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Terrorismus: Deutscher Islamist meldet sich mit Dschihad-Aufruf - Behörden alarmiert

Von und Yassin Musharbash

Es ist ein Lebenszeichen - im schlimmsten Fall gar die Ankündigung eines Terroranschlags: Im Internet ruft der deutsche Islamist Eric B., der in Pakistan oder Afghanistan vermutet wird, Gesinnungsgenossen zum Dschihad auf. Das Video alarmiert die deutschen Behörden.

Berlin - Die Nachricht ging am Dienstag wie ein Lauffeuer durch die Büros deutscher Sicherheitsbehörden. Wieder sind zwei Terrorvideos aufgetaucht auf der mittlerweile für ihre Propagandarolle berüchtigten türkischen Internetseite "Zeit des Märtyrertums" - und wieder gibt es einen eindeutigen Bezug zu Deutschland.

Deutsche Terrorfahnder sind ob der neuerlichen Funde alarmiert. Denn die beiden kurzen Filme zeigen den deutschen Islamisten Eric B. aus dem saarländischen Neuenkirchen. Das ergab eine erste Auswertung. Zusammen mit seinem mutmaßlichen Komplizen Houssain al-M. wird er seit mehreren Wochen in der afghanischen Hauptstadt Kabul mittels Öffentlichkeitsfahndung gesucht.

Die neuen Bilder sind martialisch: Auf dem ersten Band ist der 20-jährige deutsche Konvertit im Kampfanzug samt umgehängtem Maschinengewehr und Munitionsgürteln vor einer Bergkulisse zu sehen. In manchmal kaum vernehmbarem, merkwürdig unsicher wirkenden Deutsch richtet sich Abdul al-Gaffar - der Kampfname von B. - an seine Zuschauer. Zuerst lobt er den Selbstmordanschlag von Cüneyt Ciftci, eines 28-jährigen Türken aus Deutschland, der sich Anfang März in der afghanischen Provinz Khost in die Luft gesprengt hatte. Ausdrücklich bezeichnet B. dies als "gute Tat", bei der viele Ungläubige "in die Hölle geschickt" worden seien.

"Kommt zum Dschihad!"

Von einem vermummten Mann neben ihm darum gebeten, sendet B. sodann eine Botschaft an "die Brüder in Deutschland". Seine Nachricht ist eindeutig: "Wenn ihr Gott und seinen Gesandten liebt, dann kommt zum Dschihad, denn das ist der Weg zum Paradies", sagt der erst im Jahr 2007 zum Islam konvertierte Deutsche in die Kamera. Wer nicht direkt ins Kampfgebiet kommen könne, solle mit Geld helfen oder die Dschihadisten an der Front zumindest mit einem "Bittgebet" unterstützen. Kein Muslim könne sich ansehen, wie "die Ungläubigen in unseren Ländern unsere Frauen schänden und unsere Brüder in Gefängnisse stecken und quälen".

Die Nachricht aus dem Netz ist für die deutschen Fahnder ein Zeichen, dass ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden könnten. Spätestens seit Anfang April fürchten sie, dass B. und sein 23-jähriger Reisepartner Houssain al-M. in Afghanistan oder Pakistan einen Anschlag ausführen wollen. Nachdem die beiden Islamisten mit engen Verbindungen zur sogenannten Sauerland-Gruppe um Fritz Gelowicz zuletzt Anfang April in der pakistanischen Stadt Peschawar nahe der afghanischen Grenze gesehen wurden, erhielt das Bundeskriminalamt (BKA) ein paar Tage später Hinweise, dass sich zumindest B. in Kabul aufhalte.

Die Ermittler schlugen Alarm. Wegen der Hinweise startete das BKA eine wohl einmalige Fahndungsoffensive. Mit großen Aushängen, die vor zwei Wochen sogar im US-Soldatenmagazin "Stars and Stripes" abgedruckt wurden, sucht die Behörde in Kabul nach den beiden Islamisten aus Deutschland. Die Angst vor einem Anschlag geht auch auf eine Abschieds-E-Mail von B. zurück. Aus Peschawar schrieb er an seine Familie im Saarland, er werde nicht nach Deutschland zurückkehren, sondern seine letzte Mission im Kampf erfüllen. Bis jetzt erhielt das BKA keine neuen Hinweise mehr auf die beiden.

