Terrorismus Qaida-Magazin wagt sich wieder ins Web

Die "Stimme des Dschihad", das Internet-Magazin der saudischen Qaida-Filiale, ist wieder im Netz zu finden. Sechs Monate fiel die Terror-Postille aus, wohl wegen einer Razzia der saudischen Behörden. Nun rufen die Autoren wieder zum bewaffneten Kampf auf und geben operative Ratschläge.

Von Yassin Musharbash


Cover der aktuellen Ausgabe: "Die Stimme des Dschihad"

Cover der aktuellen Ausgabe: "Die Stimme des Dschihad"

Berlin - "Einer der letzten Befehle des Märtyrers Saud al-Utaibi an die PR-Abteilung, Gott erbarme sich seiner, war die Neu-Herausgabe dieses Magazins und die Veröffentlichung der 29. Ausgabe", lautet der erste Satz im Editorial. Saud al-Utaibi ist mittlerweile ein toter Mann. Saudische Polizisten erschossen ihn Anfang des Monats bei einem Gefecht mit Qaida-Terroristen in der Stadt Rass. Das Magazin aber, dessen Relaunch er orderte, ist tatsächlich wieder auferstanden: Nach sechs Monaten Unterbrechung erschien Mitte der Woche eine neue Nummer von "Sawt al-Dschahhd", der "Stimme des Dschihad" - dem schon tot geglaubten offiziellen Online-Magazin der saudischen al-Qaida-Filiale. SPIEGEL ONLINE liegt das Dokument vor.

Als wären sie nie von der Bildfläche verschwunden gewesen, rufen die Autoren auf 50 Seiten wieder zum bewaffneten Kampf gegen "Kreuzfahrer", "Ungläubige" und "vom Glauben Abgefallene" auf. Dieser Krieg "wird nicht aufhören, bis nicht alle Despotenthrone gestürzt sind", heißt es im Eröffnungstext, den al-Utaibi laut Editorial vor seinem Tod zum Zwecke der postumen Veröffentlichung verfasste. "Es ist eine Schlacht, deren Sieg im Einzug ins Paradies und dessen Niederlage im Einzug in die Hölle besteht", schreibt al-Utaibi - sinnfälligerweise unter der Überschrift "Unser Standpunkt in Bezug auf den Terror", denn für al-Qaida sind immer die anderen die Terroristen.

"Inhaltlich greift die Publikation einen Beitrag des erschossenen Qaida-Führers Saud al-Utaibi auf, Islamfeinde aus dem Hinterhalt zu erschießen", heißt es auch von Seiten deutscher Sicherheitskreise. Tatsächlich hat das Terrornetzwerk das Wüstenkönigreich in den vergangenen zwei Jahren erheblich destabilisiert. Dutzende Ausländer wurden ermordet und Anschläge auf westliche Einrichtungen durchgeführt.

Altes Cover von "Ma'askar al-Battar": Ideologie und Waffenkunde

Altes Cover von "Ma'askar al-Battar": Ideologie und Waffenkunde

"Sawt al-Dschihad" wurde im Herbst 2003 ins Leben gerufen. Im Zwei-Wochen-Rhythmus erschienen insgesamt 28 Ausgaben. Das Magazin richtet sich in der Ansprache ganz klar an junge, zum Dschihad bereite Islamisten, die aufgestachelt und mit dem nötigen ideologischen und theologischen Rüstzeug ausgestattet werden. Zur militärischen Ausbildung des Nachwuchses, für die Taktikschulung und das strategische Planen von Anschlägen entwickelte das Terrornetzwerk fast zeitgleich eine zweite Publikation, "Ma'askar al-Battar", in der zum Beispiel nachzulesen war, wie man am besten eine Entführung oder ein Attentat durchführt.

al-Qaida will Handlungsfähigkeit zeigen

Beide Magazine wurden im Herbst 2004 ohne weitere Erklärungen eingestellt. Hintergrund war vermutlich eine Razzia der saudischen Behörden. Die al-Qaida im Land der beiden heiligsten islamischen Stätten galt danach als geschwächt und nur noch zu kleineren Anschlägen und Operationen in der Lage. Von 26 steckbrieflich gesuchten Qaida-Terroristen tötete die saudische Polizei etliche und nahm einige gefangen. In kurzer Folge wurden drei Anführer erschossen. Doch jetzt ist die saudische Filiale wieder zurück - zumindest ist das der Eindruck, den sie mit dem Relaunch der "Stimme des Dschihad" erwecken möchte.

"Wer nicht in der Lage ist, sich den Mudschahidin auf der arabischen Halbinsel anzuschließen, was hält ihn davon ab, in den Irak zu gehen oder an andere Fronten des Dschihad?", heißt es gleich auf Seite 4. Ein Neu-Auflage von "Ma'askar al-Battar" wird indes noch nicht angedeutet.

