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Taliban und al-Qaida als Kidnapper: Terroristen füllen Kriegskasse mit Geiselgeld

Von , Islamabad

Al-Qaida und Taliban brauchen Geld - und nutzen immer häufiger Entführungen als Erlösquelle. In Afghanistan und Pakistan wächst das Risiko, Opfer einer Geiselnahme zu werden, vor allem für Ausländer.

Terroristen als Kidnapper: Geiseln in der Hand von Taliban und al-Qaida Fotos
AP

Elf Tage dauerte die Hölle für die beiden Ärztinnen, eine Britin und eine Kenianerin, und für ihre zwei afghanischen Mitarbeiter. Sie waren zu Pferd im Nordosten Afghanistans unterwegs, als sie von bewaffneten Männern verschleppt wurden. Die Geiselnehmer verlangten ein Lösegeld. Anfang Juni stürmte ein Sonderkommando aus amerikanischen Navy Seals und britischen SAS die Höhle, in der die vier gefangen gehalten wurden, tötete elf Entführer und befreite die Geiseln. Es ging gut aus, anders als im September 2010, als Navy Seals aus Versehen die Geisel töteten, eine schottische Entwicklungshelferin.

In Afghanistan und Pakistan hat die Zahl der Entführungen in den vergangenen Monaten zugenommen. Die Gefahr wächst, Opfer einer solchen Tat zu werden. "Die Opfer sind meist wohlhabende Einheimische, aber immer häufiger sind Ausländer betroffen", sagt Jere Van Dyk. Seit vier Jahren verfolgt der US-Journalist das Thema. 2008 wurde er selbst von den Taliban in den pakistanischen Stammesgebieten verschleppt, während einer Recherche für ein Buch über Afghanistan. 45 Tage war er in ihrer Gefangenschaft.

Zweimal taten seine Peiniger so, als würden sie ihn hinrichten. Dabei filmten sie ihn. "Beide Male war ich mir sicher, dass die mich enthaupten würden", sagt er. "Tagelang lag ich in einer Hütte und dachte darüber nach, ob ich lieber geköpft oder erschossen werden wollte." Die Entführer verlangten die Entlassung von drei "Brüdern" in Guantanamo. "Als ich ihnen klarmachte, dass die US-Regierung niemals mit ihnen darüber verhandeln würde, verlangten sie stattdessen 1,5 Millionen Dollar, später senkten sie den Preis auf eine Million." Warum sie ihn nicht töteten, ob schließlich ein Lösegeld floss, weiß Jere Van Dyk nicht. "Vieles ist mir bis heute unklar", sagt er.

Offiziell fließt kein Geld

Die meisten Staaten streiten öffentlich ab, Lösegeld zu zahlen. Als im März einem Schweizer Paar nach achtmonatiger Tortur die Flucht gelang, betonte das Außenministerium in Bern, es sei kein Geld geflossen. Als Schweizer Fernsehsender dennoch darüber spekulierten, tobte der Minister. "In den meisten Fällen fließt es aber doch", räumt ein europäischer Diplomat ein, der schon mit Entführungsfällen in der Region zu tun hatte. Man halte sich mit Informationen zurück, weil man befürchte, ansonsten weitere Geiselnahmen zu provozieren.

Aber längst hat sich herumgesprochen, dass Entführungen ein Millionengeschäft sind. Kidnapping habe sich zu einer "globalen Industrie" entwickelt, sagt Kristen Mulvihill, Ehefrau von David Rohde, einem US-Journalisten, der im November 2008 in die Hände von Taliban geriet. Sieben Monate später gelang ihm die Flucht. Mulvihill kritisiert, dass es trotz zunehmender Zahl von Entführungen keine "koordinierten internationalen Bemühungen" gebe.

Diese Nische haben stattdessen professionelle Berater besetzt. Sie stellen Wachpersonal und Bodyguards zur Verfügung, leiten Firmen an, die Mitarbeiter in gefährliche Regionen schicken, beraten im Falle von Entführungen Angehörige, leisten psychologische Betreuung und organisieren ein Team für das Krisenmanagement.

Die Lösegeldforderungen sind höher denn je

Doch auch für die Profis ist es eine heikle Aufgabe. Aus strategischer Sicht sei wichtig, mit den Tätern zu verhandeln und nicht sofort auf ihre Forderungen einzugehen, sagt Christian Schaaf, Chef der Münchner Sicherheitsfirma Corporate Trust und ehemaliger Polizist. "Da muss man manchmal die Angehörigen bremsen, die in dieser angespannten Situation verlangen, die geforderte Summe sofort zu zahlen." Gehe man direkt auf die Forderungen der Täter ein, signalisiere das Schwäche, womöglich verlangten sie dann noch mehr, anstatt ihre Geisel freizulassen. Biete man dagegen zu wenig, bestehe die Gefahr, dass sie dem Opfer aus Wut Gewalt antun.

Häufig vergeht eine lange Zeit, bevor es überhaupt zur ersten Kontaktaufnahme durch die Entführer kommt, manchmal dauert es Monate, selbst ein Jahr ist nicht ungewöhnlich. Im Januar wurden zwei Entwicklungshelfer, ein Deutscher und ein Italiener, in der pakistanischen Großstadt Multan aus ihrem gesicherten Haus heraus entführt. Von ihnen gibt es bis heute kein Lebenszeichen.

