Terrorverdächtiger Pakistans Polizei nimmt Hamburger Islamisten fest

Es sieht nach einem wichtigen Polizeierfolg aus: Bei dem von pakistanischen Behörden festgenommenen Deutschen handelt es sich offenbar um den Hamburger Islamisten Rami M. Er galt zeitweise als Kopf einer radikalen Gruppe, die in derselben Moschee verkehrte wie die 9/11-Attentäter.

AFP

Von Yassin Musharbash, und


Islamabad/Berlin - Die Tarnung war gut: Ein Fahrer, ein sieben Jahre altes Mädchen und drei in weiße Burkas gehüllte Frauen saßen in dem alten Kleinlaster, der sich am Montagvormittag gegen elf Uhr Ortszeit einem Checkpoint der pakistanischen Polizei nahe der Stadt Bannu im Nordwesten des Landes näherte. Familien werden normalerweise nicht angehalten, und genau das dürfte das Kalkül der Insassen gewesen sein.

Doch in diesem Fall schlug der Plan fehl. Der Grund, der das Misstrauen eines jungen Polizisten erregte, war so simpel wie naheliegend: Eine der drei Frauen war außergewöhnlich groß - so groß, dass sie mit dem Kopf beinahe an das Innendach stieß. Der Polizist ließ den Wagen anhalten und kontrollieren. Die Passagiere protestierten: Es sei gegen die Regeln, Frauen zu überprüfen. Doch die Beamten blieben hart - und wurden fündig: Die ungewöhnlich große Frau entpuppte sich als Mann. Und in dem Fahrzeug waren zwei Kalaschnikow-Sturmgewehre versteckt.

Der Mann, der sich unter der Burka versteckt hatte, gab wenig später an, dass er Deutscher sei. Papiere hatte er zwar nicht dabei. Pakistanischen Angaben zufolge soll es sich aber um Rami M. handeln, einen Islamisten aus Hamburg. Deutsche Sicherheitsbehörden prüfen diese Angaben derzeit und halten sie für plausibel, eine Bestätigung steht aber noch aus - auch wenn sein Reisepass mittlerweile aufgetaucht sein soll.

Rami M. hatte Deutschland bereits im März 2009 verlassen - seine mutmaßliche Absicht: der bewaffnete Kampf gegen die "Ungläubigen" im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet.

Rami M. befindet sich in der Hand des pakistanischen Geheimdienstes

Nach Angaben der pakistanischen Polizei ist Rami M.s linkes Bein gebrochen. Als vermutliche Ursache gilt allerdings eher ein Unfall als Gewalteinwirkung. Die Behörden vermuten, dass er auf dem Weg in ein Krankenhaus in einer größeren Stadt war, um sich behandeln zu lassen.

Die festgenommenen Passagiere befinden sich nun offenbar in den Händen des pakistanischen Geheimdienstes ISI, wahrscheinlich in Peschawar. In Pakistan heißt es, ihre Reise habe in der Nähe der Stadt Mir Ali in der Unruheprovinz Nordwaziristan begonnen, die als Einflussgebiet dschihadistischer Gruppen gilt.

Der 25-jährige Deutsch-Syrer M. galt in Deutschland als Kopf einer Gruppe radikaler Islamisten, die sich in Hamburg im Umfeld der Taiba-Moschee gesammelt hatte - der ehemaligen Al-Quds-Moschee, in der auch die Attentäter vom 11. September verkehrt hatten. Die jungen Männer trafen sich jeden Freitag in der Moschee, manchmal auch in einer Wohnung, und sprachen viel über Pakistan und Afghanistan. Bis dahin war Rami eher durch Kleinkriminalität als durch politischen Fanatismus aufgefallen. Im März 2007 etwa erwischten ihn die Behörden, als er bekifft mit seinem Auto durch Darmstadt fuhr.

Auch Bekannte von M. reisten nach Pakistan

Anfang März 2009 war Rami plötzlich weg, ein dichter Bart bedeckte jetzt sein markantes Gesicht. Ein paar Tage nach seinem Verschwinden meldete er sich in Deutschland und sagte, er sei inzwischen in Pakistan. Seitdem stuft ihn die Polizei als "Gefährder" ein und warnt, er sei womöglich bewaffnet.

