Terrorismus Al-Qaida veröffentlicht Bin-Laden-Rede auf Deutsch

"Botschaft an die Europäer" hat Osama Bin Laden seine neue Rede genannt, in Wahrheit ist sie vor allem ein Versuch, die Afghanen für al-Qaida zu gewinnen: Jetzt veröffentlichte das Terrornetzwerk die Aufzeichnung komplett online - inklusive deutscher Untertitel.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Die Aufnahme ist genau fünf Minuten lang, sie enthält keine neuen Bewegtbilder des Qaida-Gründers, sondern lediglich eine Tonspur und ein Standbild. Heute Vormittag wurde die Rede, die den Titel "An die europäischen Völker" trägt, von al-Qaidas Propagandaabteilung "al-Sahab" auf einschlägigen dschihadistischen Internet-Seiten veröffentlicht. Die Aufnahme liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Standbild mit deutschen Untertiteln: Eine Botschaft an Europäer und Afghanen

Standbild mit deutschen Untertiteln: Eine Botschaft an Europäer und Afghanen

Sowohl US-amerikanische als auch europäische Regierungs- und Sicherheitskreise gehen davon aus, dass die Rede authentisch und die Stimme diejenige Osama Bin Ladens ist.

Bereits am Donnerstagabend hatte der arabische Satellitensender "al-Dschasira" kurze Auszüge aus dem Band veröffentlicht, offensichtlich war es dem Sender - erneut - vorab zugespielt worden. Nun jedoch liegt das ganze Band vor, und eine eingehendere Analyse ist möglich.

Im Wesentlichen enthält die Rede zwei Kernbotschaften: Die Europäer sollen sich aus der Allianz mit den USA lösen. Und al-Qaida ist eine Anwältin und Freundin des afghanischen Volkes - und nicht der Grund für seine Leiden.

Klagen über einen "ungerechten Krieg"

"Al-Sahab" veröffentlichte die Aufnahme in vier Versionen: einmal im arabischen Original und dann jeweils mit Untertiteln in Deutsch, Englisch und Paschtu. Es ist nicht das erste Mal, dass al-Qaidas Medienproduktionsfirma die deutsche Übersetzung mitliefert. Schon im April 2004, als Bin Laden sich erstmals ausdrücklich an die Europäer ("Die Nachbarn nördlich des Mittelmeers") wandte, war das der Fall. Die deutsche Übersetzung ist an einigen Stellen etwas holprig, im Wesentlichen aber verlässlich.

"Meine Botschaft ist gerichtet an die Völker der Koalitionspartner der Amerikaner in Afghanistan, insbesondere an die Europäer", beginnt der Qaida-Chef seine Ansprache - die bereits fünfte in diesem Jahr. Es folgt eine Klage über den "ungerechten" Krieg der Allianz gegen "das afghanische Volk". Mit Verweis auf die Invasion Afghanistans in den achtziger Jahren durch die Sowjetunion erklärt Bin Laden: "Bevor die Wunden geheilt waren, (...) haben eure ungerechten Regierungen das afghanische Volk erneut zu Unrecht angegriffen."

Ungerecht sei der Afghanistan-Krieg, weil "weder die Regierung noch das Volk", also weder die Taliban noch die Afghanen, Verantwortung für die Anschläge vom 11. September 2001 getragen hätten. "Ich bin verantwortlich für die Anschläge und bestätige, dass die Afghanen überhaupt kein Wissen über die Anschläge hatten." Die USA hätten niemals Beweise für das Gegenteil vorlegen können.

Untertitel auf Paschtu - aus gutem Grund

Schon an dieser Stelle wird deutlich, dass die Rede eigentlich "Botschaft an die Afghanen" hätte heißen müssen - denn was Bin Laden hier sagt, dient dem Versuch, al-Qaida bei den kriegsmüden Afghanen beliebter zu machen, da ja die Kriegsallianz "Militärstützpunkte der Qaida zerstört, einige ihrer Mitglieder getötet und andere festgenommen hat", so Bin Laden.

Vordergründig an den Westen gerichtet fragt der Terrorpate deshalb: "Was ist also die Sünde des afghanischen Volkes, dass ihr diesen ungerechten Krieg führt? Sie haben keine Sünde begangen, außer dass sie Muslime sind, und das zeigt das Ausmaß des Hasses der Christen gegenüber dem Islam und den Muslimen." Frauen und Kinder würde die Allianz gezielt bombardieren. "Ich habe solche Vorfälle selbst erlebt", behauptet der Saudi-Araber. "Die Krankenhäuser sind mit unschuldigen Zivilisten gefüllt."

Bin Laden versucht, die Afghanen mit dieser Suada davon zu überzeugen, dass sie al-Qaida nicht dafür verantwortlich machen können, dass es Krieg in ihrem Land gibt. Dazu passen die Lobeshymnen auf das "stolze" und "religiöse" afghanische Volk, dass stets seine Besatzer abgeschüttelt habe. Es hat also einen guten Grund, dass die Rede auch mit Untertiteln auf Paschtu, das vor allem in Afghanistan gesprochen und verstanden wird, publiziert wurde.

An die Europäer richtet Bin Laden eigentlich nur die Mahnung, sich aus der Umklammerung der USA zu lösen, schließlich würden diese bald besiegt sein: "Die Rückkehr zum Recht ist ein Zeichen der Vernünftigen."

Deutschland wird nicht erwähnt

Konkrete Drohungen gegen die Europäer formuliert der Qaida-Chef nicht. Er zählt zwar einige aktuelle (Sarkozy, Brown) und ehemalige (Blair, Berlusconi, Aznar) Politiker auf. Aber er beschränkt sich auf den Vorwurf, sie seien sämtlich Washington-hörig. Deutschland wird überhaupt nicht erwähnt, Kanzlerin Angela Merkel auch nicht.

Aus europäischen Sicherheitskreisen hieß es am Freitag, man schließe aus der Rede nicht auf konkrete Anschlagsplanungen al-Qaidas in Europa. Es sei eher "das alte Spiel": Bin Laden versuche, Freiwillige dazu zu ermuntern, auf eigene Faust zuzuschlagen. Ein deutscher Verfassungsschützer sprach von einer fast schon erwarteten "Jahresendansprache" des Terrorchefs. Auch aus der US-Regierung hieß es, das Band enthalte nur "alte Tricks".

Interessant ist allerdings, zumindest für das afghanische Schlachtfeld, dass Bin Laden den Taliban-Feldkommandanten Mansur Dadullah ausdrücklich als "Oberkommandierenden" benennt. Der Bruder des im Sommer getöteten Mullah Mohammed Dadullah hatte in einer eigenen Ansprache vor wenigen Wochen über die hervorragenden Beziehungen zwischen den Taliban und al-Qaida gesprochen. Offenbar genießt er Bin Ladens Vertrauen - in der Auseinandersetzung mit anderen Taliban-Kommandeuren möglicherweise ein Startvorteil.



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