Rauschgifthandel in Thailand: Gewaltmarsch gegen die Drogenbarone

Von Freddy Surachai, Bangkok

Thailand: Drakonische Strafen für Drogendealer Fotos
REUTERS

Thailand verhängt drakonische Strafen im Kampf gegen Drogenhandel: Dealern droht die Todesstrafe. Trotzdem bekommt Bangkok das Problem nicht in den Griff - gleich tonnenweise wird das Rauschgift aus Burma eingeschmuggelt. Ein energischer Bürgermeister will das Volk zum Widerstand antreiben.

Drei Wochen lang ist Chalerm Karnjanapitak marschiert, jeden Tag, von morgens um sechs Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit, rund 800 Kilometer, aus Thailands Süden bis in die Hauptstadt Bangkok.

Am 20. Januar war er nach einer feierlichen Zeremonie am historischen Tempel Wat Phra Mahathat Woramahawihan in der Provinzhauptstadt Nakhon Si Thammarat zu seinem langen Marsch aufgebrochen, begleitet von einer kleinen Gruppe von Anhängern, darunter auch drei Mönche und sogar eine Mutter mit ihren drei Kindern und ein 75-jähriger Rentner. Überall in den Städten und Dörfern, durch die die buntgewürfelte Schar zog, erregten Chalerm und seine Mitstreiter schnell Aufsehen. Sie organisierten Diskussionen, hielten Vorträge und verteilten Flugblätter zu dem Thema, dem ihr Anführer sein Leben verschrieben hat: dem Kampf gegen das Rauschgift.

Seit 15 Jahren kämpft der energische Dorfbürgermeister aus Ban Kao Ko Moo gegen Drogenmissbrauch und Drogenhandel in seiner Heimat. In seiner Gemeinde hat er einen Schandpfahl errichtet, auf dem er mutmaßliche Drogenhändler namentlich anprangert. Der Drogenmafia ist der streitbare Bürgermeister schon lange ein Dorn im Auge. Zeitweise musste er sogar um sein Leben fürchten, weil die Rauschgifthändler in seiner Provinz einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt hatten. Doch zum Schweigen haben sie ihn trotz zahlreicher Drohungen nicht gebracht: Mit seinem Gewaltmarsch will er die Öffentlichkeit mobilisieren und die Regierung bewegen, den Kampf gegen das Drogenproblem endlich auf Platz eins ihrer Prioritätenliste zu setzen.

Dealern droht meist die Todesstrafe

Dabei gehört Thailand bereits zu den Staaten mit den schärfsten Drogengesetzen der Welt. Das Auswärtige Amt in Berlin warnt ausdrücklich: "Von Erwerb, Besitz, Verteilung sowie Ein- und Ausfuhr von Rauschgiften aller Art (auch Marihuana, Ecstasy und anderer Amphetamine) wird dringend abgeraten. Schon der Besitz geringster Rauschgiftmengen führt zu hohen Freiheitsstrafen."

Wenige Gramm reichen oft sogar schon aus, um als Drogenhändler vor den Richter gebracht zu werden. Auch wenn die Urteile zum Teil willkürlich zu sein scheinen und Korruption den Weg aus dem Knast erleichtern kann: Dealern droht meist die Todesstrafe. 2009 wurden die bisher letzten Hinrichtungen von Drogenhändlern vollzogen: Im Bang-Kwang-Gefängnis in Bangkok wurden trotz internationaler Proteste der 45-jährige Bundit Jaroenwanit und der 52-jährige Jiriwat Poompreuk mit der Giftspritze hingerichtet. Gerade mal 60 Minuten hatten sie nach der Ankündigung der Vollstreckung Zeit, sich darauf vorzubereiten: Sie durften ihre Angehörigen noch einmal anrufen oder ihnen schreiben, bekamen eine Henkersmahlzeit und die Gelegenheit, mit einem Mönch zu beten. Dann wurden ihnen die Augen verbunden. Mit Blumenkranz und Räucherstäbchen wurden sie in die Todeszelle geführt und hingerichtet.

