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Terrorreport: Al-Qaida tötet achtmal mehr Muslime als Nicht-Muslime

Von Yassin Musharbash

Al-Qaida sieht sich als Speerspitze im Kampf gegen die Ungläubigen. In den Opferzahlen spiegelt sich das nicht wider. Eine Studie zeigt: Zwischen 2004 und 2008 tötete die Organisation zwar 371 Nicht-Muslime, gleichzeitig fielen ihr aber mindestens 2639 Muslime zum Opfer.

Muslime im Visier: Propagandavideo der irakischen Qaida-Filiale Zur Großansicht

Muslime im Visier: Propagandavideo der irakischen Qaida-Filiale

Berlin - Darf man im Kampf gegen die Ungläubigen auch Muslime töten? Sogar das Terrornetzwerk al-Qaida beschäftigt sich mit dieser Frage. Der Qaida-Ideologe Abu Jahja al-Libi etwa entwickelte eigens eine Art theologische Theorie vom Kollateralschaden, die es erlauben soll, Muslime zu töten, wenn man die Feinde angreift.

Auch die irakische Filiale des Terrornetzwerks von Osama Bin Laden, die als besonders blutrünstig bekannt ist, macht ab und an geltend, dass sie sich mit der Frage beschäftigt - so zum Beispiel in einem Bekennerschreiben zu einem Anschlag in Bagdad im August dieses Jahres. Mit Blick auf bei der "Operation" möglicherweise getroffene sunnitische Muslime hieß es in dem Kommuniqué, den Verwundeten wünsche man Genesung, den Getöteten, dass sie von Gott als "Märtyrer" angenommen werden.

313 Qaida-Anschläge zwischen 2004 und 2008

Doch während al-Qaidas Apologeten sich als Verteidiger des wahren Glaubens stilisieren und den Eindruck erwecken wollen, dass getötete Muslime bedauerliche Einzelfälle darstellen, sprechen die Fakten eine andere Sprache. So gab es zwischen 2004 und 2008 313 Anschläge, zu denen sich al-Qaida bekannt hat. 3010 Menschen kamen dabei ums Leben. Und obwohl in dieser Zeit mit den Attacken von Madrid 2004 und London 2005 gleich zwei Terrorangriffe in westlichen Ländern erfolgten, sind unter den Todesopfern lediglich 371 Nicht-Muslime, was einer Quote von "nur" zwölf Prozent entspricht.

Das Counter Terrorism Center an der Militärakademie der US-Armee in West Point (CTC) hat diese und andere korrespondierende Zahlen in einem Report ("Tödliche Avantgarde: Eine Studie über al-Qaidas Gewalt gegen Muslime") nun zusammengetragen. Das Autorenteam hat bewusst in Kauf genommen, dass die Ergebnisse eher noch zu wenige muslimische Todesopfer berücksichtigen dürften. Das war der Preis dafür, dass sie nach einer Methode vorgegangen sind, die jedem Vorwurf der Parteilichkeit entgegenwirken soll.

So zählten die Forscher nur Anschläge, zu denen sich al-Qaida auch bekannt hat. Damit beugen die Experten dem möglichen Vorwurf vor, al-Qaida allzu negativ darzustellen. Im Umkehrschluss aber bleiben vermutlich eine Reihe großer Angriffe außen vor, denn al-Qaida bekennt sich keineswegs zu jeder Attacke.

Außerdem berücksichtigten die Verfasser nur Anschläge, die sich auch in der arabischen Presse fanden. Diese Berichte sind die Basis für Zahl und Hintergründe der Opfer. Wieder war das Motiv, dem Vorwurf der Parteilichkeit zu begegnen. Und wieder ist der Preis eine Unschärfe: Denn es ist ein Trugschluss, dass einheimische Medien in der arabischen oder islamischen Welt höher geachtet seien als westliche.

"Wir haben keinen anderen Weg gefunden"

Die größte Unschärfe besteht allerdings in der Einordnung der Opfer in eine von zwei Kategorien: "Westlich" oder "nicht-westlich", die dann in der Studie mit "Muslime" beziehungsweise "Nicht-Muslime" gleichgesetzt werden.

Die Einteilung wirft neue Probleme auf: Erstens sind nicht alle Bewohner der islamischen Welt Muslime - im Irak beispielsweise hat al-Qaida Anschläge gezielt gegen Jesiden oder Christen verübt. Zweitens sind viele der muslimischen Opfer Schiiten - denn al-Qaida, eine sunnitische Organisation, betrachtet Schiiten per se als Ungläubige.