Zur gleichen Zeit verließen mehrere seiner Freunde Hamburg, darunter zwei Männer mit ihren Ehefrauen, die mit One-Way-Tickets über Katar nach Peschawar flogen und von denen die Ermittler annehmen, dass sie bis kurz vor Rami M.s Festnahme mit ihm zusammenlebten.

Zwei weitere Bekannte von Rami, die Aussiedler Alexander J. und Michael W., die sich ebenfalls im März 2009 auf den Weg gemacht hatten, waren dagegen an den pakistanischen Grenzkontrollen gescheitert und wurden nach mehrwöchiger Haft wieder nach Hamburg zurückgeschickt (SPIEGEL 14/2010). Inzwischen ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen die Gruppe wegen des Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung.

Rami M. ist somit mutmaßlich einer von mehreren Dutzend Dschihadisten, die Deutschland in den vergangenen Jahren verlassen haben, um im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet zu leben - und manchmal auch, um dort zu kämpfen und zu sterben. Inzwischen existieren dort mehrere regelrechte Kolonien deutscher Kämpfer, die in manchen Fällen auch Frauen und Kinder mitgenommen haben.

Die Liste deutscher Dschihadisten bei verschiedenen militanten Gruppen in der Region ist beeindruckend (siehe auch Fotostrecke oben):

  • In Mir Ali absolvierten schon die verurteilten Terroristen der Sauerland-Gruppe ihre paramilitärische Ausbildung, bevor sie von der "Islamischen Dschihad-Union" (IJU) nach Deutschland zurückbeordert wurden, um hier Anschläge zu planen. Fritz Gelowicz und Co. rekrutierten ihrerseits weitere Kämpfer, die später von der IJU ausgebildet wurden. Einer starb im Gefecht, ein weiterer als Selbstmordattentäter.
  • Zuletzt wurde vor wenigen Wochen bekannt, dass der Saarländer Eric Breininger nahe Mir Ali von pakistanischen Soldaten erschossen wurde.
  • Parallel gelangten andere Reisegruppen aus Deutschland zur Islamischen Bewegung Usbekistan (IBU), wie die IJU eine ursprünglich usbekische Gruppe, die aber seit Jahren ihre Zentrale ebenfalls im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet unterhält. Die Brüder Mounir und Yassin C. aus Bonn beispielsweise tauchen regelmäßig in IBU-Botschaften auf, ein deutscher IBU-Kämpfer starb im Herbst 2009 im Gefecht mit pakistanischen Soldaten, seine Witwe hält sich mutmaßlich noch in Waziristan auf.
  • Schließlich gibt es seit Herbst 2009 eine Gruppe, die sich "Deutsche Taliban Mudschahidin" nennt und aus mindestens einem halben Dutzend deutscher Dschihadisten besteht, die angeben, unter dem Kommando der afghanischen Taliban gegen die afghanische und die US-Armee zu kämpfen.
  • Mit dem Bonner Bekkay Harrach hält sich zudem mindestens ein aus Deutschland stammender Extremist bei al-Qaida auf.

Sollte sich die Festnahme von Rami M. bestätigen, könnte sie den deutschen Sicherheitsbehörden zu neuen und vor allem aktuellen Erkenntnissen über die Szene der deutschen Dschihadisten im Krisengebiet verhelfen - vorausgesetzt, er kooperiert.

Bis jetzt sind die Geständnisse der Sauerland-Gruppe und die hinterlassenen Memoiren des Eric Breininger die ergiebigsten Quellen. Rami M. könnte vermutlich auch berichten, wie ernst die Lage für die deutschen Dschihadisten-Kolonien in Waziristan ist. Immer wieder kursieren in der Szene Gerüchte und unbestätigte Meldungen, dass die pakistanische Armee und die Drohnen der CIA die ausländischen Kämpfer am Hindukusch ernsthaft bedrohen. Ob sich Rami M. einer dieser Gruppen angeschlossen haben könnte - und wenn ja, welcher -, ist allerdings noch unklar.