Thailands Vizepremier Chalerm Yubamrung hat nun angekündigt, dass künftig mit Drogendealern ein noch schnellerer Prozess gemacht werden solle. "Sie liegen dem Staat nur auf der Tasche und sind eine Plage für das Land und alle ehrlichen Bürger", tönte er im vergangenen Jahr bei einer Pressekonferenz. Sei das Todesurteil erst einmal rechtskräftig, gäbe es für die Todeskandidaten keinen Aufschub mehr: Innerhalb von wenigen Tagen sollen sie sterben.

Thailands Behörden bekommen das Rauschgiftproblem nicht in den Griff

Doch trotz der strengen Strafandrohungen und eines mit der Armee ausgearbeiteten ambitionierten Rehabilitierungsprogramms für Drogenabhängige bekommen Thailands Behörden das Rauschgiftproblem nicht in den Griff. Thailand wird immer mehr zum Drogendurchgangsland. Das Gesundheitsministerium schätzt zudem, dass mehr als 1,3 Millionen Thailänder drogenabhängig sind, 60 Prozent davon im Großraum Bangkok. Die jüngsten Rauschgiftsüchtigen, die auf Bangkoks Straßen aufgegriffen wurden, waren gerade mal neun Jahre alt.

Auch Ausländer lassen sich von den strengen Gesetzen oft genug nicht abschrecken: Die Khaosan-Straße in Bangkok ist - wie auch das Auswärtige Amt schreibt - einer der bekanntesten Drogenumschlagplätze für Touristen in Thailand. Doch auch auf Ferieninseln wie Koh Phangan und Koh Samui werden in den Bars und von Tuk-Tuk-Fahrern verstärkt Drogen angeboten. Die Polizei versucht, mit zunehmenden, spontanen Kontrollen dagegen vorzugehen.

Bei einer der bisher spektakulärsten Aktionen griff sie im Sommer vergangenen Jahres auf der quirligen Sukhumvit-Straße in Bangkok gezielt 33 Ausländer heraus. Sie alle mussten zum Urintest. 16 waren nach Behördenangaben positiv und wanderten umgehend ins "Bangkok Hilton", eines der berüchtigtsten Gefängnisse Asiens. Eine Augsburgerin wurde im vergangenen Jahr zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, nachdem sie auf der Ferieninsel Yao Noi mit Rauschgift erwischt wurde. 2004 bekam ein Deutscher sogar eine lebenslange Haftstrafe, weil bei ihm 37 Gramm Rauschgift gefunden worden waren. Derzeit sitzen im Zusammenhang mit Drogendelikten acht Deutsche in Thailands Gefängnissen.

"Die Drogen kommen tonnenweise über die Grenze"

Immer öfter werden die Rauschgiftfahnder fündig: Nach offiziellen Angaben beschlagnahmten die thailändischen Behörden 2011 insgesamt 73 Millionen Pillen der Designerdroge Yaba, die 20 mal stärker wirkt als Ecstasy, sowie 1446 Kilogramm des synthetischen Rauschgifts Crystal Meth, in der Szene Ice genannt. Tendenz steigend: Allein in der Zeit von September 2011 bis März 2012 brachte die Polizei 26 Millionen Tabletten Yaba, 600 Kilo Ice, 200 Kilo Heroin, 4,6 Tonnen Marihuana, 13,7 Kilo Kokain und 4,2 Millionen Tabletten des zur Rauschgiftherstellung verwendeten Erkältungsmittels Pseudoephedrin auf, die zum großen Teil illegal aus den Apotheken einiger Krankenhäuser Thailands abgezweigt worden sein sollen.

Eines der Haupteinfallstore für Drogenschwemme scheint die thailändisch-burmesische Grenze zu sein, das berüchtigte goldene Dreieck in Thailands Norden. Die Bangkoker Wirtschaftszeitung "The Nation" nennt Burma den "Schlüssel" zur Beendigung des Drogenschmuggels und -handels in der Region. Die United Wa State Army (UWSA) im burmesischen Shan-Gebiet sei "Asiens größtes und gefährlichstes Drogenkartell". Über die Stadt Tachilek werde das Rauschgift nach Thailand geschmuggelt - trotz verstärkter Kontrollen der thailändischen Behörden.

