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Terrorverfahren in New York: 9/11-Prozess stellt US-Justiz auf ihre größte Probe

Von , New York

Die US-Justiz steht im Jahrhundertprozess gegen die Drahtzieher des 11. September vor einer gigantischen Herausforderung. Justizminister Holder muss ein faires Verfahren gegen die meistgehassten Männer der USA organisieren - und könnte sogar Gefahr laufen, dass die Angeklagten freigesprochen werden.

Abrechnung: Prozess gegen die 9/11-Drahtzieher Fotos
AFP

New York - Das Moynihan Courthouse in Manhattan ist nicht nur den New Yorkern bestens bekannt. Das größte Gerichtsgebäude Amerikas, hiesiger Bezirkssitz des US-Bundesgerichts, hat schon viele schlagzeilenträchtige Angeklagte durch seine Gänge marschieren sehen: Mafia-Bosse (John "Junior" Gotti), Megaschwindler (Bernard Madoff), Killer-Cops (Louis Eppolito und Stephen Caracappa), Rap-Stars (Foxy Brown).

Auch dieser Tage haben die Richter gut zu tun. In Saal 17D wird gerade der Prozess gegen Raj Rajaratnam vorverhandelt, angeklagt im größten Insider-Skandal der Wall Street. In 14D kämpft Graffitikünstler Shepard Fairey um die Rechte an seinem ikonischen Obama-Poster. 20D rüstet sich für den ersten Piratenprozess der USA gegen einen somalischen Teenager.

Doch was jetzt auf diese juristische Trutzburg zukommt, stellt alles in den Schatten. Nur wenige hundert Meter von Ground Zero entfernt sollen hier nun also die mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge des 11. September 2001 vor Gericht kommen: fünf Qaida-Schergen, die derzeit noch in Guantanamo Bay sitzen - allen voran Chalid Scheich Mohammed, der selbsternannte 9/11-"Mastermind".

Das oft bemühte Wort Jahrhundertprozess trifft sicher zu in diesem Fall, der vor Symbolik strotzt. Die meistgehassten Männer der USA, gemeinsam auf einer öffentlichen Anklagebank - ausgerechnet hier, am Foley Square. Denn an jenem Terrortag erstickte auch diese Gerichtsfestung in der Schutt- und Giftwolke, die die Südspitze Manhattans verschluckte, als ein paar Straßen weiter die Twin Towers fielen.

Doch auch eine weniger emotionale Kulisse würde es nicht ändern: Für US-Präsident Barack Obama und seinen Justizminister Eric Holder birgt dieses Präzedenzverfahren enorme Risiken - logistisch, juristisch, politisch. Und die Folter, der Mohammed unterzogen wurde, scheint dabei nur das geringste der Probleme.

Hinterbliebene fordern Militärtribunal

"Unter diesen Umständen einen fairen Prozess zustande zu bringen", orakelte der frühere Staatsanwalt und Justizexperte Jeffrey Toobin auf CNN, "wird die größte Herausforderung in der Geschichte der US-Rechtssprechung."

Eine Herausforderung, an der Obama und Holder aber nicht vorbeikamen. Am Ende hatten sie keine Wahl, als die Angeklagten an den Tatort zurückzubringen. Nicht nur, weil das der einzige Weg ist, Guantanamo Bay eines Tages tatsächlich zu schließen, sondern allein aus Rechtsstaatsprinzipien: "Es ist ein fundamentaler Grundsatz der amerikanischen Jurisprudenz", sagte Holder, "dass Straftaten da verhandelt werden, wo sie sich ereigneten."

Dieses Prinzip war das Hauptargument dafür, die fünf Männer nicht vor ein Militärgericht, sondern vor ein ziviles Strafgericht zu stellen - vor den Augen der Welt. Die Entscheidung, freute sich Anthony Romero, der Exekutivdirektor der US-Bürgerrechtsorganisation ACLU, sei ein "riesiger Sieg" fürs amerikanische Justizwesen - und das internationale Ansehen der USA.

