Von Freddy Surachai, Bangkok
Rote Hemden, rote Fahnen, rote Stirnbänder, rote Transparente. Selbst der Pekinese "Susy" und Rehpinscher "Rambo" tragen kleine, rote Halstücher. Auf den Tag genau vier Monate, nachdem ihr Aufstand gegen die thailändische Regierung blutig niedergeschlagen worden ist, wollen die Rothemden Bangkok zeigen, dass es sie noch gibt - obwohl ihre Anführer im Gefängnis sitzen, obwohl über Bangkok immer noch der Ausnahmezustand verhängt ist. Sie singen, jubeln, tanzen, machen auf Trillerpfeifen und mit Rasseln ohrenbetäubenden Lärm. Auf den Bahnsteigen der Hochbahn "Skytrain", auf Fußgängerbrücken und vor allem auf dem Bürgersteig der Ratchaprasong-Straße drängen sie sich.
Mitten zwischen roten Hemden und dunkelblau uniformierten Polizisten bieten Händler ihre Waren an, brutzeln in kleinen Garküchen Entenbrüste und Hühnerschenkel. Touristen schlendern gemütlich durch die Menge und machen Erinnerungsfotos. Die Polizei schätzt, dass rund 2000 bis 3000 Demonstranten gekommen sind. Die Sicherheitskräfte zeigen zwar demonstrativ Präsenz, halten sich aber sichtlich zurück. Die Einsatzwagen sind versteckt hinter dem Intercontinental-Hotel geparkt. Nur an der Ratchaprasong-Straße stehen die Polizisten dicht an dicht und halten die Demonstranten mit Schilden davon ab, auf die Straße zu laufen und den Verkehr zu blockieren.
Wenigstens eine Fahrspur wird offengehalten, auf der sich Busse, Taxis und Privat-Pkw dahinquälen. Immer wieder nehmen die Einsatzleiter Kontakt zu den Anführern der Rothemden auf. Beide Seiten wollen alles vermeiden, was die Volksfeststimmung trüben und in Gewalt umschlagen könnte.
Ruf nach Meinungsfreiheit und Gerechtigkeit
Begonnen hatte der "Rote Sonntag" am geschichtsträchtigen "Democracy Monument". Das gigantische Bauwerk erinnert an den unblutigen Militärputsch 1932, als Thailand konstitutionelle Monarchie wurde, zum ersten Mal eine Verfassung bekam und der schwierige Weg des Königreiches zur Demokratie begann.
Etwa tausend Rothemden haben sich hier am Sonntagmittag versammelt. Sie legen Kränze nieder, verlangen die Freilassung ihrer nach den Mai-Unruhen inhaftierten Anführer, Meinungsfreiheit und Gerechtigkeit. Vor allem aber erinnern sie an den Militärputsch vor genau vier Jahren, bei dem der damalige Ministerpräsident Thaksin Shinawatra gestürzt wurde und ins selbstgewählte Exil ging. Thaksin gilt heute als der Hauptdrahtzieher und Finanzier der "Rothemden"-Bewegung.
In einem Fahrradkorso fahren seine Anhänger nach diesem symbolischen Auftakt bei brütender Hitze quer durch Bangkoks brodelnde Innenstadt zu einem ebenso symbolträchtigen Ziel, zur "Ratchaprasong intersection". Dort hatten sie sich bei den Massenprotesten im April und Mai verschanzt. Dort waren 89 ihrer Mitstreiter gestorben. Dort ging "Central World", eines der größten Einkaufsparadiese der Welt, in Flammen auf. Bauplanen verhüllen das Gebäude noch immer. Doch schon in neun Tagen sollen die Hüllen fallen. Dann will auch der Konsumtempel mit einer glanzvollen Eröffnungsparty Auferstehung feiern.
