Terrorismus: Al-Qaidas zweite Reihe

Von Yassin Musharbash

Sie rekrutieren Nachwuchs-Dschihadisten, vermitteln Terror-Kurse und halten Kontakt zwischen Bombenbauern und al-Qaidas Führung: Eine Studie rückt erstmals den Mittelbau des Terrornetzwerks in den Blickpunkt.

Dschihadisten beim Training: Alte Kontakte. neue Rekruten Zur Großansicht

Dschihadisten beim Training: Alte Kontakte. neue Rekruten

Es gibt etliche Beispiele von jungen, radikalisierten Islamisten, die sich al-Qaida anschließen wollten, aber den Weg nicht fanden. Viele jedoch, denen das gelang, waren an irgendeinem Punkt ihrer Suche jemandem begegnet, der ihnen helfen konnte: weil er (oder sie) die entscheidenden Kontakte hatte, über die notwendigen Kenntnisse verfügte - oder die betreffende Person sogar selbst rekrutierte.

Diese Netzwerker des Terrorismus sind Gegenstand eines aktuellen Artikels der Terrorexperten Peter Neumann, Ryan Evans und Raffaelo Pentucci, der soeben in der aktuellen Ausgabe von "Studies in Conflict and Terrorism" erschienen ist. Die Autoren bezeichnen diese Personengruppe als al-Qaidas "Middle Manager". Ihre Hauptthese: Die Forschung hat sie bisher vernachlässigt - wenn man sie aber zunehmend ins Visier nähme (oder, wie es im Text weniger zurückhaltend heißt: "identifiziert und neutralisiert"), könnte das helfen, den Zusammenbruch al-Qaidas zu beschleunigen.

Ein Beispiel aus Rheinland-Pfalz

Denn die "Middle Manager", so die Autoren, sind zentral: Sie verbinden Fußvolk und Führung erst miteinander. Dabei machten sie sich Beziehungen zu Nutze, die sie schon vor Jahren, oftmals wohl auch schon vor 9/11, geknüpft haben. Sie kennen al-Qaidas Top-Kader lange und persönlich, und darum besteht gegenseitiges Vertrauen.

Den Verfassern kommt es eher darauf an, diese "dritte Dimension" in die Debatte einzuführen, als sie empirisch in aller Ausführlichkeit zu beschreiben - Neumann & Co. begnügen sich mit drei Beispielen, eines davon aus Deutschland.

So war der Edelsteinhändler Aleem N. aus Rheinland-Pfalz beispielsweise in der Lage, dem (mittlerweile getöteten) Bonner Dschihadisten Bekkay Harrach alias "Abu Talha, der Deutsche" den Weg in die Terrorausbildung in Waziristan zu ebnen - und zwar alleine mit Hilfe eines handschriftlichen Empfehlungsschreibens. N. hatte zuvor selbst jahrelang al-Qaida unterstützt und Stützpunkte in Pakistan aufgesucht. "Abu Talha" lernte dort nach der Vermittlung durch N. das Handwerk eines Bombenbauers und wurde weltberühmt, als er 2009 in einem deutschsprachigen Qaida-Video mit Anschlägen in Deutschland drohte.

"Nicht einfach austauschbar"

Ein zweites Beispiel stammt aus Belgien: Dort habe Mailka al-Aroud, deren erster Mann schon für al-Qaida aktiv gewesen war, mit ihrem zweiten Mann zusammen mit Hilfe ihrer dschihadistischen Website geeignete Rekruten gesucht, ausgewählt und nach zur Ausbildung nach Pakistan geschickt. Danach sollen diese angeblich einen Anschlag geplant haben.

Tatsächlich sind dies gute Beispiele dafür, wie Mittelspersonen mit entsprechenden Kontakten al-Qaida Nachwuchs zugeführt haben. Der Artikel stellt allerdings keine Vermutungen darüber an, wie groß der Kreis der sogenannten "Middle Manager" ist.

"Natürlich ist dieser Personenkreis begrenzt", ergänzt Mitautor Peter Neumann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Und wegen ihres Vorlebens und ihrer etablierten Kontakte seien diese Mittler auch "nicht einfach austauschbar". Es seien aber gewiss eher Dutzende als Hunderte Personen - wenn überhaupt so viele.

Zu sehr auf Bin Laden fokussiert

Trotzdem ist Neumann sein neuer Ansatz wichtig: "In letzter Zeit hat sich die Öffentlichkeit vor allem mit dem Tod so bekannter Führungsfiguren wie Osama Bin Laden oder Anwar al-Awlaki beschäftigt. Wir wollten klarstellen, dass die Leute, die al-Qaida zum Funktionieren bringen, oftmals 'Middle Manager' sind, die wir gar nicht oder kaum kennen."

Selbstverständlich ist die Erkenntnis keineswegs neu, dass Veteranen oder in der Wolle gefärbte Dschihadisten mit alten Beziehungen Knotenpunkte der Rekrutierung und Radikalisierung sind. Zahlreiche Terrorprozesse in Westeuropa und Nordamerika legen das in vielen Fällen nah.

Und doch glauben die Autoren, dass diesen Personen als beschreibbare Gruppe zu wenig Beachtung geschenkt wird. So lassen sie in ihrem Papier nicht ohne Grund noch einmal die Mega-Debatte zwischen den Terrorforschern Bruce Hoffman und Marc Sageman Revue passieren, die in den letzten Jahren einen Teil der Diskussion bestimmt hat, weil deren Positionen sich - arg verkürzt - diametral gegenüberstellen ließen: Sageman galt als Verfechter der Theorie, dass al-Qaida "leaderless" agiert - die Führung demnach kaum operativen Einfluss auf die Täter ausübt; Hoffman widersprach, und galt fortan als Verfechter der Theorie des "leader-led" Dschihad.

Zwar erklärten viele andere Experten, die Wahrheit läge wohl in der Mitte, es gebe eben Beispiele für beides. Nur, so eben Neumann, Evans und Pantucci: Darüber sei vernachlässigt worden, dass es eine dritte Dimension zwischen Führern und Geführten gebe.

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1. Schön, aber...
blumt0pf 06.11.2011
Schön und gut. Es ist toll, wenn man der Al Quaida den Hahn der interessierten Muslime zudrehen kann. Aber die vielleicht größere Gefahr ist die Radikalisierung in Eigeninitiative anhand von Homepages und sonstigem islamistischen Propagandamaterial. So lange Leute wie Pierre Vogel ihren Stunk im Internet verbreiten können und ihnen sogar ein Forum in den Medien und bei öffentlichen Veranstaltungen gegeben wird, so lange können sich Muslime selbst radikalisieren und zu Terroristen werden. Der Mörder der US-Soldaten war ja auch niemand von der Al Quaida, sondern ein Salafist und Pierre Vogel Fan.
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