Holders Prämisse, dass 9/11 ein krimineller Akt gewesen sei, kein Akt des Krieges, ist aber bis heute eine Streitfrage. "Wir sind enttäuscht und, ehrlich gesagt, empört", sagte Ed Kowalski, der Chef der Hinterbliebenengruppe 9/11 Families for a Secure America, SPIEGEL ONLINE. "Kriegsverbrecher" gehörten vor ein Militärgericht, sie verdienten keinen schönen, zivilen Rechtsschutz. Das böte ihnen nur eine Bühne, ihre "dschihadistischen" Tiraden zu "speien", und "die Möglichkeit zu legalen Manövern" - schlimmstenfalls Freispruch.

"Wir freuen uns sehr", sagte dagegen Donna Marsh O'Connor, die an 9/11 ihre Tochter verlor. "Wir haben lange genug gewartet", stimmte Jim Riches zu, der frühere Vizechef der New Yorker Feuerwehr, der die Leiche seines Sohnes Jimmy erst sechs Monate später mit eigenen Händen aus der Trümmergrube barg. "Lasst sie uns vor Gericht stellen und verurteilen und die Sache hinter uns bringen."

Mohammed tritt pervers-charismatisch auf

Die gespaltene Reaktion der 9/11-Familien zeigt, wie vertrackt dieser Fall ist. Auch wenn das US-Bundesgericht hier schon so manchen Terrorprozess erfolgreich absolviert hat - etwa gegen die Hintermänner des ersten Anschlags auf das World Trade Center 1993, namentlich Omar Abd el-Rahman, den "blinden Scheich", und Ramsi Yousef, einen Neffen Mohammeds.

Diesmal aber sind die Umstände unendlich komplexer. Allein die Frage, wie die Justiz mit der astronomischen Menge an Beweismaterial umgehen wird - zumal der Großteil entweder bis heute geheim ist oder unter dubiosen Umständen erpresst wurde. Sprich: Folter.

So soll Mohammed 183-mal der grausamen Prozedur des "Waterboardings" ausgesetzt worden sein - eine Erblast, die Obama seinem Vorgänger George W. Bush verdankt. Jeder Verteidiger dürfte das thematisieren, die Chance nicht verstreichen lassen, den Prozess zur Abrechnung mit der Ära Bush zu machen.

"Es wird sich nur darum drehen, wie sie gefoltert wurden", fürchtet 9/11-Aktivistin Debra Burlingame, deren Bruder Charles damals einer der Flugzeugpiloten war. "Die Anwälte werden diese Kerle zu Opfern stilisieren."

Hinzu kommt das zynische, pervers-charismatische Auftreten Mohammeds, das er schon zur Schau stellte, als er damit prahlte, die 9/11-Anschläge inszeniert und den "Wall Street Journal"-Reporter Daniel Pearl höchstpersönlich enthauptet zu haben. Wobei New Yorks Richter dafür berüchtigt sind, ihre Gerichtssäle mit stählerner Hand zu führen und keinen "Affenzirkus" (Burlingame) zuzulassen.

Wahrscheinlich noch ein Jahr bis zum Prozessbeginn

Holder gab sich gelassen: "Welchem Richter auch immer dieser Fall zufällt, er wird die Würde des Verfahrens wahren." Auch hätte die Anklage genügend Belastungsmaterial, "das der Öffentlichkeit noch nicht bekannt ist", um die Fünf auch völlig ohne Rückgriff auf die Folteraussagen zu verurteilen. "Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass wir Erfolg haben werden."

Der Prozess wird öffentlich sein, wenn auch, wie bei New Yorker Gerichten üblich, wohl nicht live im TV übertragen werden. Wegen des erwarteten Massenandrangs - dies ist eine Straftat mit fast 3000 Opfern - dürfte es mehrere "Overflow"-Säle geben, in denen die versammelten Angehörigen die Prozedur über Video verfolgen können. Schon warnen manche davor, dass New York damit verschärft ins Visier von Terroristen geraten könnte.