Doch hinter der entspannten Stimmung ist die Nervosität spürbar. Thailands Polizeichef Wichean Potephosree höchstpersönlich hat Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva schon am Sonntagmorgen über die Sicherheitslage unterrichtet. Polizei und Militär haben sich auf diese erste Demonstration der Stärke ihrer Gegner nach den Frühjahrs-Unruhen generalstabsmäßig vorbereitet. Für die Demonstranten gelten strenge Spielregeln: Megafone ja, Verstärkeranlagen nein. Verbot jeder Straßenblockade. Am Samstag hatte die Polizei rund um die Ratchaprasong-Straße auch noch zusätzliche Überwachungskameras installieren lassen.
Die Polizei hat einen "War Room" eingerichtet
Von einem eigens eingerichteten "War Room" aus haben die Einsatzkräfte an diesem Sonntag denn auch auf Dutzenden Monitoren alles im Blick, was sich in Bangkoks Innenstadt tut. Ein Armeegeneral hat das Kommando im "War Room". Polizei und Militärs sind für alle Eventualitäten gerüstet: Vor der Notaufnahme des nahe gelegenen Polizei-Krankenhauses sind vorsorglich zusätzliche Notbetten aufgestellt worden. Thailands Tourismusbehörde hat für das gesamte Wochenende ein eigenes Krisenteam im Einsatz. Die Sicherheitsmaßnahmen für die Gefängnisse, in denen die Anführer der Rothemden sitzen, sind schon am Freitag drastisch verstärkt worden, als zum Auftakt dieses Wochenendes als Zeichen der Solidarität etwa tausend Demonstranten rote Rosen vor den Gefängnistoren niedergelegt hatten. Selbst für Thailands Kraftwerke gilt aus Angst vor Terrorschlägen höchste Alarmstufe - vor zwei Monaten war ein Umspannwerk nahe der alten Königsstadt Ayutthaya Ziel eines Anschlags geworden.
Am Samstag hatte die Regierung, die schon seit Tagen vor möglichen Anschlägen und Mordattentaten warnt, zusätzlich Unsicherheit geschürt und verlauten lassen, dass aus einem Militärdepot 72 Raketen samt Abschussgeräten verschwunden seien. Ein Admiral der thailändischen Marine verkündete unheilschwanger, kambodschanische Scharfschützen vietnamesischer Herkunft seien nach Thailand eingesickert, um das Land durch Mord und Terror zu destabilisieren.
So klingt es fast wie eine Beschwörungsformel, wenn Polizei und Demonstranten am "Roten Sonntag" immer wieder versichern, es sei alles getan, damit die Demonstration friedlich verlaufe und nicht außer Kontrolle gerate. Einsatzleiter der Polizei bedanken sich am Sonntagnachmittag artig bei Anführern der Rothemden für die gute Zusammenarbeit. Diese geben die Komplimente genauso artig zurück. Später kreuzt sogar Bangkoks Polizeichef Santhan Chayanont bei den Demonstranten auf und konferiert kurz mit Rothemden-Aktivist Sombat Boonngamanong. Sombat versichert, alles sei unter Kontrolle, und der Oberpolizist zieht sich beruhigt wieder zurück. Auch aus Chiang Mai, wo ebenfalls eine Großdemonstration stattfindet, und aus den Provinzen wird am Nachmittag gemeldet: Keine besonderen Vorkommnisse, keine Ausschreitungen, keine Gewalt.
Sombat ist sichtlich zufrieden mit der Generalprobe. Er will in den kommenden Wochen und Monaten mit friedlichen Demonstrationen und gewaltfreien Aktionen erreichen, "dass an jedem Sonntag mehr Thailänder rot tragen und unsere Sache für mehr Demokratie unterstützen". Als es dämmert an diesem Sonntag, lassen die Demonstranten an der Ratchaprasong-Straße 20.000 rote Luftballons in den Nachmittagshimmel steigen und zünden Kerzen an - als Zeichen der Trauer und Symbol der Hoffnung. Noch bevor es dunkel wird, ziehen die Rothemden friedlich ab. "Unsere Demonstration endet vor Einbruch der Dunkelheit, weil niemand weiß, was danach passiert", sagt Sombat. Auch darin sind Polizei und Demonstranten sich an diesem Sonntag einig: Niemand soll im Schutz der Dunkelheit Gelegenheit bekommen, Unfrieden in ihre Reihen zu tragen.
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