Terrorismus Mindestens 43 Tote bei Selbstmordanschlag in Algerien

Gewaltwelle in Algerien: Bei einer Selbstmordattacke vor einer Polizeischule im Osten des Landes sind mindestens 43 Menschen getötet und 38 verletzt worden. Es ist der zweite Angriff in wenigen Tagen - erst vor kurzem hatten Terroristen einen Polizeikonvoi in einen tödlichen Hinterhalt gelockt.


Algier - Bei den Opfern des Selbstmordanschlags handelt es sich nach Angaben eines Sicherheitsbeamten hauptsächlich um junge Männer, die sich um eine Anstellung bei der Polizei bewarben und vor dem Gebäude warteten. Der Anschlag ereignete sich in Issers im Osten des Landes. Der Selbstmordattentäter steuerte sein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug gegen die Haupteingangstür der Ausbildungsstätte, wie Augenzeugen berichteten.

Schon am Sonntag kamen bei einem Angriff mutmaßlicher Islamisten in der Bergregion Skikida im Osten Algeriens mehr als ein Dutzend Menschen ums Leben. Ein Militärkonvoi geriet Zeitungsberichten zufolge in einen Hinterhalt. Nach der Explosion einer Bombe beim Vorbeifahren des Konvois brachen demnach heftige Kämpfe zwischen den Sicherheitskräften und den Angreifern aus. Als weitere Soldaten zur Verstärkung eintrafen, sei ein zweiter Sprengsatz gezündet worden.

Bei den Kämpfen wurden den Berichten zufolge acht Polizisten, drei Armeeangehörige, ein Zivilist und vier mutmaßliche Islamisten getötet. Zunächst bekannte sich niemand zu dem Angriff, der zu den schwersten in den vergangenen Wochen gehörte.

In den vergangenen Monaten gab es in der Region bereits vermehrt Attentate, darunter auch drei Selbstmordanschläge, bei denen zusammen sieben Menschen getötet und 57 weitere verletzt worden waren. Die Terrororganisation al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM) hatte sich zu zwei der Selbstmordanschläge bekannt.

Auch bei dem heutigen Anschlag besteht unter Experten und Analysten praktisch kein Zweifel, dass die Nordafrika-Filiale von Osama Bin Ladens Terrornetzwerk dahinter steckt. In al-Qaida nahestehenden Internetdiskussionsforen wird der Anschlag bereits gefeiert.

AQIM hat sich Anfang 2007 offiziell al-Qaida angeschlossen. Der Dachverband ist im Kern ein Zusammenschluss nordafrikanischer Dschihadisten unter Führung des Personals der algerischen "Gruppe für Mission und Kampf" (nach der französischen Schreibweise meistens GSPC abgekürzt). Ihr Anführer nennt sich Abu Musab Abd al-Wudud.

Laufende Terrorkampagne

Der Anschlag wäre einer von Dutzenden, die AQIM seit dem Qaida-Anschluss durchgeführt hat. "Er ist Teil einer laufenden Terrorkampagne", sagte der Berliner Terrorexperte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik SPIEGEL ONLINE. Mindestens 200 Menschen fielen in den vergangenen 18 Monaten AQiM-Anschlägen zum Opfer.

"Das muss uns Sorge bereitet", warnt Steinberg. Denn die Zahlen sprächen dafür, dass AQIM mittlerweile eine "gefestigte Organisation" sei: "Mutmaßungen, die Gruppe sei geschwächt, haben sich als falsch erwiesen." Sie sei viel mehr in der Lage, regelmäßig und häufig zuzuschlagen, "auch gegen harte und gut bewachte Ziele".

Internationale Geheimdienstanalysten schätzen, dass die AQIM über Kämpfer im niedrigen vierstelligen Bereich verfügen kann, verteilt über praktisch alle nordafrikanischen Staaten. AQIM unterhält in unzugänglichen und schwer kontrollierbaren Gegenden auch Ausbildungscamps und veröffentlicht regelmäßig Fotos und Videos, die Rekruten beim Training zeigen.

Seit dem Anschluss an al-Qaida verfolgt AQIM eine zunehmend internationalistische Agenda, was sich daran nachweisen lässt, dass sie verstärkt Anschläge auf westliche und touristische Ziele durchführt. Im Februar 2008 entführte die Terrorgruppe zwei österreichische Touristen, die sie nach wie vor in ihrer Gewalt hat.

Aber parallel führt AQIM oft Anschläge auf möglichst symbolträchtige staatliche Einrichtungen durch. In diese Kategorie fällt das Ziel, das heute angegriffen wurde.

In vielen Fällen hat die AQIM-Medienabteilung nach erfolgten Anschlägen die Verantwortung übernommen und die Attentäter posthum präsentiert. Bis zum frühen Dienstagnachmittag gab es allerdings noch kein entsprechendes Bekennerschreiben.

yas/hen/AFP/dpa



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