Einer, der davor keine Angst hat, ist der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg. Im Gegenteil: "Es gebührt sich, dass die 9/11- Verdächtigen nahe des einstigen World Trade Centers der Gerechtigkeit zugeführt werden."

Aber auch die Frage der Geschworenen wird schwierig. In New York müssen sich potentielle Geschworene einer länglichen Befragung unterziehen, um sicherzustellen, dass sie unbefangen sind. Doch welcher New Yorker ist bei 9/11 unbefangen? So werden sie gefragt, ob sie ein "persönliches Interesse an dem Fall" haben. Wer "Ja" antwortet, wird ausgesondert.

Schon wegen des logistischen und juristischen Vorlaufs dürfte es noch mindestens ein Jahr dauern, bis es zum Prozess kommt. Staatsanwälte aus Virginia - wo sich das zweite Terrorziel befindet, das Pentagon - werden assistieren. Da Minister Holder angekündigt hat, die Todesstrafe zu fordern, wird der Staat die Verteidigung bezahlen.

Persönliche Botschaft an die Hinterbliebenen

Trotzdem besteht tatsächlich die Chance, dass, wie Opferadvokat Kowalski befürchtet, die Angeklagten freigesprochen werden - wegen eines Verfahrensfehlers, einer Formsache, einer uneinigen Jury. Selbst Holder wollte das nicht ausschließen. "Was passiert dann?", fragte Jeff Toobin. "Wird Scheich Mohammed dann die Gerichtsstufen herunterschreiten?"

Sollte der Prozess derart schiefgehen oder im "Chaos" versinken, wie es der republikanische Senator Lindsey Graham prophezeit, würde die politische Last einzig auf Obama fallen. Auch ist zu bezweifeln, dass die Verfrachtung Mohammeds und der anderen ins Manhattan Correctional Centre - das als "The Tombs" (die Katakomben) bekannte Zentralgefängnis hier - die Schließung Guantanamos beschleunigt.

Schon versuchen die Republikaner, die Sache politisch auszuschlachten. Die Regierung handele "unverantwortlich", knicke vor "linksliberalen Interessengruppen" ein, erklärte John Boehner, der Republikanerchef im Repräsentantenhaus. Frank Gaffney, Starkolumnist der konservativen "Washington Times", sagte voraus, Mohammed werde ein "Rockstar im Strafvollzugssystem" werden.

In einer persönlichen Botschaft an die 9/11-Hinterbliebenen versuchte Holder die Wogen am Freitag zu glätten. Darin bat er auch um Nachsicht dafür, dass die mutmaßlichen Attentäter erst so spät zur Rechenschaft gezogen würden: "Die Gerechtigkeit ist zu lange aufgeschoben worden." Das Ministerium werde die Familien "sehr bald" über ihre Rechte während des Verfahrens informieren.

