Thai-Boxen Blutspektakel mit Kokosnuss-BH

So brutal wie Muay Thai ist kein anderer Kampfsport. Doch in Thailand lieben sie das Kickboxen: Jürgen Kremb über das blutige Schauspiel - und die Legende Amnuay Kesbumrung, der nicht nur auf seine Erfolge stolz ist. Sondern vor allem auf die Erfindung des Kampf-BHs.

Aus Bangkok berichtet Jürgen Kremb


Bangkok - Dass hier einer der ganz Großen des thailändischen Boxports zu Hause ist, merkt man von der ersten Sekunde an, wenn man Amnuay Kesbumrungs Büro im Stadion von Rangsit betritt. Die Glaskanzel am Eingang der Box-Arena, unweit des internationalen Flughafens von Bangkok gelegen, ist mit Pokalen zugestellt. Bunte Poster und Plakate, mit denen die Wände geschmückt sind, erzählen die Geschichte des Muay-Thai-Sports, dem thailändischen Kickboxen, aus den vergangenen vier Jahrzehnten.

Der zierliche junge Mann mit den feinen Gesichtszügen, der sich da auf einem Schwarzweißfoto in Boxerpose vor einer Lagerhalle aufbaut, das war Amnuay Kesbumrung 1956, kurz nachdem er zur Armee eingezogen worden war. Zu Hause in der zentral-thailändischen Suphanburi-Provinz hatte der Fliegengewichtler als junger Amateur keinen Kampf verloren. In der Armee ging das in den ersten Wochen so weiter.

Dann forderte ihn die Nummer Eins der Brigade, ein gestandener Profi, zum Faustkampf heraus. Er wog zehn Kilo mehr, doch über zehn Runden hatte ihm der wieselflinke Amnuay das Gesicht so übel zerschlagen, "dass meine Handschuhe von seinem Blut trieften", erzählt er noch heute mit stolzen Tremolo in der Stimme. Aber sein Gegner wollte nicht fallen. Da sprang er für einen Tritt auf dessen Brust. Jetzt konnte er zwei Schläge auf den Solar Plexus landen. K.o. "Das war mein Durchbruch", erzählt der heute 73-Jährige.

Boxen im Blut

In den Jahren danach wurde der gerade 1,65 Meter kleine Mann einer der ganz großen Boxer seiner Zeit. Er kämpfte als Profi für das Team der thailändischen Armee und wurde gar zweiter Landesmeister. Doch als er die Qualifikation für die Asien-Spiele 1958 verpatzte, geriet das zu seiner ersten Lebenskrise.

"Ich hatte von Kindheit an nichts anderes gelernt als zu boxen", sagt er. "Wir holten uns für eine Schüssel Reis oft eine ziemlich blutige Nase. Doch ich liebte es." Und das sollte jetzt mit 23 Jahren schon wieder vorbei sein, ohne dass er das große Geld gemacht hatte?

Der junge Boxer beschloss, sich fortan mehr auf sein Gehirn als auf seine berüchtigten Fußtritte und Faustschläge zu verlassen. Fortan wagte er sein Glück als Promoter und Manager. "Viel Talent braucht es dazu nicht", sagt er mit dem breiten Grinsen des typischen asiatischen Understatements. "Jeder Thai hat das Boxen im Blut."

Von der tödlichen Waffe zum Familienspaß

Muay Thai gehört wie vielleicht nur noch der Buddhismus und die Monarchie zu den bedeutenden Wurzeln der thailändischen Kultur. Früher wurden die Soldaten des Königs von eigens geschulten Mönchen in der waffenlosen Kampftechnik mit "den acht Gliedmaßen" ausgebildet. Neben Füßen und Fäusten kommen Tritte mit den Knien, gefährliche Schläge mit dem Ellenbogen, Kopfstöße und Sprünge in jedem Kampf zum Einsatz.

Aber was im Krieg als tödliche Waffe gedacht war, geriet über die Jahrhunderte zum ritualisierten Sport und Familienspaß. Auf Volksfesten wurde der Ring mittels Kreidestrich in den Sand eines Tempelvorplatzes markiert. Und im trüben Licht der ersten Neonlampen johlten Groß und Klein bis spät in die Nacht, wenn sich halbnackte junge Männer mit den Füßen in die Fresse traten und aus dem Stand auf den Brustkorb sprangen.

Amnuay erkannte als einer der ersten, welches enorme finanzielle Potential in dem blutigen Spektakel lag. Fortan tingelte er über die Dörfer und organisierte lokale Turniere professioneller, als es Tempel und Klöster, Dorfälteste und Familienvorstände je hätten tun können. Oft schwoll die Zuschauermenge auf mehrere tausend an. 1964 gründete er eines der ersten Trainingslager für Boxprofis und kaufte zwei Jahre später für nur 20.000 Baht das Rangsit-Stadion am Stadtrand der Hauptstadt Bangkok auf.



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