Vormarsch von Isis Bagdad, eine Stadt voll Zorn und Angst

Die Terrortruppe Isis steht vor Bagdad, die irakische Hauptstadt ist in Aufruhr. Aufgepeitschte Schiiten organisieren sich in Milizen, die Sunniten reagieren mit Panik. Schüsse hallen.

Aus Bagdad berichtet Ulrike Putz


Bagdad - Der Einpeitscher trägt Tarnfleck, dazu den weißen Turban eines schiitischen Geistlichen: "Mit unserem Blut, mit unserem Leben werden wir die heiligen Stätten beschützen", ruft er der Menge zu. "Oh Hussein, oh Hussein", antworten ihm Dutzende junge Männer in diesem Schiitenviertel im Norden Bagdads. Sie recken ihre Fäuste, schreien den Namen des Schutzpatrons der Schiiten, schwören, für ihre Religion bis in den Tod zu gehen.

Frauen im schwarzen Tschador drängen an diesen Möchtegernhelden vorbei: Pilgerinnen aus Iran, sie wollen zum nahen Kadhimija-Schrein, dessen goldene Kuppeln und Minarette in der Abendsonne glänzen. "Wir stehen an der Seite des Iraks", versichern die Iranerinnen, die einen weiten Weg zurückgelegt haben, um hier, in einem der wichtigsten schiitischen Heiligtümer des Iraks, zu beten. "Wir werden uns freuen, wenn Iran in den Krieg zieht, um unseren schiitischen Brüdern beizustehen!"

"Harb", arabisch für "Krieg": Das Wort ist in Bagdad in diesen Tagen in aller Munde. Seit die sunnitische Terrormiliz "Radikalislamischer Staat im Irak und in Syrien" (Isis) vor gut einer Woche im Handstreich weite Teile des Nordirak erobert hat, ist es vorbei mit der brüchigen Ruhe, in der sich die irakische Hauptstadt nach einem erschöpfenden Jahrzehnt Krieg eingerichtet hatte.

In nur wenigen Tagen ist der schwelende Hass zwischen den beiden islamischen Glaubensrichtungen im Irak wieder hell aufgelodert: Etwa 65 Prozent der irakischen Bevölkerung sind Schiiten, doch es waren die Sunniten, die während der Herrschaft Saddam Husseins - auch er Sunnit - das Sagen hatten. Nach dem Einmarsch der Alliierten unter der Führung der USA im Jahr 2003 verschob sich das Gleichgewicht der Kräfte, seitdem sind die Schiiten am Ruder.

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Isis-Durchmarsch: Bagdad bereitet sich auf das Schlimmste vor
Die Nähe zur Front ist spürbar

Warnungen, dass der Irak nur eine Chance auf eine stabile Zukunft habe, wenn die Sunniten fair behandelt würden und ihren Teil an Macht und Ölgeld erhielten, schlug die jetzige Regierung unter Ministerpräsident Nuri al-Maliki in den Wind. So entstand eine Situation, in der viele Enttäuschte im sunnitisch geprägten Norden des Landes die Offensive von Isis jetzt als Befreiung vom Joch der schiitischen Zentralregierung erlebten. Ohne Unterstützung der lokalen Bevölkerung wäre der etwa 1500 Mann starke Haufen Radikalislamisten nie so schnell bis vor die Tore Bagdads vorgestoßen.

Inzwischen steht Isis an einigen Stellen wohl nur noch 40 Kilometer vor Bagdad. Die Nähe zur Front ist spürbar. Immer wieder rasen am Mittwoch von Armeefahrzeugen begleitete Krankenwagen-Konvois durch die Stadt. Die Soldaten der Geleitfahrzeuge sind nervös, feuern in die Luft, wenn eine Kreuzung nicht schnell genug geräumt wird.

Immer neue Checkpoints bremsen den Verkehr auf Schritttempo herunter. Die Einkaufsmeilen liegen verwaist. "Die meisten Hochzeiten sind abgesagt", sagt Mohammed Fuad, der in der berühmten Karada-Straße einsam in seinem Geschäft für Abendmoden sitzt. "Alle wissen, dass harte Zeiten bevorstehen. Deshalb sparen die Leute ihr Geld lieber statt zu feiern." Der 24-Jährige hofft, dass die USA - wie von Iraks Regierung angefragt - in den Konflikt eingreifen und Isis mit Luftschlägen schwächen werden. "Alle hier haben Angst."