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Forum - Top-Terroristen vor Gericht - faires Verfahren?
insgesamt 692 Beiträge
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1. Faires Verfahren
mm01 13.11.2009
Zitat von sysopIn New York werden fünf Drahtzieher der Anschläge vom 11. September vor Gericht gestellt, vermutlich live im TV übertragen. US-Behörden kann das Verfahren in Bedrängnis bringen - wenn die Angeklagten über die CIA-Folter aussagen. Wie sehen Sie die Chancen auf ein faires Verfahren?
Hatten die Opfer jemals die Chance auf ein "faires" Verfahren ?
2. -
semper fi, 13.11.2009
Zitat von sysopIn New York werden fünf Drahtzieher der Anschläge vom 11. September vor Gericht gestellt, vermutlich live im TV übertragen. US-Behörden kann das Verfahren in Bedrängnis bringen - wenn die Angeklagten über die CIA-Folter aussagen. Wie sehen Sie die Chancen auf ein faires Verfahren?
Aus Sicht der Angeklagten: 100%. Aus Sichr der Strafverfolgung: 50%.
3.
Interessierter0815 13.11.2009
Zitat von mm01Hatten die Opfer jemals die Chance auf ein "faires" Verfahren ?
Es geht hier um die Schuld oder Unschlud der Angeklagten! Also was soll so ein sinnfreier Beitrag? Was, wenn diejenigen nicht die Schuldigen sind und nur unter extremer Folter sich bekannt haben? Schon bitter für so eine "Demokratie" wie der USA.
4.
matthias51 13.11.2009
Zitat von mm01Hatten die Opfer jemals die Chance auf ein "faires" Verfahren ?
Das Unterscheidungsmerkmal zwischen Rechts- und Unrechtsstaaten ist eben, daß der Rechsstaat sich an seine eigenen Gesetze hält und der Unrechtsstaat eben nicht. Ein Staat der foltert ist ein Unrechtsstaat. So einfach ist das.
5.
Jay's, 13.11.2009
Zitat von sysopIn New York werden fünf Drahtzieher der Anschläge vom 11. September vor Gericht gestellt, vermutlich live im TV übertragen. US-Behörden kann das Verfahren in Bedrängnis bringen - wenn die Angeklagten über die CIA-Folter aussagen. Wie sehen Sie die Chancen auf ein faires Verfahren?
Schlecht, da es unmoeglich sein wird, eine unabhaengige Jury zu finden. Was die CIA Folter angeht, das war unter Bush also unter einer anderen Regierung. Das kann von der Obama Regierung genutzt werde, um endlich mit Bush abzurechnen.
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"Gitmo-Five": Die mutmaßlichen Drahtzieher vom 11. September

Wegen der Anschläge vom 11. September vor Gericht
Chalid Scheich Mohammed
dpa
Der Mann, einst "Nummer drei" im Terrornetzwerk al-Qaida, gilt als Drahtzieher der Anschläge. "Ich war verantwortlich für die Planung der Operationen von A bis Z", soll er 2007 nach Angaben des Pentagons gestanden haben. Kritiker zweifeln die Aussagekraft der Geständnisse allerdings an und verweisen auf Berichte, nach denen Mohammed gefoltert wurde. Der Angeklagte kam 1964 oder 1965 auf die Welt und wuchs in Kuwait auf, sein Vater soll aus der pakistanischen Provinz Belutschistan stammen. In den achtziger Jahren studierte er in den USA, wo er angeblich einen Abschluss als Ingenieur erwarb. mehr auf der Themenseite...
Ramzi Binalshibh
AP

Der heute 36-jährige Jemenit wohnte in Hamburg zusammen mit Mohammed Atta, dem Anführer der Todespiloten vom 11. September, und gilt als einer seiner engsten Vertrauten. In der Hamburger Terrorzelle soll Binalshibh als Organisator und "Bankier" gewirkt haben. Nach Überzeugung der US-Regierung ist er einer der Mitverschwörer der Terroranschläge. Angeblich sollte er ursprünglich bei den Flugzeugentführungen dabei sein, bekam aber kein Visum für die USA. mehr auf der Themenseite...

Ali Abd al-Asis Ali
AP

Der in Kuwait aufgewachsene Mann soll die Flugzeugattentäter mit Geld versorgt haben. Er ist mit Scheich Mohammed und dem Drahtzieher des Anschlags von 1993 auf das World Trade Center, Ramsi Ahmed Jussuf, verwandt. Jussuf war im November 1997 zu einer Freiheitsstrafe von 240 Jahren verurteilt worden.

Mustafa Ahmed al-Hawsawi
DPA

Der Saudi-Araber soll den Flugzeugterroristen Geld beschafft haben - und kurz nach den Anschlägen unter anderem Qaida-Chef Osama bin Laden getroffen haben. Er sagte im Prozess gegen den Franzosen Zacarias Moussaoui aus, der im Mai 2006 als Mitverschwörer der Anschläge vom September 2001 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war.

