Anschlag während des Länderspiels Nur weg

Die Fußballnationalmannschaft wurde am Freitag Zeuge der Terrorwelle über Paris. Das Team verbrachte die Nacht im Stadion und verließ die Stadt in der Frühe. Die Diskussion um die Sicherheit bei der EM in Frankreich wird jetzt losgehen.

Zuschauer im Stade de France: So schnell wie möglich den Albtraum hinter sich lassen
AP

Zuschauer im Stade de France: So schnell wie möglich den Albtraum hinter sich lassen

Aus Paris berichtet


Am 10. Juli kommenden Jahres wird das Endspiel der Fußball-Europameisterschaft ausgetragen, es soll der Höhepunkt des Fußballjahres werden. Ein Fest.

Austragungsort ist das Stade de France, das Stadion, das am Freitagabend von Terroristen attackiert wurde.

Keiner kann sich zurzeit vorstellen, dass das Turnier im kommenden Sommer ein heiteres werden wird. Es wird ein Turnier werden mit schwersten Sicherheitsvorkehrungen. In dem die Terrorangst mitschwingen wird. Die Diskussion um die Sicherheit der EM wird kommen, wenn auch noch nicht heute, unter Garantie aber in den nächsten Tagen.

Löw ahnte sofort, dass da etwas passiert ist

Die DFB-Elf hofft, an diesem 10. Juli 2016 auch wieder dabei sein zu können und als Weltmeister auch Europameister zu werden. Auch wenn am Freitag wahrscheinlich niemand rund um die Mannschaft daran einen großen Gedanken verschwendet haben mag. Bundestrainer Joachim Löw schien schon beim ersten großen Knall, der das Stadion kurz nach Beginn des Testspiels gegen Gastgeber Frankreich erschütterte, klar zu sein, dass dies nicht irgendein normaler Böllerschuss war. "Ich habe sofort an den Nachmittag gedacht", sagte er. Am Nachmittag war das deutsche Teamhotel am Bois de Boulogne wegen einer Bombendrohung evakuiert worden. Dort waren die Sicherheitskräfte allerdings nicht fündig geworden.

Die Mannschaft hat die ganze Nacht nach der Partie im Stadion verbracht. Meldungen, die Nationalspieler seien gegen 3 Uhr mit Kleinbussen ins Hotel gebracht worden, waren zuvor gestreut worden. Dass man mit dem auffälligen DFB-Bus nicht in der Nacht durch Paris kutschieren wollte, war ohnehin sofort entschieden worden. Pressekonferenz, Mixed Zone, das ganze Ritual, das normalerweise nach einem Fußballspiel abläuft, war gestrichen. Was sollte das auch noch?

Video: Oliver Bierhoff über die Nacht im Stadion

Sky Sport News
"Erschüttert und schockiert" sei man gewesen, sagt Löw, und Manager Oliver Bierhoff berichtet von "einer großen Unsicherheit, großer Angst und einer komischen Stimmung in der Kabine". Den ursprünglichen Plan, noch bis Sonntag in der französischen Hauptstadt zu bleiben, hatte man da schon rasch fallengelassen. Nach der Nacht im Stadion ging es in aller Frühe im Kovoi zum Flughafen Charles de Gaulle, von wo aus der Tross nach Deutschland zurückgeflogen ist. Um kurz nach 10 Uhr landete die Mannschaft am Frankfurter Flughafen. Von dort ging es für die Spieler weiter in ihre Heimatorte, die Weiterreise nach Hannover wurde gestrichen, teilte der DFB mit.

Viele Fans reisten überstürzt ab

Nur weg. Der Gedanke, der auch die meisten angereisten deutschen Fans beherrschte. Die Fußballanhänger, die mit dem Auto oder mit dem Bus nach Paris gekommen waren, um ihren Fußball zu feiern, verließen zum größten Teil noch in der Nacht die Stadt, Hotelbuchungen wurden reihenweise storniert, wer konnte, versuchte, so schnell wie möglich Paris und den Albtraum hinter sich zu lassen.

"Was ist das für eine kranke Welt?", twitterte Nationalspieler Toni Kroos, einer derjenigen, die von Löw nicht mit nach Paris genommen worden waren, in der Nacht. Eine Welt in jedem Fall, in der auch Ereignisse wie ein Fußballspiel pervertiert werden. Am Dienstag soll die DFB-Elf an sich gegen die Niederlande in Hannover antreten. Es gibt wohl kaum jemanden, der lautstark protestieren würde, wenn man die Partie einfach absagt. Nie war ein Länderspiel so wertlos wie dieses. Eine Entscheidung darüber steht noch aus. DFB-Interimspräsident Reinhard Rauball sagte: "Wir werden eine Nacht darüber schlafen und dann sehen, wie wir die Dinge am Dienstag angehen oder nicht angehen. Aber ich bin der Meinung, dass man dem Terror nicht weichen sollte."

Auch die Franzosen sollten am Dienstag spielen. Ihr Match gegen England ist bereits gestrichen. Für die Equipe Tricolore sollte es eigentlich ein großer Fußballtag werden, 70.000 im Stade de France schmetterten vor dem Spiel gegen Deutschland voller Inbrunst die Marseillaise, am Ende blieb nur Schock.

Und mittendrin im Schrecken dann auch Erleichterung. Die Schwester des französischen Nationalspielers Antoine Griezman befand sich an dem Abend im Bataclan, jenem Klub, in dem die Terroristen Dutzende Menschen ermordeten. Griezmans Schwester überlebte.

Video: Mindestens 120 Menschen sterben bei Terrorserie in Paris

Video: Explosionen waren im Stadion zu hören

Terrorziele in Paris
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Fotos: AP, AFP, dpa
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Stade de France
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Rue Alibert
3
Rue de la Fontaine au Roi
4
Konzertsaal Bataclan
5
Boulevard Voltaire
6
Rue de Charonne



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