Die Berichterstattung in der Presse unterscheide leider kaum zwischen Sunniten und Schiiten, erklärt Scott Helfstein, einer der Autoren, dieses Vorgehen auf Nachfrage. Aus demselben Grund gebe es auch nur die Unterscheidung zwischen "westlich" und "nicht-westlich". "Es ist einfach für Journalisten, Nationalitäten zu zählen, aber fast nie identifizieren sie die Religion." Das Problem sei den Autoren bewusst. "Aber wir haben keinen anderen Weg gefunden", so Helfstein zu SPIEGEL ONLINE.

Gute Studie mit eingebauten Unschärfen

Helfsteins Erklärungen sind plausibel. Die Autoren verstecken diese Unschärfen auch nicht. An einer Stelle etwa rechnen sie den Irak und Afghanistan aus der Statistik komplett heraus. Der Anteil der getöteten "Westler" steigt dadurch signifikant auf 39 Prozent.

Rechnet man allerdings London und Madrid heraus, sinkt er wieder auf 13 Prozent. Und beschränkt man sich auf eine Untersuchung der Jahre 2007 und 2008 und vernachlässigt zugleich Afghanistan und den Irak, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass 2007 99 Prozent aller Qaida-Todesopfer "Nicht-Westler" waren, im Jahr darauf 96 Prozent. Oder noch anders gesagt: Zwischen 2006 und 2008 sei es für einen "Nicht-Westler" 38-mal wahrscheinlicher gewesen, bei einem Qaida-Anschlag zu sterben, als für einen "Westler".

"Weil al-Qaida eingeschränkte Fähigkeiten hat, gegen ihre westlichen Feinde zuzuschlagen", heißt es resümierend in der Studie, "erhält die Gruppe ihre Relevanz aufrecht, indem sie Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit attackiert."

Hitzige Debatten in der Dschihadisten-Szene

Helfstein und seine Co-Autoren haben eine Studie vorgelegt, die so präzise wie eben möglich ist, wenn man mit Statistik arbeiten will. Sie ist vor allem deshalb interessant, weil sie erstmals eine Datenbasis für das Verhältnis zwischen muslimischen und nicht-muslimischen Todesopfern al-Qaidas bereitstellt.

Allerdings ist das CTC auch Teil der US-Militär-Hochschule West Point. Zwar hat das Center in den vergangenen Jahren eine Reihe exzellenter Terrorstudien veröffentlicht. Aber das Institut ist auch nicht wirklich neutral, weil es mit seinen Analysen versucht, Entscheider, Politiker und Militärs in den USA mit Argumenten im Kampf gegen den Terrorismus zu versorgen. In diesem Fall mit dem Beleg dafür, dass al-Qaida mehr "Muslime" als "Nicht-Muslime" tötet - ein Faktum, mit dem US-Beamte und -Politiker seit einigen Monaten vermehrt arbeiten.

Das ändert nichts daran, dass die Grundaussage des Reports richtig und hilfreich ist. Die Autoren kommen auf der Grundlage ihrer Daten sogar zu dem Schluss, dass al-Qaida, im Vergleich zum Referenzzeitraum von 1995 bis 2003 - aus dem als besonderer Einzelfall 9/11 herausgerechnet wird -, "gewalttätiger und willkürlicher" werde.

Wie sehr dieser Umstand wiederum zunehmend zu einem Problem für al-Qaida entwickelt, lässt sich an anderer Stelle ablesen. Etwa an den hitzigen Debatten innerhalb der Dschihadisten-Szene. Denn immer mehr frühere Vordenker kommen zu dem Schluss, dass der von al-Qaida proklamierte Kampf die muslimischen Opfer nicht wert ist.