Walid bin Attasch
AP

Die Anklage wirft ihm vor, die Todespiloten unterstützt und in direktem Kontakt mit ihnen gestanden zu haben. Der Guantanamo-Häftling hat nach Angaben des Pentagons vom März 2007 die Planung des Anschlags auf das US-Kriegsschiff "USS Cole" im Oktober 2000 im Jemen zugegeben, bei dem 17 US-Soldaten getötet wurden. Zudem soll er seine Beteiligung an den Terrorangriffen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998 mit 230 Toten gestanden haben. Angeblich unterstützte Attasch die Attentäter unter anderem mit gefälschten Stempeln und Visa. Es heißt außerdem, er sei zeitweise Leibwächter von Osama Bin Laden gewesen.

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11. September 2001: Der Tag des Schreckens

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"An den Rand des Todes und zurück" - Folterberichte
Abu Subeida
AP
Abu Subeida, ein mutmaßlich enger Vertrauer von Osama Bin Laden, wurde im März 2002 in Pakistan gefasst und dabei schwer verletzt. Die CIA sorgte dem Bericht zufolge ausdrücklich dafür, dass er gesundgepflegt wurde - nur um ihn dann foltern zu können. Dazu sei er zwischen mehreren CIA-Lagern hin- und hertransportiert worden.

"Ich erwachte, nackt, an ein Bett gefesselt, in einem sehr weißen Raum. Der Raum maß ungefähr vier mal vier Meter. (...) Nach einiger Zeit, ich glaube, dass es mehrere Tage waren, wurde ich zu einem Stuhl gebracht, an den ich an Händen und Füßen gekettet wurde, für die nächsten zwei bis drei Wochen, glaube ich. In der Zeit bekam ich durch das dauerhafte Sitzen Blasen an der Unterseite meiner Beine. (...) In den ersten zwei oder drei Wochen bekam ich, während ich auf dem Stuhl saß, keine feste Nahrung. Mir wurde nur Ensure (ein Proteingetränk, Anm.d.Red.) und Wasser zu trinken gegeben. Anfangs musste ich mich von dem Ensure übergeben, aber das wurde mit der Zeit besser. (...) Die Zelle und der Raum waren klimatisiert und sehr kalt. Die ganze Zeit spielte sehr laute Brüllmusik. Sie wiederholte sich alle 15 Minuten, 24 Stunden am Tag. Manchmal stoppte die Musik und wurde von lautem Zischen oder Knattern abgelöst. (...) Zwei schwarze Holzkisten wurden in den Raum außerhalb meiner Zelle gebracht. Eine war hoch, etwas größer als ich und schmal. (...) Die andere war kleiner. (...) Ich wurde aus meiner Zelle geholt, und einer der Vernehmenden wickelte ein Handtuch um meinen Hals, und dann benutzten sie das, um mich herumzuschleudern und mich wiederholt gegen die harte Wand des Raums zu schmettern. Auch wurde ich wiederholt ins Gesicht geschlagen. (...) Dann wurde ich in die große Kiste gesteckt, ich glaube für rund eine bis eineinhalb Stunden. Die Kiste war innen und außen total schwarz. (...) Sie bedeckten die Außenseite der Kiste mit einem schwarzen Tuch, um das Licht zu verdunkeln und meine Luftzufuhr zu drosseln. Es war schwer zu atmen. (...) Nach dem Verprügeln wurde ich in die kleine Kiste gesteckt. (...) Da sie nicht hoch genug war, um aufrecht zu sitzen, musste ich mich zusammenkrümmen. Wegen meiner Wunden war das sehr schwer. (...) Die Wunde an meinem Bein öffnete sich und begann zu bluten. Ich weiß nicht, wie lange ich in der kleinen Kiste blieb, ich bin vielleicht eingeschlafen oder ohnmächtig geworden. (...) Dann wurde ich aus der kleinen Kiste gezerrt, ohne dass ich ordentlich laufen konnte, und auf etwas geschnallt, was wie ein Krankenhausbett aussah, und mit engen Gurten sehr eng daran gefesselt. Ein schwarzes Tuch wurde über mein Gesicht gepresst, und die Vernehmer nahmen eine Mineralwasserflasche, um Wasser auf das Tuch zu kippen, so dass ich nicht atmen konnte. Nach ein paar Minuten wurde das Tuch weggenommen und das Bett in eine aufrechte Position gedreht. Der Druck der Gurte auf meine Wunden tat sehr weh. Ich erbrach mich. Dann wurde das Bett wieder in eine horizontale Position gedreht und die gleiche Folter wiederholt, mit dem schwarzen Tuch über meinem Gesicht und dem Wasser aus der Flasche. Diesmal hing mein Kopf mehr in einer rückwärtigen, nach unten gerichteten Position, und das Wasser wurde länger ausgeschüttet. Ich kämpfte mit den Gurten, versuchte zu atmen, doch es war hoffnungslos. Ich dachte, ich würde sterben. Ich verlor die Kontrolle über mein Urin. Seitdem verliere ich auch heute noch die Kontrolle über mein Urin, wenn ich unter Stress stehe. (...) Das dauerte etwa eine Woche. In der Zeit wurde die ganze Prozedur fünfmal wiederholt. (...) Einmal wurde das Ersticken dreimal hintereinander wiederholt. (...) Mehrmals brach ich dabei zusammen und verlor das Bewusstsein. Dann wurde die Folter durch die Intervention eines Arztes gestoppt."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"
Walid bin Attasch
AP
Dem Jemeniten Walid bin Attasch wird vorgeworfen, in die Terroranschläge auf zwei US-Botschaften in Afrika 1998 und den US-Zerstörer "USS Cole" (2000) verwickelt und Osama Bin Ladens Leibwächter gewesen zu sein. Auch soll er mehrere der 9/11-Terroristen trainiert haben. Er wurde 2003 in Karachi gefasst. Attasch verlor 1997 das rechte Bein und trägt eine Prothese. Sein erstes Folterlager befand sich dem ICRC zufolge in Afghanisten.