Mitarbeit: Sohail Nasir

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hausmeister hempel 22.06.2010
1. Staatsbürgerschaft hat nix mit ethnischer Bindung zu tun!
Zitat von sysopEs sieht nach einem wichtigen Polizeierfolg aus: Bei dem von pakistanischen Behörden festgenommenen Deutschen handelt es sich offenbar um den Hamburger Islamisten Rami M. Er galt zeitweise als Kopf einer Gruppe radikaler Islamisten, die in derselben Moschee verkehrte wie die 9/11-Attentäter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,702091,00.html
Warum Deutscher bzw. Deutsch-Syrer, wie im Artikel geschrieben? An der französichen Fußball-Nationalmannnschaft sieht man doch auch, dass die Aushändigung eines Passes bzw. einer Staatsbürgerschaft nicht die natürlichen ethnischen Bindungen aufheben kann. Warum betrügt man sich nur selbst?
ernstjüngerfan 22.06.2010
2. Der Pass schaftt Identität
Zitat von sysopEs sieht nach einem wichtigen Polizeierfolg aus: Bei dem von pakistanischen Behörden festgenommenen Deutschen handelt es sich offenbar um den Hamburger Islamisten Rami M. Er galt zeitweise als Kopf einer Gruppe radikaler Islamisten, die in derselben Moschee verkehrte wie die 9/11-Attentäter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,702091,00.html
Bitte werfen Sie doch diesen als "Deutschen" bezeichneten Rami M. (man traut sich ja nicht mal den vollen Namen zu nennen)nicht mit den als berechtigt deutsch geltenden Deutschen in einen Topf, nur weil man diesem Terrortypen den deutschen Pass nachgeschmissen hat.
Wattläufer 22.06.2010
3. "Deutscher" Terrorrist ?
Zitat von sysopEs sieht nach einem wichtigen Polizeierfolg aus: Bei dem von pakistanischen Behörden festgenommenen Deutschen handelt es sich offenbar um den Hamburger Islamisten Rami M. Er galt zeitweise als Kopf einer Gruppe radikaler Islamisten, die in derselben Moschee verkehrte wie die 9/11-Attentäter. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,702091,00.html
Ist der Terrorrist nur deshalb ein "Deutscher" um ihn der deutschen Weichei-Gerichtsbarkeit gegenüberstellen zu können ? Ich "empfehle" Hamburg als Gerichtsort. Der links-liberale GAL-Justizsenator ( also eine Steigerung von "grün" )sorgt sich in Anbetracht der bevorstehenden Justizministerkonferenz der Länder lieber um die Frauenquote in DAX-Firmen als um die überbordende Jugendkriminalität und die täglichen Autobrände. Außerdem hocken die anderen, finsteren Rauschebärte auch hier. Also zurück nach Hamburg mit ihm. Kostet auch wieder richtig viel Steuerzahler Geld wie bei den Piraten und anschließend gibt es lecker Hartz IV, eine schöne Wohnung, Familiennachzug und Unterstüzung durch die 'Leitstelle Integration'.
lisa simpson 22.06.2010
4. Erstmal nett
Ein schöner Erfolg der pakistanischen Polizei. Der weitere Vorgang der Angelegenheit wird allerdings unschön. Nicht für den Syrer. (sorry, deutsch-Syrer) Sondern für die, gegen die er kämpft. Uns. Die für ihre sehr schlechten Haftbedingungen bekannten pakistanischen Gefängnisse wird er wohl nur kurz von innen sehen. Die Bundesregierung wird sich unverzüglich für seine Auslieferung einsetzen. Er wollte zwar für den Islam kämpfen und gegen den Westen, aber nun bekommt er alle Vorteile einer aufgeklärten Gesellschaft. Auf unsere Kosten. Bitte, lasst den man in Pakistan.
arrow64 22.06.2010
5. -
Zitat von ernstjüngerfanBitte werfen Sie doch diesen als "Deutschen" bezeichneten Rami M. (man traut sich ja nicht mal den vollen Namen zu nennen)nicht mit den als berechtigt deutsch geltenden Deutschen in einen Topf, nur weil man diesem Terrortypen den deutschen Pass nachgeschmissen hat.
Interessantes Gedankenspiel: "Rami M." macht hier einen Anschlag(sversuch). Interessant, wie dieser dann in der Kriminalstatistik zugeordnet wird: Nicht nach seiner ursprünglichen Nationalität, sondern so als ob ein Deutscher die Tat begangen hätte! Ich zitiere hierzu auch mal (m)einen Beitrag aus einem anderen Thread: http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=5514498&postcount=93
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