Teures Geschenk: Wie ein Arbeiter Putin seine Uhr abluchste

Von Moritz Gathmann, Moskau

Russlands Premier Wladimir Putin betreibt derzeit Imagepflege, reist durchs Land, verteilt Orden und spricht mit Arbeitern. Die demonstrierte Volksnähe hat ihn jetzt seine Luxusuhr gekostet: Das 11.000 Dollar teure Stück musste er einem Arbeiter als Souvenir überlassen.

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Dmitry Azarov / Kommersant

11.000-Dollar-Geschenk: Putin beschenkt einen Arbeiter mit seiner Luxusuhr

Lange schien es eine ganz gewöhnliche Visite von Wladimir Putin zu sein, wie man das seit vielen Jahren im Staatsfernsehen präsentiert bekommt. Putin, ehemals Präsident, seit 2008 vorübergehend Premierminister Russlands, steigt in der Stadt Tula, einige Hundert Kilometer südlich von Moskau, aus dem Hubschrauber, schüttelt die Hände des Gouverneurs, verteilt vor der lokalen Prominenz aus Wirtschaft und Politik Lob und Tadel.

Nach Plan verläuft auch der Besuch im "Konstruktionsbüro für Gerätebau" (KBP), einem der größten russischen Rüstungsbetriebe: Putin nimmt eine futuristisch anmutende Pistole in die Hand, zielt und drückt mit dem Zeigefinger den Abzug. Gleichzeitig drücken Dutzende Fotografen den Auslöser: Solche Bilder sind gut für die Umfragewerte des krisengeschüttelten Premierministers.

Dann kommt der Gang ins Volk: Putin palavert in einer Maschinenhalle mit einigen Dutzend handverlesener Arbeiter in Blaumännern. Es geht um die Renten, die Finanzkrise, auch "wie groß war der größte Fisch, den Sie je gefangen haben?" will ein Arbeiter wissen.

Und dann kommt der große Auftritt des Wiktor Sagajewski, einem hageren Mann um die 50, Schlosser in der Waffenschmiede KBP. "Vielleicht schenken Sie mir etwas zur Erinnerung? Ich hab zwei Söhne, einer davon ist bei der russischen Flotte", fragt Sagajewski von der Seite. Putin dreht sich um, hebt die Hände, um zu zeigen, dass er nichts dabei hat. "Was soll ich denn schenken?" Sagajewski schaltet blitzschnell, zeigt auf das rechte Handgelenk des Premiers: "Vielleicht die Uhr?"

Nach einem kurzen Schockmoment schüttelt der Premierminister verärgert mit dem Kopf, löst aber schließlich die Uhr vom Handgelenk und übergibt sie Sagajewski. "Hier, nehmen Sie. Die gleiche hab ich vor kurzem dem Sohn eines Hirten in Tuwa geschenkt. "

Die Episode hat es verständlicherweise nicht in die Abendnachrichten des Staatsfernsehens geschafft, wurde aber in einigen Zeitungen nacherzählt. Die Internetzeitung "gzt.ru" hat inzwischen herausgefunden, wie viel die Uhr kostet: Während Putin gegenüber Journalisten von 6000 Dollar gesprochen hatte, müsse man in Wirklichkeit in Moskau 11.000 Dollar für die einfachste Ausführung einer "Blancpain Leman Aqua Lung Grande Date" hinblättern.

In Internetforen feiern die Russen Sagajewski für seine Chuzpe, gleichzeitig diskutieren sie, inwiefern es ethisch vertretbar sei, dass der Premierminister eines krisengeschüttelten Landes seinen Reichtum derart zur Schau trägt.

Trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs der Putin-Jahre hat heute nach offiziellen Angaben des russischen Statistikamts jeder sechste Russe ein Einkommen unterhalb des Existenzminimums. 24,5 Millionen Menschen, eineinhalb Millionen mehr als 2008, haben im Monat weniger als 5083 Rubel (etwa 110 Euro) zur Verfügung. Das Durchschnittseinkommen beträgt heute 13.971 Rubel, das sind etwa 310 Euro.

In vielen Teilen Russlands ist die soziale Lage seit Beginn der Krise angespannt. Mehrfach in den vergangenen Monaten gingen Tausende Fabrikarbeiter in der Autostadt Toljatti auf die Straße: Der russische Autobauer "Avtovaz" hat vor einigen Tagen 5000 seiner 110.000 Arbeiter entlassen, bis Jahresende sollen insgesamt 36.000 Stellen abgebaut werden.

In den vergangenen Wochen ist Putin bemüht, sein Image bei den Bürgern des Landes zu verbessern und reist dafür vermehrt durchs Land. Manche Kommentatoren sehen darin sogar den Beginn des Wahlkampfes. Am Freitag hatte der 56-Jährige bei einem Treffen mit dem sogenannten "Waldaj-Club", einem Kreis handverlesener russischer und ausländischer Politologen und Journalisten, zum ersten Mal einen Hinweis darauf gegeben, dass er bei den russischen Präsidentschaftswahlen 2012 erneut antreten und Dmitrij Medwedew ablösen könnte. "Wir machen das untereinander aus. Wir finden schon eine Übereinkunft, denn wir sind vom selben Blut und haben die gleichen politischen Ansichten", sagte er auf eine Frage des Politologen Nikolaj Slobin nach seiner politischen Zukunft.

Wiktor Sagajewski ist mitsamt seiner neuen Uhr untergetaucht. "Er weiß selber nicht, warum er nach der Uhr gefragt hat," sagt Wladimir Morosow, Unternehmenssprecher von KBP, zu SPIEGEL ONLINE. Überhaupt kann Morosow die ganze Aufregung nicht verstehen. "Was machen Sie denn da für eine Sache draus?" wundert er sich. "Putin hat ihm seine Uhr geschenkt, na und?" Inzwischen sei Wiktor Sagajewski außerdem im Urlaub, und Kontakte und Kommentare gebe es nur über die Presseabteilung des Premiers. Nicht einmal die regionalen Journalisten von der "Tulskaja Sloboda" können Sagajewski ausfindig machen.

Für einen Reporter aus dem Kreml-Journalistenpool, der seit Jahren mit Putin unterwegs ist, ist das wenig überraschend: "Die wollen das Vorkommnis so schnell wie möglich vertuschen." Auch im offiziellen Stenogramm des Gesprächs auf der Seite des Premiers fehlt die Sagajewski-Episode.

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