"Die nächsten zwei Wochen war ich nackt. (...) Ich wurde in einer stehenden Position gehalten, Füße flach am Boden, aber mit meinen Armen über meinem Kopf und mit Handschellen und einer Kette an einer Metallstange befestigt, die quer durch die Zelle lief. Die Zelle war dunkel, ohne künstliches oder natürliches Licht. (...) In den ersten zwei Wochen bekam ich nichts zu essen. Ich bekam nur Ensure (ein Proteingetränk, Anm.d.Red.) und Wasser zu trinken. Ein Wärter kam jedesmal und hielt die Flasche, während ich trank. (...) Die Toilette bestand aus einem Eimer in der Zelle. (...) Mir war nicht erlaubt, mich zu säubern, nachdem ich den Eimer benutzt hatte. Während der drei Wochen, die ich dort verbrachte, spielte 24 Stunden am Tag laute Musik. (...) Nachdem ich einige Tage in dieser Position verbracht hatte, begann mein Beinstumpf zu schmerzen, weshalb ich meine Prothese entfernte, um die Schmerzen zu lindern. Daraufhin begann natürlich mein gutes Bein wehzutun und bald einzuknicken, so dass ich mit meinem ganzen Gewicht an meinen Handgelenken hing. Ich rief um Hilfe, aber anfangs kam keiner. Schließlich, nach einer Stunde, kam ein Wärter, und mir wurde meine Prothese zurückgegeben, und ich wurde abermals in die stehende Position gebracht, mit meinen Händen über meinem Kopf. Danach nahmen mir die Vernehmer manchmal absichtlich mein künstliches Bein ab, um der Position noch mehr Stress zu verleihen. (...) Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie lange sie mich so stehen ließen, aber ich glaube, es waren etwa zehn Tage. (...) Während ich so stand, musste ich eine Windel tragen. Manchmal wurde die Windel aber nicht erneuert, weshalb ich mich dann selbst beschmutzte, wenn ich urinierte oder Stuhlgang hatte. Jeden Tag wurde ich mit kaltem Wasser abgespritzt. (...) In den ersten zwei Wochen wurde mir auch jeden Tag eine Schlinge um den Hals gelegt und dann dazu beutzt, um mich gegen die Wände des Verhörraums zu schmettern. (...) In den ersten zwei Wochen wurde ich ebenfalls jeden Tag auf auf eine Plastikplane auf den Boden gelegt, die dann an den Rändern hochgehoben wurde. Kaltes Wasser wurde mit Eimern über meinen Körper geschüttet. (...) Dann wurde ich mit dem kalten Wasser für mehrere Minuten in die Plane gewickelt. Danach wurde ich zum Verhör gebracht."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"
Chalid Scheich Mohammed
DPA
Chalid Scheich Mohammed gilt als Chefplaner der 9/11-Anschläge. Er wurde im März 2003 im pakistanischen Rawalpindi gefasst. Von dort aus wurde er dem ICRC zufolge erst nach Afghanistan gebracht und später womöglich auch nach Polen. Seine Folter erbrachte nach Angaben des damaligen Präsidenten George W. Bush wichtige Informationen über geplante Terrorakte - eine Behauptung, die jedoch von Experten bezweifelt wird.