"Die Drogen kommen tonnenweise über die Grenze", wütete Thailands Vizepremier Chalerm im September 2012 bei einer Anti-Drogen-Konferenz der zehn Mitgliedstaaten der Asean-Wirtschaftsgemeinschaft. Er forderte den Nachbarstaat, der seit 2002 als zweitgrößter Schlafmohnanbauer der Welt auf der schwarzen Liste der USA-Drogenbehörden steht, zu stärkeren Kontrollen auf, damit das gemeinsame Ziel auch wirklich erreicht werden könne, die gesamte Region bis 2015 drogenfrei zu machen.

Dem Bürgermeister aus dem kleinen Dorf Ban Kao Ko Moo in Thailands Süden reicht das alles nicht. Er will auch nicht mit dem Finger auf andere zeigen, wie der Vizepremier, sein Namensvetter. Er will Druck von unten aufbauen. "Wir müssen in unseren Gemeinden anfangen und für sie maßgeschneiderte Lösungen finden, statt auf die Regierung in Bangkok zu warten," sagt er und fühlt sich nach dem "phänomenalen Echo" bei den Menschen in den Dörfern und Städten an seinem Weg nach Bangkok sicher: "Wenn alle zusammenarbeiten, werden wir eines Tages auch den Krieg gegen das Rauschgift gewinnen."

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insgesamt 109 Beiträge
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1. Alibismus
cdrenk 11.02.2013
Nur die LEGALISIERUNG der Drogen kann den Drogenhändlerdreck wegwaschen. Wenn der Staat das Vergabemonopol hat und jeder in Lagern freien Zugang zur Droge bekommt, löst sich das Problem von selbst.
2. Vielleicht wären geringere Strafen ja besser ...
JaguarCat 11.02.2013
... weil sie es z.B. einem selbst drogenabhängigen Kleindealer leicht machen würden, auszusteigen und eine Therapie anzufangen. Jag
3. Vorbildlich !
spiegelleser_1981 11.02.2013
"Thailand verhängt drakonische Strafen im Kampf gegen Drogenhandel: Dealern droht die Todesstrafe." Da ich selbst schon häufig in Thailand war finde ich das Vorgehen gegen Drogendealer vorbildlich. Drogendealer zerstören die Zukunft vieler junger Menschen und deren Familien. Thailand ist kein bettelarmes Land und es gibt viele Möglichkeiten sein Geld auf andere Weise zu verdienen. Aber viele lockt das Geld mit Drogen reich zu werden. Ich finde die Praxis Drogenhändler hinzurichten sehr gut. Wer das Leben von Menschen bewusst so zerstört sollte selbst auch getötet werden. Auch wenn ich für diesen Kommentar wohl viel Kritik erhalten werde, so ist das doch meine persönlich Meinung. Ich würde Vergewaltiger, Mörder und Kinderschänder genau so behandeln. Kosten für einen Gefängnisaufenthalt auf Steuerzahlerkosten = 0, Gefahr Rückfällig zu werden = 0 und eine gerechte Strafe !
4. Legalisierung
kdshp 11.02.2013
Zitat von cdrenkNur die LEGALISIERUNG der Drogen kann den Drogenhändlerdreck wegwaschen. Wenn der Staat das Vergabemonopol hat und jeder in Lagern freien Zugang zur Droge bekommt, löst sich das Problem von selbst.
Seh ich auch so und das das klappt sieht man ja beim alkohol und den zigaretten.
5. Thailand ist schoen korrupt
Altesocke 11.02.2013
---Zitat--- Das Gesundheitsministerium schätzt zudem, dass über 1,3 Millionen Thailänder drogenabhängig sind ---Zitatende--- Aber noch mehr Thailaender leben direkt oder indirekt vom Drogenhandel. ---Zitat--- Nach offiziellen Angaben beschlagnahmten die thailändischen Behörden 2011 insgesamt 73 Millionen Pillen der Designerdroge Yaba ---Zitatende--- Bei dieser Summe von 73 Millionen sollte noch erwaehnt werden, das die eine oder andere Lieferung oefters die Chance hat, beschlagnahmt zu werden. Sehr profitable Geschaefte werden auch gerne von den officiellen Stellen unterstuetzt. Und wenn der Komkurrent ausgeschaltet wurde, heisst das nicht, das die Ware nicht benoetigt wird und daher vollstaendig verbrannt werden kann
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