Terrorismus "Wir sind alle potentielle Ziele"

Die Bedrohung durch al-Qaida ist unverändert groß, sagt der EU-Anti-Terrorismus-Koordinator Gilles de Kerchove. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Belgier über europäische Islamisten, Mängel in der Sicherheitspolitik und den Umgang mit ehemaligen Guantanamo-Häftlingen.


SPIEGEL ONLINE: Die Zahl terroristischer Anschläge und Attentatsversuche ist rückläufig. Sind wir über den Berg, nimmt die Bedrohung durch al-Qaida und andere islamistische Gruppen ab?

De Kerchove: Nein. Es ist richtig, es gab in jüngster Zeit erfreulicherweise keinen größeren Anschlag bei uns. Aber zu glauben, die islamistisch-terroristische Bedrohung schwände, ist falsch. Die Sicherheitsdienste haben in etlichen Ländern geheime Zellen aufgespürt und terrorbereite Islamisten verhaftet. Das zeigt, dass al-Qaida und andere islamistische Kampfgruppen nach wie vor versuchen, Europa anzugreifen. Die Bedrohung ist unverändert groß.

SPIEGEL ONLINE: Geht es etwas konkreter?

De Kerchove: Wir gehen von einer Zahl terrorbereiter, in entsprechenden Camps geschulter und inzwischen nach Europa zurückgekehrter Islamisten aus, die zwischen ein paar Dutzend und etlichen hundert liegt.

SPIEGEL ONLINE: Der britische MI5-Geheimdienstchef zählt allein in seinem Land 2000 "gefährliche Leute" ...

De Kerchove: ... da müsste man über die Definition reden. Niemand hat eine belastbare Zahl, alles basiert auf Schätzungen. Aber ich halte meine Angabe von bis zu einigen hundert potentiell terrorbereiten Personen für ganz ordentlich. Das ist ja auch keine stabile Gruppe. Da springen ständig welche ab, ziehen sich zurück. Dafür kommen immer wieder neue Europäer in diese Trainingscamps.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft das ab? Lässt sich der Terrornachwuchs in seiner Ausbildung gezielt auf einen Einsatz in seiner Heimat, in Europa drillen?

De Kerchove: Nein, die meisten Jung-Islamisten kommen eher frustriert zurück. Wir haben im Umfeld von Verhaftungen gelernt, dass die Personen, die sich in den Camps ausbilden lassen, eigentlich vor Ort, also vor allem in Afghanistan, kämpfen wollen. Die Taliban trauen ihnen aber nicht. Die Freiwilligen aus dem Westen könnten im tiefsten Inneren von westlichen Werten infiziert sein, fürchten die lokalen Kommando-Chefs. So stehen die Islamistenanhänger plötzlich, nach langer, harter Ausbildung zum Glaubenskrieger, vor der Erkenntnis, dass sie beim Dschihad nicht wirklich willkommen sind. Es wird ihnen gesagt: "Geht doch zurück in eure Heimat und kämpft da!" Das frustriert. Aber es macht die Betroffenen womöglich noch gefährlicher. Manche wollen beweisen, dass sie echte Gotteskrieger sind.

SPIEGEL ONLINE: Welche Länder in Europa sind besonders bedroht?

De Kerchove: Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien vor allem, aber auch Deutschland. Doch Vorsicht bei solcher Betrachtung: Wenn die Sicherheitsbehörden eines Landes besonders intensiv gegen Islamisten vorgehen, wechseln die rasch in ein anderes Land. Das Bedrohungsszenario verschiebt sich also laufend. Wir sind alle potentielle Ziele.

SPIEGEL ONLINE: Was sind das für junge Menschen, die sich in Gotteskrieger-Camps in Pakistan, im Jemen oder in Westafrika an der Kalaschnikow und an der Bombe ausbilden lassen? Gibt es den klassischen Werdegang des Terroristen?

De Kerchove: Es gibt eine Reihe von Studien über die Radikalisierung solcher Menschen und ihren Einstieg in den Dschihad. Regelmäßig sitzen wir hier in Brüssel mit Wissenschaftlern zusammen, diskutieren die Erkenntnisse aus den jeweils neuesten Untersuchungen.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gelernt?

De Kerchove: Dass es sehr unterschiedliche personelle Profile in islamistischen Gruppen gibt.

SPIEGEL ONLINE: Soll heißen: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse machen Sie auch nicht klüger?

De Kerchove: Ehrlich gesagt, Sie haben Recht. Man hat zwar mehrere Haupt-Profile herausgefiltert, die Menschen kennzeichnen, die vergleichsweise häufig in den Terrorismus abrutschen. Aber viel hilft uns das nicht. Außerdem verändern sich diese Profile im Zeitablauf. Was gestern noch klassische Merkmale erhöhter Terrorismus-Bereitschaft gewesen sein mögen, weist heute womöglich ins Leere. Wichtiger als nach der Vorgeschichte zu fragen, ist es, herauszufinden, wo und durch wen diese Leute radikalisiert worden sind. Wenn ich weiß, ob sie in diesem Gefängnis, in jener Koranschule oder im Internet den entscheidenden Impuls bekommen haben, dann kann ich dort präventiv tätig werden, und das tun wir in länderübergreifenden Arbeitsgruppen. Dort ist immer das Land federführend, das in diesem speziellen Bereich besonders viel Know-how hat, die anderen profitieren dann von dessen Kenntnissen.

SPIEGEL ONLINE: Wo sind deutsche Experten federführend?

