Terrorpilot Warum ließen die Geheimdienste Atta laufen?

War es eine Panne der Nachrichtendienste? Die tschechische Regierung steht in der Kritik, seit sie zugegeben hat, dass Mohammed Atta in Prag mit einem irakischen Spion zusammentraf. Prag schließt nicht mehr aus, dass sich Atta dabei Anthrax-Sporen besorgte


Mohammed Atta: Dass er sich mit einem irakischen Agenten traf, scheint die tschechischen Behörden nicht alarmiert zu haben
AP

Mohammed Atta: Dass er sich mit einem irakischen Agenten traf, scheint die tschechischen Behörden nicht alarmiert zu haben

Prag - Die Mitteilung war brisant: Erstmals hat Tschechiens Innenminister Stanislav Gross am Freitag Details über Attas wiederholte Prag-Aufenthalte bekannt gegeben. Danach kam der Ägypter am 2. Juni 2000 mit einem Fernlinien-Bus aus Deutschland und flog am nächsten Tag in die USA. Auch die bisherigen Gerüchte, wonach sich Atta im Frühjahr in Prag mit dem irakischen Konsul Al-Ani traf, einem Agenten des Bagdader Geheimdienstes, bestätigte der Minister.

Diese Mitteilung untergräbt das Image von Atta als biederem, unauffälligen "Schläfer", dessen Maske erst am 11. September fiel. Denn es ist unbestritten, dass Al-Ani bei dem Treffen am Prager Flughafen beschattet wurde. Dann muss auch Atta dem Geheimdienst aufgefallen sein.

Immerhin traf sich hier ein vermeintlich normaler Student aus Hamburg mit einem Vertreter der irakischen Sicherheitsdienste. Trotzdem bewegte sich der Ägypter danach aber offenbar ein halbes Jahr ungehindert und steuerte dann wohl die erste Maschine ins World Trade Center.

Eine schwere Panne bei den tschechischen Ermittlern? Warum verfolgten sie Attas Spur nicht weiter? Hätten sie ihre Beobachtungen an Kollegen in Deutschland und den USA weitermelden müssen? Zumal dann, wenn weitere Spekulationen zutreffen: Medienberichten zufolge war Atta in Prag bereits einmal wegen fehlender Dokumente am Flughafen die Einreise verwehrt worden sei. Gab es also noch mehr Verdachtsmomente gegen ihn? Zu diesen Berichten wollte Innenminister Gross nichts sagen.

Vertreter des tschechischen Innenministeriums gestehen aber, dass ihnen die Ermittlungen im Fall Atta auch heute noch große Schwierigkeiten bereiten. Wie eine russische Holzpuppe sei dieser Atta, stöhnte ein Mitarbeiter des tschechischen Innenministeriums: "Wenn wir eine Sache über ihn aufdecken, steckt gleich das nächste Problem drin." Bei seinen Prag-Aufenthalten habe der Terrorpilot so viele Spuren hinterlassen, sagt der Beamte, "dass Atta uns entweder viel mitteilen oder viel verheimlichen wollte."

Warum Atta so oft nach Prag kam, bleibt einstweilen unklar. Der Innenminister stellte bemüht exakt fest, Atta habe sicher keine Anthrax-Sporen "von Tschechien" erhalten. Dies widerspricht aber nicht dem Verdacht, der Ägypter könne diese "in Tschechien" erhalten haben. Attas Treffen mit dem irakischen Agenten könnten da ein bedeutendes Indiz für die Ermittler sein

Immerhin vermutet der ehemalige Leiter des UN-Inspektorenteams im Irak, Richard Butler, ein irakischer Agent könnte Atta Anthrax-Sporen übergeben haben. Und sollte Bagdad tatsächlich hinter den Milzbrandfällen in den USA stecken, wären militärische Folgen nicht auszuschließen

Und schon spekuliert eine Prager Zeitung anhand von verdächtigen Eintragungen im Prager Handelsregister, Atta könne in Tschechien Geschäfte zu Gunsten der Terror-Organisation al-Qaida betrieben haben.

Al-Ani, der irakische Agent, wurde übrigens kurz nach dem Atta-Treffen ausgewiesen. Man habe dem Konsul die Akkreditierung wegen Tätigkeiten entzogen, die seinem Status widersprachen, sagt ein Mitarbeiter des tschechischen Innenministers. Ohne erklären zu wollen, welche Tätigkeiten gemeint sind.

So werfen die Stellungsnahmen der Tschechen bisher mehr Fragen auf als sie beantworten.

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