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Forum - Wer ist wirklich im Fadenkreuz von Al-Qaida?
insgesamt 471 Beiträge
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1. rndspread?
p.rabig 03.12.2009
ich vermute das variiert. es wird wohl von den zielen einzelner abhängig sein, je nach zelle und deren dachorganisation in den jeweiligen afrikanischen, asiatischen und europäischen ländern
2.
altsprech 03.12.2009
Zitat von sysopAl-Qaida sieht sich als Speerspitze im Kampf gegen die Ungläubigen. In den Opferzahlen spiegelt sich das nicht wider. Eine Studie zeigt: Zwischen 2004 und 2008 tötete die Organisation zwar 371 Nicht-Muslime, gleichzeitig fielen ihr aber mindestens 2639 Muslime zum Opfer. Wen hat die Terrorgruppe wirklich im Visier?
Al-Qaida ist nicht viel mehr als eine erstaunlich schlecht getarnte Brigade des saudischen Geheimdiensts. Wenn die USA den „Krieg gegen den Terror“ gewinnen wollen, müssen sie nur ihre Special Forces nach Saudi-Arabien schicken, statt nach Afghanistan und die Wahhabiten – die Wurzel des Ganzen – von der Macht entheben.
3.
THM, 03.12.2009
Zitat von sysopAl-Qaida sieht sich als Speerspitze im Kampf gegen die Ungläubigen. In den Opferzahlen spiegelt sich das nicht wider. Eine Studie zeigt: Zwischen 2004 und 2008 tötete die Organisation zwar 371 Nicht-Muslime, gleichzeitig fielen ihr aber mindestens 2639 Muslime zum Opfer. Wen hat die Terrorgruppe wirklich im Visier?
Wer oder was ist Al-Quida in Wirklichkeit? Unter dem Label werden m.E. verschiedene autonom operierende Gruppen subsummiert. Abgesehen davon ist doch bekannt, dass das Hilfspersonal der "Nicht-Muslime" überwiegend aus Einheimischen besteht. Nicht nur im Krieg, auch vor Botschaften, Hotels etc. In Europa und USA zu agieren ist wesentlich komplizierter. Mit gemeinsamem Glauben hat es sowieso nichts zu tun, sonst hätte es unter den Glaubensbrüdern nicht schon so viele blutige Konflikte gegeben.
4. Der Artikel...
sysop 03.12.2009
...zum Thema... http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,660420,00.html
5. Kampf gegen die Ungläubigen
gukki 03.12.2009
Zitat von sysopAl-Qaida sieht sich als Speerspitze im Kampf gegen die Ungläubigen. In den Opferzahlen spiegelt sich das nicht wider. Eine Studie zeigt: Zwischen 2004 und 2008 tötete die Organisation zwar 371 Nicht-Muslime, gleichzeitig fielen ihr aber mindestens 2639 Muslime zum Opfer. Wen hat die Terrorgruppe wirklich im Visier?
Al-Qaida ist das Synomym für Widerstandskämpfer (oder Terrorist, je nach Standpunkt) gegen die USA und deren Verbündete. Nach ihrem "Riesenerfolg" mit 9/11 dürfte es heute kaum noch echte Al-Qaida Mitglieder geben. Außer in der Propaganda. Nur zur Erinnerung: Bush sprach von einem Kreuzzug, bis seine Berater das korrigierten in "Kampf gegen den Terror". Glauben Sie, das ist ein Unterschied für Amerika?
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Terrorpropaganda gegen Deutschland
Al-Qaida
Osama Bin Ladens Terrornetzwerk al-Qaida hat die Erwähnungen und direkte Ansprache Deutschlands in seiner Propaganda massiv gesteigert. Mittlerweile präsentiert al-Qaida sogar einen aus Deutschland stammenden Terrorwerber, den 32 Jahre alten Bekkay Harrach aus Bonn, der sich 2007 der Organisation angeschlossen haben soll. Im Januar 2009 erklärte Harrach alias "Abu Talha" in seiner Rede "Das Rettungspaket für Deutschland", dass die Bundestagswahl am 27. September eine einmalige Gelegenheit sei, sich vom Afghanistan-Einsatz abzuwenden. Deutschland könne anderenfalls nicht ernsthaft glauben, ungeschoren zu bleiben. Im Februar 2009 sprach er über die Finanzkrise, verzichtete aber auf Terrordrohungen. Am 18. September 2009 kündigte er dagegen explizit Anschläge in Deutschland innerhalb von zwei Wochen nach der Wahl an, sollte von ihr nicht ein Signal für den Abzug aus Afghanistan ausgehen. Wenige Tage danach folgten zwei predigtähnliche Reden von ihm, "O Allah, ich liebe Dich" Teil 1 und Teil 2. Darin versuchte er, deutsche Muslime für den bewaffneten Kampf zu gewinnen.

Jenseits von Harrach gibt es zwei weitere Qaida-Videos, in denen Deutschland allgemein mit Vergeltung gedroht wird.

