsbaums in Portland mit einer Bombe zu attackieren.

Tatsächlich ist ein Anschlag auf feiernde Gläubige - egal welcher Religion oder überhaupt ein religiös definiertes Ziel - selbst für al-Qaida nicht ohne weiteres zu rechtfertigen; die islamrechtlichen Grundlagen, an denen auch die Terroristen nicht völlig vorübergehen können, verbieten solches zu eindeutig. Al-Qaida tut es natürlich trotzdem laufend: Im Irak etwa in Form von Angriffen auf schiitische Pilger oder betende Christen in ihren Kirchen. Legitimiert wird das meistens über den Umweg, es müsse direkte Vergeltung geübt werden, wofür alle anderen Prinzipien zurückstehen müssten.

Über die Festgenommen in Großbritannien sind bislang nur sehr wenige Details bekannt. Die Sicherheitsbehörden haben 28 Tage Zeit, eine Anklage zu formulieren oder die Männer - alle sollen Briten sein, einige Wurzeln in Bangladesch haben - freizulassen. Sie halten sich zurück.

Keine Neubewertung in Deutschland

Ein paar mehr vage Details finden sich in der Presse. Dem "Guardian" zufolge wird vermutet, die 17 bis 28 Jahre alten Verdächtigen könnten potentielle Anschlagsziele im Londoner Parlamentsviertel ausgekundschaftet haben. Auch über möglicherweise geplante Anschläge auf "öffentliche Orte" im Umland wird spekuliert. In jedem Fall sei entschieden worden, die Gruppe auszuheben - die Gefahr, ein Anschlag könne bevorstehen, sei als zu hoch eingeschätzt worden.

Die "Times" berichtet, bei den vermuteten Anschlagszielen habe es sich möglicherweise um Nachtclubs, Einkaufszentren und bekannte Gebäude gehandelt. Einfache Sprengsätze sollten demnach zum Einsatz kommen. Bei den Hausdurchsuchungen, so das Blatt, seien aber bisher keine gefährlichen Stoffe entdeckt worden.

Auf der Grundlage dieser Informationen lässt sich kaum einschätzen, wie ernst die Gefahr war, die von den Männern möglicherweise ausging. In der Vergangenheit hat es in Großbritannien schon mehrfach Fälle gegeben, in denen die Polizei Festnahmen zu einem Zeitpunkt anordnete, da die bis dahin gesammelten Informationen kein klares Bild ergaben. Die "Times" zitiert dennoch eine Quelle mit den Worten: "Vertut euch nicht, das war ernst." Es gebe zudem verdächtige Verbindungen ins Ausland.

Es wird vermutlich bis zum Ende der 28-Tage-Frist dauern, bevor weitere Details bekannt werden. Andererseits kann zumindest grundsätzlich kein Zweifel daran bestehen, dass Großbritannien für zahlreiche dschihadistische Terrorgruppen ein begehrtes Ziel ist.

Deutsche Sicherheitsbehörden glauben indes nicht, dass die ohnehin schon als real eingestufte Terrorgefahr über Weihnachten noch einmal steigt. An der Lage, wie sie Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) im November beschrieben hatte, habe sich nichts geändert. Der Minister hatte damals erstmals von "konkreten" Hinweisen auf in Deutschland geplante Anschläge gesprochen.

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