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03. Dezember 2009, 15:59 Uhr

Terrorreport

Al-Qaida tötet achtmal mehr Muslime als Nicht-Muslime

Von Yassin Musharbash

Al-Qaida sieht sich als Speerspitze im Kampf gegen die Ungläubigen. In den Opferzahlen spiegelt sich das nicht wider. Eine Studie zeigt: Zwischen 2004 und 2008 tötete die Organisation zwar 371 Nicht-Muslime, gleichzeitig fielen ihr aber mindestens 2639 Muslime zum Opfer.

Berlin - Darf man im Kampf gegen die Ungläubigen auch Muslime töten? Sogar das Terrornetzwerk al-Qaida beschäftigt sich mit dieser Frage. Der Qaida-Ideologe Abu Jahja al-Libi etwa entwickelte eigens eine Art theologische Theorie vom Kollateralschaden, die es erlauben soll, Muslime zu töten, wenn man die Feinde angreift.

Auch die irakische Filiale des Terrornetzwerks von Osama Bin Laden, die als besonders blutrünstig bekannt ist, macht ab und an geltend, dass sie sich mit der Frage beschäftigt - so zum Beispiel in einem Bekennerschreiben zu einem Anschlag in Bagdad im August dieses Jahres. Mit Blick auf bei der "Operation" möglicherweise getroffene sunnitische Muslime hieß es in dem Kommuniqué, den Verwundeten wünsche man Genesung, den Getöteten, dass sie von Gott als "Märtyrer" angenommen werden.

313 Qaida-Anschläge zwischen 2004 und 2008

Doch während al-Qaidas Apologeten sich als Verteidiger des wahren Glaubens stilisieren und den Eindruck erwecken wollen, dass getötete Muslime bedauerliche Einzelfälle darstellen, sprechen die Fakten eine andere Sprache. So gab es zwischen 2004 und 2008 313 Anschläge, zu denen sich al-Qaida bekannt hat. 3010 Menschen kamen dabei ums Leben. Und obwohl in dieser Zeit mit den Attacken von Madrid 2004 und London 2005 gleich zwei Terrorangriffe in westlichen Ländern erfolgten, sind unter den Todesopfern lediglich 371 Nicht-Muslime, was einer Quote von "nur" zwölf Prozent entspricht.

Das Counter Terrorism Center an der Militärakademie der US-Armee in West Point (CTC) hat diese und andere korrespondierende Zahlen in einem Report ("Tödliche Avantgarde: Eine Studie über al-Qaidas Gewalt gegen Muslime") nun zusammengetragen. Das Autorenteam hat bewusst in Kauf genommen, dass die Ergebnisse eher noch zu wenige muslimische Todesopfer berücksichtigen dürften. Das war der Preis dafür, dass sie nach einer Methode vorgegangen sind, die jedem Vorwurf der Parteilichkeit entgegenwirken soll.

So zählten die Forscher nur Anschläge, zu denen sich al-Qaida auch bekannt hat. Damit beugen die Experten dem möglichen Vorwurf vor, al-Qaida allzu negativ darzustellen. Im Umkehrschluss aber bleiben vermutlich eine Reihe großer Angriffe außen vor, denn al-Qaida bekennt sich keineswegs zu jeder Attacke.

Außerdem berücksichtigten die Verfasser nur Anschläge, die sich auch in der arabischen Presse fanden. Diese Berichte sind die Basis für Zahl und Hintergründe der Opfer. Wieder war das Motiv, dem Vorwurf der Parteilichkeit zu begegnen. Und wieder ist der Preis eine Unschärfe: Denn es ist ein Trugschluss, dass einheimische Medien in der arabischen oder islamischen Welt höher geachtet seien als westliche.

"Wir haben keinen anderen Weg gefunden"

Die größte Unschärfe besteht allerdings in der Einordnung der Opfer in eine von zwei Kategorien: "Westlich" oder "nicht-westlich", die dann in der Studie mit "Muslime" beziehungsweise "Nicht-Muslime" gleichgesetzt werden.