Verbindungen zur Sauerland-Gruppe

Die beiden Männer halten die Behörden seit Monaten in hektischer Betriebsamkeit. Konzertiert und konspirativ setzten sie sich nach Erkenntnissen des BKA im September 2007 über Ägypten und Iran nach Pakistan ab und absolvierten vermutlich ein Training in einem Terrorlager der Islamischen Dschihad Union. Nach Analyse der Fahnder gilt al-M. laut einer internen Analyse als "Leitfigur" für B. und "dominiert" den jungen Deutschen. Es liegt nahe, dass es sich bei dem vermummten Mann neben B. um al-M. handelt - eine abschließende Analyse steht aber noch aus.

Die beiden kurzen Filme wurden schon am Montagabend auf der türkischsprachigen Islamisten-Website "Zeit des Märtyrertums" veröffentlicht. Die Islamische Dschihad-Union (IJU) hat diese Adresse schon mehrfach dazu genutzt, Kommuniqués und Terrorvideos zu publizieren. In den Filmen ist das Logo der Medienabteilung der IJU eingeblendet. Diese Organisation ist eine ursprünglich usbekische Gruppe militanter Islamisten und unterhält enge Kontakte zu al-Qaida, den Taliban und pakistanischen Dschihad-Gruppen. Ihre Zentrale scheint in Pakistan zu liegen.

In Deutschland wurde die IJU zum ersten Mal zum Begriff, als US-Geheimdienste Deutschlands Sicherheitsbehörden Ende 2006 warnten, dass deutsche Islamisten in Pakistan in Kontakt mit Kadern der Gruppe stünden. Diese Spur führte zu der spektakulären Festnahme der Sauerland-Gruppe um Fritz Gelowicz, Adem Y. und Daniel S. im Sommer 2007. Die drei hatten in einer Ferienwohnung in Nordrhein-Westfalen schon damit begonnen, Sprengstoff für eine oder mehrere Bomben herzustellen.

Hinweise an allen EU-Einreisepunkten

Und noch ein weiteres Mal zeigte die IJU, dass sie offenbar Zugriff auf Rekruten aus Deutschland hat. Mitte März veröffentlichte sie eine Erklärung, der zufolge der ebenfalls aus Deutschland stammende Cüneyt Cifcti im Namen der IJU ein Selbstmordattentat in Afghanistan begangen habe. Seitdem publizierte die Organisation fast ein halbes Dutzend Videos, das den Anschlag und Ciftcis letzten Stunden zeigt. Noch gestern veröffentlichte die IJU bisher unbekanntes Material des Mannes - eine Art Testament. Auch dieses Band wird zur Stunde ausgewertet.

Zwei US-Soldaten und zwei Afghanen hatte der Bayer am 3. März mit in den Tod gerissen, an seiner Täterschaft gibt es kaum einen Zweifel.

Für die deutschen Sicherheitsbehörden gilt Ciftci als mögliches Vorbild für Eric B. und seinen Komplizen aus dem Saarland. Dass der Deutsche jetzt wie Ciftci unvermummt auf einem Propagandavideo der IJU auftaucht, lesen manche Analysten als düsteres Zeichen, dass er der nächste Attentäter in der Krisenregion oder gar in Deutschland werden soll - oder schon konkret auf seine Mission wartet. Wie Ciftci, der während seines Trainings immer wieder gefilmt worden war, könnte Eric B. damit als Vorbild für deutsche Konvertiten aufgebaut werden. Allerdings kündigt B. in dem Video, anders als Ciftci, keinen Anschlag an.

Das Video mehrt dennoch Befürchtungen, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein könnte, bis die beiden Islamisten aus Deutschland zuschlagen werden. Schon jetzt hängen ihre Bilder an allen Einreisepunkten in die Europäische Union und an allen deutschen Flughäfen. Bei al-M. bemühen sich die Behörden außerdem, ihm seinen deutschen Reisepass zu entziehen. Dass sie sich dadurch von ihren Plänen abhalten lassen, glaubt jedoch niemand mehr.

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