Die lange Wartezeit soll den Druck und damit die Bereitschaft erhöhen, hohe Summen zu zahlen. Auch die Summen sind drastisch gestiegen, zweistellige Millionenbeträge bei ausländischen Opfern sind nicht selten. In vielen Fällen sind die Entführer Kriminelle, die ihre Geiseln an Terrororganisationen weiterverkaufen, die am Ende das Lösegeld kassieren.

Die Terroristen haben von den Piraten gelernt

Es geht nicht um persönliche Bereicherung, sondern um die Finanzierung von Kampfeinheiten. Die Terroristen seien "äußerst klug", sagt ein Berater, der im Auftrag von Opferfamilien arbeitet und - wie so viele in diesem Geschäft - namentlich nicht genannt werden möchte. "Sie haben sich die Piraterie im Horn von Afrika zum Vorbild genommen und erkennen, dass sie auf diese Weise zu viel Geld kommen können, zumal sich die Praxis durchgesetzt hat, dass Regierungen und Firmen Lösegeld zahlen."

Andere Experten sehen auch die gewaltigen Summen, die für Banken- und Staatsrettungen bewegt werden, als einen Grund für die gestiegenen Forderungen. "Die Entführer denken, wenn so viele Milliarden bloß für eine Bank gezahlt werden können, sind 50 Millionen Euro für ein Menschenleben nicht zu viel", beschreibt einer die Entwicklung.

Am Ende, nach langen Verhandlungen, fließen meist zwischen fünfhunderttausend und zwei Millionen Euro. Wer eine "Entführungs- und Lösegeld"-Versicherung hat (Kidnap & Ransom Insurance, auch K&R genannt), muss sich wenigstens um das Finanzielle nicht sorgen, muss nicht sein Haus verkaufen, seine Lebensersparnisse plündern oder die Firma oder den Staat um Hilfe bitten.

Schwierig gestaltet sich nach Ansicht der Fachleute die Geldübergabe. "Die Extremisten haben üblicherweise kein Bankkonto, das Lösegeld muss deshalb bar übergeben werden", sagt einer. "Aber wer soll das tun? Weder Angehörige noch der Vorgesetzte des Entführten fahren nach Afghanistan oder Pakistan zur Geldübergabe. Auch Mitarbeiter der Botschaften, die ansonsten in Entführungsfällen eine Menge zu tun haben, tun eines nicht: das Geld übergeben."

Gefährliche Übergabe in Waziristan

Es ist ein gefährliches Unterfangen, vor allem, wenn die Geiselnehmer auf eine Übergabe in Waziristan bestehen, wohin die meisten Opfer aus Afghanistan oder Pakistan verschleppt werden. Die westpakistanischen Stammesgebiete stehen zwar offiziell unter Verwaltung der Regierung in Islamabad, aber faktisch hat der pakistanische Staat dort keine Macht.

Ortsfremde haben keinen Zugang zu der bergigen, kargen Region, die als Rückzugsgebiet für Extremisten aus Pakistan, Afghanistan, Arabien und Zentralasien gilt. "Wir versuchen, vertrauenswürdige Einheimische zu finden, die wir mit der Geldübergabe betrauen können. Oft wissen die nicht, dass in dem Koffer, den wir ihnen geben, ein paar Millionen Dollar sind", sagt der Experte.

Derzeit sind weltweit Schätzungen zufolge 3000 Menschen entführt, in Lateinamerika, Afrika und Asien. Pakistan und Afghanistan gelten inzwischen als Hochrisikogebiet. "Die meisten Geiselnahmen enden aber glimpflich", sagt Berater Schaaf. In Pakistan sind bislang drei Ausländer zu Tode gekommen:

  • 2002 wurde der amerikanische "Wall Street Journal"-Reporter Daniel Pearl getötet, der in Karatschi entführt wurde.
  • 2009 starb der polnische Geologe Piotr Stanczak, den Extremisten in der als relativ sicher geltenden Stadt Attock verschleppten. Von Pearl und Stanczak veröffentlichten die Geiselnehmer Videos von der Enthauptung.
  • Im Januar wurde der britische Arzt Khalil Dale entführt, der für das Rote Kreuz arbeitete. Im April fand man seinen Körper in Quetta.

Schaaf findet, es gebe keine Region, in der man nicht arbeiten könne. Es sei alles nur eine Frage der getroffenen Sicherheitsmaßnahmen. Das sahen auch Entwicklungshilfeorganisationen bislang so. Doch inzwischen kommen einige von ihnen zu dem Schluss, dass diese Position nicht mehr zu halten ist.

Eine Organisation schreibt in einem internen Papier: "Eine Garantie für Leib und Leben für die Mitarbeiter ist auch bei strengsten Sicherheitsvorkehrungen nicht mehr gegeben. Deshalb sollte die Verhältnismäßigkeit zwischen Projektnutzen und Risiken neu durchdacht werden."

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