Osama Bin Laden hat sich unterdessen seit Jahren nicht mehr zu Deutschland geäußert. Am 25. September veröffentlichte er allerdings eine Rede an "die europäischen Völker". Darin drohte er zwar nicht ausdrücklich mit Terroranschlägen in Europa, forderte jedoch erneut einen Abzug aus Afghanistan und warnte vor Vergeltung.
IJU
Die "Islamische Dschihad-Union" (IJU), eine ursprünglich usbekische Terrororganisation, die mittlerweile von Pakistan aus operiert, ist in Deutschland ein Begriff, weil sie der Sauerland-Zelle den Auftrag erteilte, Anschläge in Deutschland zu planen. Auch die IJU veröffentlichte auf Deutschland bezogene Propaganda. So verherrlichte sie in mehreren Videos etwa den Tod des aus Bayern stammenden Cüneyt Citfci als IJU-Selbstmordattentäter im März 2008. Mehrmals meldete sich auch der Saarländer Eric Breininger für die IJU zu Wort und rief deutsche Muslime auf, die Dschihadisten zu unterstützen. Allerdings drohte die IJU nicht ausdrücklich mit Terror in Deutschland. Eher ließen sich ihre Warnungen auf die Bundeswehr in Afghanistan beziehen.
IBU
Die "Islamische Bewegung Usbekistan" (IBU) operiert ebenfalls von Pakistan aus und verfügt über Rekruten aus Deutschland. Zwei von ihnen, Jassin und Mounir C., stammen wie Bekkay Harrach aus Bonn. Im Dezember 2008 meldeten sie sich erstmals zu Wort und riefen Gesinnungsgenossen dazu auf, sich in IBU-Trainingslager aufzumachen. Im März und im September 2009 wurden diese Aufforderungen erneuert. In den IBU-Videos tauchen noch weitere deutschsprachige Personen auf, die aber noch nicht identifiziert werden konnten. Die IBU hat wie die IJU nicht offen mit Anschlägen in Deutschland gedroht.
Taliban
Am 25. September 2009 veröffentlichten erstmals auch die Taliban ein Video, dass Terrordrohungen gegen Deutschland enthielt. Gezeigt wurde darin ein bisher nicht identifizierter deutschsprachiger Kämpfer, der sich "Ajjub" nennt. Anschläge in Deutschland seien wegen des Afghanistaneinsatzes der Bundeswehr verlockend geworden, sagt er in dem Band.
Einzelpersonen
Es gibt unbestätigte Medienberichte über weitere gegen Deuschland gerichtete Terrorpropaganda, die sich aber nicht mit bestimmten Terrorgruppen in Verbindung bringen lässt. Sicher ist, dass einzelne Dschihadisten, vor allem in Internet-Diskussionsforen, über Anschläge gegen deutsche Ziele polemisieren oder zu diesen aufrufen.
Propaganda
Deutschland ist nicht das erste und nicht das einzige Land, das al-Qaida kampagnenartig bedroht. Mehrfach etwa riefen Osama Bin Laden und Aiman al-Sawahiri (neben weiteren Qaida-Kadern) zum militanten Dschihad in Pakistan auf. Auch Dänemark ist sehr häufig (wegen der Karikaturenkrise) als Ziel herausgehoben worden. Osama Bin Laden hat zudem 2006 den USA weitere verheerende Anschläge "in Bälde" angekündigt. Oft, aber nicht immer, zeitigen solche Heraushebungen Folgen. Die dänische Botschaft in Afghanistan wurde zum Beispiel attackiert, ebenso kam es zu schweren Anschlägen in Pakistan.

Viele Analysten gehen davon aus, dass eine Fokussierung der Propaganda mit einer Neuausrichtung der physischen Zielvorgaben korrespondiert, man aus der Häufung von Propaganda-Attacken also zu einem gewissen Grad auf Anschlagsplanungen schließen kann.

Andererseits ist Propaganda auch ein Ersatz für physischen Terror: Angst und Schrecken werden verbreitet, ohne dass man etwas tun muss. Al-Qaida & Co. betrachten es mitunter schon als Erfolg, wenn sie durch Drohungen ökonomische Verluste auslösen können. Da die Warnungen zudem im Raum stehen bleiben, können sie theoretisch auch Jahre später "eingelöst" werden, was oftmals zu einer dauerhaften Anspannung der Sicherheitslage in den herausgehobenen Ländern führt.


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