"Um das Land wieder zu vereinen, muss ein Wunder geschehen"

Journalisten, die auf der Straße Fragen stellen, werden kurzerhand vom Geheimdienst mitgenommen. Wie in den schlechten alten Zeiten reißen derzeit wieder jeden Tag Selbstmordattentäter in Bagdad Menschen in den Tod. Da wird alles, was ungewöhnlich ist, als Bedrohung empfunden. "Sie müssen verstehen, wir sind auf allerhöchster Alarmstufe", entschuldigt ein Offizier die stundenlange Befragung.

Isis hatte sich am Wochenende damit gebrüstet, 1700 gefangen genommene Schiiten massakriert zu haben. Unter Bagdads Sunniten kursieren Gerüchte von ersten Racheakten für diese Gräueltaten. Männer seien nicht vom Einkaufen wiedergekommen, andere erschossen aufgefunden worden. Die Angst vor den Todesschwadronen, vor der sektiererischen Gewalt ist wieder ganz da. "Meine Schwester wurde 2007 rücklings erschossen, weil sie Sunnitin war", sagt ein sunnitischer Dolmetscher. "Meinen Bruder haben sie 2010 geholt. Wir haben seine Leiche mit Folterspuren zurückbekommen."

Seitdem Isis Mossul eingenommen hat, haben sich Bagdads Sunniten aus Angst vor dem Zorn der Schiiten selbst eine abendliche Ausgangssperre auferlegt. "Wenn es dunkel wird, gehe ich nicht mehr vor die Tür. Ich will nicht verschwinden wie so viele andere", sagt einer.

Die Politiker bemühen sich - viel zu spät -, die Geister einzufangen, die sie gerufen haben. Im Radio laufen austauschbare Appelle aller Führer, die die Einheit des Landes beschwören. Dann wieder patriotischer Männergesang. "Wollen wir mal ehrlich sein", sagt Abendmodenverkäufer Fuad. "Der Irak ist längst gespalten. Um das Land wieder zu vereinen, muss ein Wunder geschehen."

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Irak und Syrien: Der Konflikt im Überblick

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insgesamt 119 Beiträge
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henrikw 19.06.2014
1. Endlich Widerstand, aber
statt "Liberté, Egalité, Fraternité" herrscht der religiöse Wahnsinn. "... antworten ihm Dutzende junge Männer... schwören, für ihre Religion bis in den Tod zu gehen." Angesichts einer Bevölkerung, die den Islam zur Staatsreligion wählt ist nichts anderes zu erwarten.
reever_de 19.06.2014
2. Ganz ehrlich?
Ich denke mal, nicht wenige Einwohner Bagdads und überhaupt des Irak denken nun mit Sicherheit wehmütig an die relative Sicherheit unter Saddam Hussein zurück bevor die tapferen westlichen Streitkräfte ihnen das Geschenk von Freiheit und Demokratie gebracht haben ...
Spirit in Black 19.06.2014
3. Auswirkung auf Ukraine-Krise
Ebenso wie die Ukraine-Krise die Euro-Krise beendet hat, weil sich Merkel keine zweite Front leisten konnte, wird die Nahost-Krise die Ukraine-Krise beenden, weil sich Obama keine zweite Front wird leisten können.
StFreitag 19.06.2014
4. Tolle Religion!
Davon sollten wir noch viel mehr bei uns haben. Der Islam gehört doch zu Deutschland.
dadanchali 19.06.2014
5. Nee
Religiöser Wahn ist die Pest des 21. Jahrhunderts. Man erfindet einfach einen Götzen, und wer den nicht auch anbeten möchte wird halt getötet. Denn zu diesem Götzen erfinde ich gleich noch dazu wie laut ihm gehandelt werden muss. Tumber Aberglaube regiert die Welt, Nicht nur im Nahen Osten. Anstatt dieses Grundübel zu bekämpfen, denken die Europäer maximal an steigende Ölpreise.
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