Die meisten Artikel, verfasst von religiös gebildeten Autoren, befassen sich mit der Rechtfertigung des Dschihad. Wie schon in den vorangegangenen Ausgaben und ganz im Einklang mit der Qaida-Weltsicht wird er als defensive Maßnahme geschildert: "Denn der Islam leidet heute unter einem Angriff der Kreuzfahrer und Juden", heißt es in einem noch einmal abgedruckten Text, den der bereits 2003 getötete Qaida-Anführer Jusuf al-Uairi verfasst hatte. Es ist vor allem Propaganda, die den Lesern, die mehrheitlich bereits Sympathisanten sein dürften, hier entgegenschlägt.

Aber das Magazin ist auch der Versuch, sich als eine Art Gegenöffentlichkeit zu den staatlichen saudischen Medien zu etablieren - ein wichtiger Baustein in der Rekrutierungstaktik der al-Qaida, die das saudische Herscherhaus stürzen will. Deshalb wird zum Beispiel die "Schlacht von Rass" noch einmal aus Sicht der al-Qaida wiedergegeben. Anfang April hatten in der saudischen Islamistenhochburg Polizisten in einem offenbar mehrtägigen Gefecht zehn Terroristen getötet, darunter al-Utaibi. Gewissenhaft verweisen die Qaida-Autoren in ihrer Darstellung darauf, dass nicht alle Fakten gesichert sind, lassen es sich aber freilich auch nicht nehmen, den Heldenmut ihrer Kämpfer und deren schwere Waffen ("Granatwerfer", "500mm-Geschütze") zu rühmen.

"Der Ort, den Du mit X gekennzeichnet hast"

Saudische Polizisten nach der Schlacht von Rass: Aus dem Hinterhalt erschießen
AP

Saudische Polizisten nach der Schlacht von Rass: Aus dem Hinterhalt erschießen

Terrorexperten und Nachrichtendienste, die Kenntnis von der Publikation haben, glauben, dass sie vor allem eine Rolle für die ideologische Unterfütterung des Terrorismus spielt und nicht so sehr für die operative Planung. "Eine weitere Verschärfung der Sicherheitslage wird in dem Beitrag nicht gesehen", heißt es in deutschen Sicherheitskreisen in Bezug auf den Text al-Utaibis. In der Rubrik "Briefe und Antworten" am Ende des Heftes findet sich allerdings eine Mitteilung, die schon eher wie ein Hinweis auf aktuelle Planungen klingt: "An den Bruder Chalid al-Salfawi", heißt es da, "was Deine Aktivitäten mit dem zum Märtyrer gewordenen Bruder Jassir angeht, so wäre es gut wenn Du sie nach seinem Tod weiterführst. (...)." "Bruder Chalid" wird gebeten, Kontakt zu halten, und schließlich warnen ihn die Autoren, "an den Ort zu gehen, den Du mit einem X gekennzeichnet hast." (Die Formulierung kann auch heißen: "der mit X gekennzeichnet wurde".) Einige Experten wollen derweil nicht ausschließen, dass solcherlei kryptische Sätze nur zu Irreführungszwecken verfasst werden.

Am Ende der Rubrik ist jedenfalls eine E-Mail-Adresse angegeben, an die man sich als Leser wenden kann. Auf Seite 15 werden die Regeln dazu aufgeführt: Keine Telefonnummern, keine Klarnamen, keine Ortsnamen sollen die Einsender mitschicken. Der E-Mail-Zugang soll sauber sein, und "diejenigen Brüder, die Rat suchen", sollen "darauf verzichten, jedwede Details zu erwähnen, die mit ihrer Arbeit zu tun haben".

Die aktuelle Nummer zeigt zudem, wie wichtig das Internet mittlerweile für al-Qaida & Co,. geworden ist - und welche Schwierigkeiten es zugleich im Umgang mit diesem für die Terroristen sehr dankbaren Massenmedium gibt. "Wir bitten diejenigen Brüder, die mit uns sympathisieren und kooperieren, ihre Medienaktivitäten im Internet fortzusetzen", heißt es auf Seite 7 mit Blick auf die mittlerweile kaum noch übersehbare Zahl von Websites von Terror-Anhängern, auf denen deren Propagandamaterial weitergereicht wird. Aus Sorge um ihre Authentizität bittet die saudische al-Qaida jedoch darum, dass Unbefugte nicht - wie in der Vergangenheit vorgekommen - die Marke "Sawt al-Dschihad" verwenden. "Dieser Name ist speziell für die Aktivitäten reserviert, die von der PR-Abteilung der Mudschahidin auf der arabischen Halbinsel kommen."



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