"Ich wurde in einen anderen Raum gebracht, wo ich gezwungen wurde, während der Befragung etwa zwei Stunden lang auf Zehenspitzen zu stehen. Etwa 13 Personen waren in dem Raum. Darunter befanden sich der Chef-Vernehmer (ein Mann) und zwei weibliche Vernehmer, außerdem rund zehn Muskelmänner, die Masken trugen. Ich glaube, dass alle Amerikaner waren. Ab und zu schlug mich einer der Muskelmänner in den Brustkorb und in den Magen. (...) Für etwa 40 Minuten wurde ich mit kaltem Wasser aus Eimern überschüttet. Nicht durchgehend, da es Zeit kostete, die Eimer neu zu füllen. Danach wurde ich in den Verhörraum zurückgebracht. Einmal wurde mir während des Verhörs Wasser zum Trinken angeboten, als ich es verweigerte, wurde ich erneut in einen anderen Raum gebracht, wo ich auf den Boden gezwungen wurde, während mich drei Personen festhielten. Ein Schlauch wurde in meinen Anus eingeführt und Wasser hineingeleitet. Danach wollte ich die Toilette benutzen, weil ich das Gefühl hatte, ich hätte Durchfall. Zugang zur Toilette wurde aber erst vier Stunden später gewährt, als sie mir einen Eimer gaben. Jedesmal, wenn ich in meine Zelle zurückgebracht wurde, wurde ich in der Stehposition gehalten, mit meinen Händen in Handschellen und an die Stange über meinem Kopf gekettet. (...) Wenn sie den Eindruck hatten, dass ich nicht kooperiere, wurde ich an eine Wand gestellt und in Oberkörper, Kopf und Gesicht geboxt und geschlagen. (...) Die Prügel und der Einsatz des kalten Wassers geschah im ersten Monat jeden Tag. (...) Ich wurde an ein spezielles Bett gefesselt, das in eine vertikale Position gedreht werden konnte. Ein Tuch wurde auf mein Gesicht gelegt. Kaltes Wasser aus einer Flasche, die in einem Kühlschrank aufbewahrt worden war, wurde dann von einem Wärter auf das Tuch gegossen, so dass ich nicht atmen konnte. (...) Die Prügel wurden schlimmer, und die Wachen richteten kaltes Wasser aus einem Schlauch auf mich, während ich noch in meiner Zelle war. Der schlimmste Tag war, als ich von einem der Vernehmer rund eineinhalb Stunden lang zusammengeschlagen wurde. Mein Kopf wurde so hart gegen die Wand geschleudert, dass er zu bluten begann. (...) Die Folter an dem Tag wurde schließlich durch die Intervention eines Arztes gestoppt. (...) Sie benutzen nie das Wort 'Folter' und sprachen nie von 'physischem Druck', nur davon, es mir 'schwerzumachen'. Ich wurde nie mit dem Tod bedroht, vielmehr wurde mir gesagt, dass sie nicht erlauben würden, dass ich sterbe, sondern dass sie mich 'an den Rand des Todes und wieder zurück' bringen würden."

Quelle: ICRC/Mark Danner/"New York Review of Books"

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