Terrorismus Sawahiri erklärt Jemen zum Schlachtfeld

Es ist schon seine dritte Botschaft in diesem Jahr: Qaida-Vize Aiman al-Sawahiri wendet sich erneut an seine Sympathisanten. Auf seinem aktuellen Themenzettel: die Lage in Somalia, ein Dschihad-Aufruf für den Jemen, Lob für die Taliban in Pakistan - und eine Gaza-Nachlese.

Von Yassin Musharbash


Standbild zur neuen Rede: "Von Kabul nach Mogadischu"
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Standbild zur neuen Rede: "Von Kabul nach Mogadischu"

Berlin - Die Botschaften von Aiman al-Sawahiri haben in einem Ausmaß zugenommen, dass man schon fast von einem grob 14-tägigen Podcast sprechen kann. Am frühen Montagmorgen meldete sich der Stellvertreter Osama Bin Ladens und Vizechef des Terrornetzwerks al-Qaida zum bereits dritten Mal in diesem Jahr zu Wort.

Es handelt sich um eine Ansprache, die sich ausschließlich an ein muslimisches Publikum richtet; sie enthält keinerlei Adressen oder Drohungen an den Westen.

Zu vier Themen äußert sich der Ägypter:

  • Den andauernden Kämpfen in Somalia, wo mit den "Schabab-Milizen" auch eine islamistisch-dschihadistische Organisation Kriegspartei ist
  • Dem "Wiedererstarken des Dschihad" auf der arabischen Halbinseln, insbesondere im Jemen
  • Entwicklungen in Pakistan und Afghanistan
  • sowie zu den Verhandlungen um eine Waffenruhe im Gaza-Streifen

Das Band, versehen mit einem Standbild Aiman al-Sawahiris, ist fast genau 25 Minuten lang. Es wurde von al-Qaidas Medienabteilung "al-Sahab" produziert und um kurz vor 3 Uhr am Montagmorgen unter dem Titel "Von Kabul nach Mogadischu" auf einer arabischsprachigen Pro-Terror-Web-Seite veröffentlicht, die al-Qaida seit Monaten regelmäßig nutzt, um Propaganda und sonstige Kommuniqués zu veröffentlichen.

Die Aufnahme liegt SPIEGEL ONLINE vor. Ihre Echtheit ist, wie stets in solchen Fällen, nicht unmittelbar und unabhängig zu bestätigen. Aber neben dem Inhalt und dem Klang der Stimme spricht nicht zuletzt der Veröffentlichungsmodus für die Authentizität. Die Aufnahme muss nach dem 8. Februar 2009 entstanden sein, weil Sawahiri den Auftritt des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai auf der Sicherheitskonferenz in München erwähnt.

Jemeniten sollen es den Afghanen nachtun

Die möglicherweise brisantesten Passagen sind jene, die sich mit dem Jemen beschäftigen. Der Qaida-Vize beschwört die "Stämme des Jemen" hinter ihren Brüdern, "den Paschtunen und Belutschen in Afghanistan", nicht zurückzustehen. "Wie könnt ihr zulassen, dass der Jemen ein Versorgungszentrum für den Kreuzzug gegen die muslimischen Länder wird?", fragt Sawahiri. "Wie könnt ihr zulassen, dass die CIA die entscheidende Macht im Jemen ist?" So wie in Saudi-Arabien, fordert der Ägypter, sollten die "Mudschahidin" auch im Jemen "ein Dorn in der Kehle" der Regierenden sein.

Eingestreut ist bereits bekanntes Filmmaterial, das einen Teil der Qaida-Regionalführung in dem bitterarmen Land zeigt. Unter den Männern, die dort zum Dschihad aufrufen, ist auch Abu Sufjan al-Asdi, ein ehemaliger Guantanamo-Insasse, der sich nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft dem Terrornetzwerk anschloss und behauptet, die Haft habe seinen Willen nur gestärkt.

Die Passage ist deshalb von Bedeutung, weil al-Qaida im Jemen in den vergangenen Monaten einen gewissen Auftrieb verzeichnen konnte. Im Herbst 2008 gab es einen tödlichen Anschlag auf die US-Botschaft in der Hautstadt Sanaa. Zudem sind mehrere saudi-arabische Qaida-Kader mutmaßlich in den Jemen gegangen. Da die Regierungsgewalt in dem Land äußerst schwach ist und die Sympathien für Osama Bin Laden in Teilen des Landes groß, befürchten Terroranalysten, dass der Jemen sich in ein "Afghanistan am Golf" verwandeln könnte.

Mit Blick auf Pakistan und Afghanistan fordert Sawahiri eine verstärkte Anstrengung gegen die "Besatzungsmächte" in Afghanistan einerseits und das "verräterische" Regime in Pakistan andererseits. Karzais Vorschlag, mit Taliban-Führern zu verhandeln, die außerhalb Afghanistans leben und keine Verbindungen zu al-Qaida haben, nennt der Ägypter "lächerlich".

Kritik an Gaza-Verhandlungen über Waffenruhe

Zu den über Ägypten geführten Verhandlungen zwischen Israel und der Hamas über eine Waffenruhe sagt Sawahiri, diese stellten einen Verrat dar; das Argument, das er anführt, ist sattsam bekannt: Nach Ansicht al-Qaidas darf kein Zentimeter des historischen Palästina aufgegeben werden, mithin verbieten sich selbst indirekte Gespräche mit dem "zionistischen Feind". Eine Waffenruhe, so der Qaida-Führer, sei zudem das Ziel derjenigen arabischen Staaten, die mit Israel im Rahmen einer "Verschwörung" gemeinsame Sache machten, um die wahren Muslime zu schwächen.

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Interaktive Grafik: al-Qaidas wichtigste Kader
In Somalia hingegen läuft es nach Ansicht von Aiman al-Sawahiri eher wie von ihm erwünscht: Die Krieger der "Schabab-Milizen" machten große Fortschritte. Auch hier allerdings sei die Regierung mit den USA im Bunde und müsse weiter bekämpft werden.

Aiman al-Sawahiri, ein ägyptischer Arzt, der sich bereits in den Siebzigern dem bewaffneten Kampf verschrieb und gemeinsam mit Osama Bin Laden al-Qaida gründete, hält sich seit dem 11. September 2001 versteckt. Geheimdienste vermuten ihn im schwer zugänglichen afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet.

In den letzten Jahren hat er sich weit häufiger als Osama Bin Laden zu Wort gemeldet; dennoch gilt der Saudi-Araber nach wie vor als eigentlicher Anführer der Terrororganisation, Sawahiri hingegen als sein Vize. Ob einer von den beiden noch an Anschlagsplanungen beteiligt ist, gilt als unklar. Gemeinsam sind die beiden aber hauptverantwortlich für die ideologische Führung al-Qaidas und ihrer Sympathisanten.

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