Die Einteilung wirft neue Probleme auf: Erstens sind nicht alle Bewohner der islamischen Welt Muslime - im Irak beispielsweise hat al-Qaida Anschläge gezielt gegen Jesiden oder Christen verübt. Zweitens sind viele der muslimischen Opfer Schiiten - denn al-Qaida, eine sunnitische Organisation, betrachtet Schiiten per se als Ungläubige.

Die Berichterstattung in der Presse unterscheide leider kaum zwischen Sunniten und Schiiten, erklärt Scott Helfstein, einer der Autoren, dieses Vorgehen auf Nachfrage. Aus demselben Grund gebe es auch nur die Unterscheidung zwischen "westlich" und "nicht-westlich". "Es ist einfach für Journalisten, Nationalitäten zu zählen, aber fast nie identifizieren sie die Religion." Das Problem sei den Autoren bewusst. "Aber wir haben keinen anderen Weg gefunden", so Helfstein zu SPIEGEL ONLINE.

Gute Studie mit eingebauten Unschärfen

Helfsteins Erklärungen sind plausibel. Die Autoren verstecken diese Unschärfen auch nicht. An einer Stelle etwa rechnen sie den Irak und Afghanistan aus der Statistik komplett heraus. Der Anteil der getöteten "Westler" steigt dadurch signifikant auf 39 Prozent.

Rechnet man allerdings London und Madrid heraus, sinkt er wieder auf 13 Prozent. Und beschränkt man sich auf eine Untersuchung der Jahre 2007 und 2008 und vernachlässigt zugleich Afghanistan und den Irak, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass 2007 99 Prozent aller Qaida-Todesopfer "Nicht-Westler" waren, im Jahr darauf 96 Prozent. Oder noch anders gesagt: Zwischen 2006 und 2008 sei es für einen "Nicht-Westler" 38-mal wahrscheinlicher gewesen, bei einem Qaida-Anschlag zu sterben, als für einen "Westler".

"Weil al-Qaida eingeschränkte Fähigkeiten hat, gegen ihre westlichen Feinde zuzuschlagen", heißt es resümierend in der Studie, "erhält die Gruppe ihre Relevanz aufrecht, indem sie Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit attackiert."

Hitzige Debatten in der Dschihadisten-Szene

Helfstein und seine Co-Autoren haben eine Studie vorgelegt, die so präzise wie eben möglich ist, wenn man mit Statistik arbeiten will. Sie ist vor allem deshalb interessant, weil sie erstmals eine Datenbasis für das Verhältnis zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Todesopfern al-Qaidas bereitstellt.

Allerdings ist das CTC auch Teil der US-Militär-Hochschule West Point. Zwar hat das Center in den vergangenen Jahren eine Reihe exzellenter Terrorstudien veröffentlicht. Aber das Institut ist auch nicht wirklich neutral, weil es mit seinen Analysen versucht, Entscheider, Politiker und Militärs in den USA mit Argumenten im Kampf gegen den Terrorismus zu versorgen. In diesem Fall mit dem Beleg dafür, dass al-Qaida mehr "Muslime" als "Nicht-Muslime" tötet - ein Faktum, mit dem US-Beamte und -Politiker seit einigen Monaten vermehrt arbeiten.

Das ändert nichts daran, dass die Grundaussage des Reports richtig und hilfreich ist. Die Autoren kommen auf der Grundlage ihrer Daten sogar zu dem Schluss, dass al-Qaida, im Vergleich zum Referenzzeitraum von 1995 bis 2003 - aus dem als besonderer Einzelfall 9/11 herausgerechnet wird -, "gewalttätiger und willkürlicher" werde.

Wie sehr dieser Umstand wiederum zunehmend zu einem Problem für al-Qaida entwickelt, lässt sich an anderer Stelle ablesen. Etwa an den hitzigen Debatten innerhalb der Dschihadisten-Szene. Denn immer mehr frühere Vordenker kommen zu dem Schluss, dass der von al-Qaida proklamierte Kampf die muslimischen Opfer nicht wert ist.

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