Aus dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet berichtet Hasnain Kazim
Als Wasir Khan sein Haus verlässt, verschließt er die Holztür mit einem schweren Vorhängeschloss. Den Schlüssel gibt er einem alten Mann mit weißem Bart drei Häuser weiter. Er ist der einzige, der noch in dem Dorf nahe der westpakistanischen Stadt Bara bleiben will. Alle anderen rund 50 Häuser sind verwaist.
Es herrscht Krieg, nur drei, vier Autostunden westlich der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, wo man nichts mitbekommt von den Tragödien, die sich hier abspielen. Fremde dürfen die Region nicht betreten, das Militär kontrolliert die Zufahrtstraßen. Khan berichtet von Artilleriebeschuss und Bombenexplosionen. Viele Häuser haben Einschusslöcher. Die Bösen, sagt er, seien die Extremisten. Aber auch die Armee, die auf der Jagd nach Terroristen Häuser zerstöre. Seit den vergangenen zwei Wochen sind mehr als 200.000 Menschen auf der Flucht, vor den Militanten und vor den Soldaten, vor der tödlichen Gefahr, die von beiden Seiten droht, wenn sie zu Hause bleiben.
Seit mehreren Monaten bedroht Mangal Bagh, ein ehemaliger Busschaffner und Lastwagenfahrer, mit seiner Terrororganisation Lashkar-e-Islam, wörtlich: "Armee des Islam", die Menschen. Bagh, geboren 1973, ist Paschtune des Afridi-Stamms. Hier in Khyber, in den Bergen Westpakistans, ist seine Familie zu Hause. Mehrere Organisationen kämpfen um die Vorherrschaft in dieser Region, sie bekriegen sich, entführen Mitglieder der jeweils konkurrierenden Bande, ermorden vermeintliche Spione. Und immer wieder geraten Menschen, die mit der Gewalt nichts zu tun haben, zwischen die Fronten.
Wasir Khan hat seine Frau und die vier Kinder vergangene Woche weggeschickt. Raus aus dem Dorf, raus aus den Stammesgebieten, weg aus Khyber, von der nur ein paar Kilometer entfernten Grenze zu Afghanistan. Als US-Präsident Barack Obama diese Gegend vor drei Jahren die "gefährlichste Region der Welt" nannte, hatte Khan darüber noch gelacht. "Aber inzwischen muss ich sagen, dass er recht hatte."
Massaker in den Morgenstunden
Vergangene Woche starb sein Neffe, als er im Garten saß und von einer Kugel getroffen wurde. Wer sie abgefeuert hat, weiß niemand. Und dann wurden die Bewohner eines Nachbarorts früh morgens von Lashkar-e-Islam-Kämpfern auf den Dorfplatz gerufen. Dort fuhren die Militanten mit einer Gruppe von sieben Männern vor. Es handele sich, verkündeten sie, um abtrünnige Mitglieder, die eine Gegenmiliz gegründet hätten. Augenzeugen berichten, dass zwei dieser Männer brutal niedergemetzelt wurden. Die anderen fünf wurden erschossen. Alles vor den Augen der Dorfbewohner.
"Als ich vom Tod meines Neffen und von diesem Massaker hörte, war für mich klar, dass wir unsere Heimat verlassen müssen", erzählt Khan. Zuvor hatte er die Aufforderung der pakistanischen Armee ignoriert, die Häuser in und um Bara zu räumen und in sichereren Gegenden Zuflucht zu suchen. "Es ist ja keine leichte Entscheidung, sein Zuhause aufzugeben. Wohin sollen wir gehen? Wann können wir wieder zurückkommen? Und steht unser Haus dann noch?"
"Fata" nennen sie die "Federally Administered Tribal Areas", die Stammesgebiete unter Bundesverwaltung. Aber verwaltet wird da nichts, es ist ein Gebiet, in dem Stämme und Banden und Terroristen herrschen. Der pakistanische Staat hat hier schon seit langem nichts zu sagen. Es ist das Land der Gesetzlosigkeit, eine Region, wo das Recht des Stärkeren herrscht und der Besitz eines Gewehrs Durchsetzungskraft verleiht.
Die Gegend ist Rückzugsort von selbsternannten Gotteskriegern, die in Afghanistan kämpfen und hier Unterschlupf finden, von Taliban und Mitgliedern von Terrororganisationen wie al-Qaida und dem Haqqani-Netzwerk. Hier entstanden in den achtziger Jahren Tausende von Koranschulen, mit Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes und mit finanzieller Hilfe der USA, wo Kämpfer ausgebildet wurden gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan. Als die Russen sich zurückzogen und der Westen das Interesse an diesem Teil der Welt verlor, blieb Pakistan mit diesen wütenden, gewaltbereiten Leuten ohne Perspektive zurück. Hunderte Kampfgruppen hatten sich gebildet, der Staat war völlig überfordert, die Kontrolle über das Gebiet zurückzugewinnen.
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