De Kerchove: Zum Beispiel bei der Arbeit im Internet.

SPIEGEL ONLINE: Müssten Sie nicht auch direkt gegen die Terrorschulen in Pakistan, im Jemen oder in Westafrika vorgehen?

De Kerchove: Ja natürlich, das ist ein zentraler Punkt des europäischen Anti-Terror-Kampfs.

SPIEGEL ONLINE: Man merkt aber nicht viel davon. Die USA und die Europäer pumpen zwar Milliarden in diese Länder, deren Regierungen gehen gleichwohl kaum ernsthaft gegen die Ausbildungszentren auf ihrem Territorium vor.

De Kerchove: Die großen Summen, die vor allem die Amerikaner in den letzten zehn Jahren für Pakistan ausgegeben haben, waren überwiegend Militärhilfe. Für den Anti-Terror-Kampf sind nur bescheidene Beträge geflossen. Und vor allem müssen wir mehr in eine funktionierende Verwaltung, eine ordentliche Justiz, in den Kampf gegen Korruption investieren. Die wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Entwicklung dieser Länder ist der Schlüssel zur Lösung des Terror-Problems.



insgesamt 51 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Dr. Allesklar 01.07.2009
1. ach so
Zitat von sysopDie Bedrohung durch al-Qaida ist unverändert groß, sagt der EU-Antiterrorismuskoordinator Gilles de Kerchove. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Belgier über europäische Islamisten, Mängel in der Sicherheitspolitik und den Umgang mit ehemaligen Guantanamo-Häftlingen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,632814,00.html
Na, was Zufall. War es mal wieder Zeit für die regelmäßige Erinnerung an die hochdramatische Gefahrenlage durch "Experten"? Könnte sonst ja jemand im dekadenten Westen vergessen, dass die Islamerer unser aller Unglück sind. Vielleicht hatten die Antiterrorismuskoordinatoren (!) ja auch Angst, dass etwa durch die Aufständischen im Iran hierzulande der fatale Eindruck entstehen könnte, dass gar nicht alle Muslime per se böse sein könnten. Da muss man rechtzeitig gegensteuern, ist klar.
DJ Doena 01.07.2009
2. Fear, Uncertainty and Doubt
Ho, jetzt hab ich ja sooo Angst. Ich bin also ein Terroristenziel. Na da werd ich mich doch gleich mal hinter hern Schäuble stellen und all meine Freiheitsrechte aufgeben. Das würde mir zwar im Fall der Fälle auch nichts nutzen, aber ich sterbe dann wenigstens im ruhigen Gewissen, dass Herr Schäuble sagen kann, dass er alles menschenmögliche getan habe. Aber halt. Ne eigentlich nicht. Ich mag Schäuble nicht, warum sollte ich ihm einen Gefallen tun. Ok, habs mir anders überlegt. Ich behalte doch lieber meine Freiheitsrechte und lebe mit dem unwahrscheinlichen Risiko, von Terrorbombern erwischt zu werden.
Epistokrat 01.07.2009
3. ...
ohne terrorismus würde man den mann nicht brauchen, was liegt da näher als mal wieder ängste zu schüren. genau das ist doch ein ziel der terroristen. angst verbreiten. insofern ist dieser mann ein terrorist.
mzwk 01.07.2009
4. Jaja.... jeden Tag die gleiche Leier
Gaebs keinen Terrorismus muesste man ihn erfinden. Jaja Schafe, ihr muesst halt taeglich daran erinnert werden dass an jeder Ecke Terroristen lauern und euch jederzeit in die Luft sprengen wollen - dafuer muesst ihr halt eure Freiheit aufgeben. Ich erinnere da an die Szene aus "V wie Vendetta", wo der Grosskanzler ausflippt und zu seinen Untergebenen meint: "Es wird Zeit dass die Leute wieder merken dass sie uns brauchen" - Schnitt - Und man sieht einige Ausschnitte aus Nachrichtensendungen ueber Katastrophen (Airbus abstuerze?), Pandemien (Schweinegrippe?), Terrorismus, Noete, etc. Es gibt aus dem Film sooo viele Parallelen zu heute, unbedingt mal ansehen wenn man ihn noch nicht kennt.
jb_78 01.07.2009
5. Dekadenter Westen?
Zitat von Dr. AllesklarNa, was Zufall. War es mal wieder Zeit für die regelmäßige Erinnerung an die hochdramatische Gefahrenlage durch "Experten"? Könnte sonst ja jemand im dekadenten Westen vergessen, dass die Islamerer unser aller Unglück sind. Vielleicht hatten die Antiterrorismuskoordinatoren (!) ja auch Angst, dass etwa durch die Aufständischen im Iran hierzulande der fatale Eindruck entstehen könnte, dass gar nicht alle Muslime per se böse sein könnten. Da muss man rechtzeitig gegensteuern, ist klar.
Schämen Sie sich, den Westen dekadent zu nennen - erlaubt er es doch dass die mörderischen Muslime (ja, wirklich wörtlich gemeint - Kriege zur Verbreitung - Mord zur "Erbfolge" ihres Propheten im internen) sogar hier leben können und sogar ihre Meinung kund tun zu können. Die von Ihnen erkannte Dekadenz ist so etwas wie praktizierte Demokratie. Sie sollten jedoch nicht davon ausgehen, dass diese von Ihnen erkannte Dekadenz nicht urplötzlich in zielgerichtete und möglichst auf den Punkt angewendete Wehrhaftigkeit umschlagen kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.