Thailand-Krise Die Opposition schunkelt, die Regierung versteckt sich

100.000 Touristen sitzen in Bangkok fest, der Polizeichef wurde gefeuert, die Sicherheitskräfte sind machtlos: Seit vier Tagen ist Bangkoks internationaler Flughafen in der Hand von Regierungsgegnern. Nun rüsten sich Regierungsanhänger zur Gegenwehr.

Aus Bangkok berichtet


Bangkok - Der Belagerungszustnd auf den beiden wichtigsten Flughäfen Bangkoks hält an. Regierungsgegner halten die Terminals besetzt, Sicherheitskräfte beobachten die Lage von außen. 100.000 Touristen sitzen in Hotels fest.

Einige werden in Bussen nach Phuket gekarrt und von dort ausgeflogen. Zwölf Stunden dauert die Fahrt allein von Bangkok in den Badeort. Mindestens 1200 Deutsche aber haben bereits ihren Thailand-Urlaub storniert, und diese Zahl dürfte weiter ansteigen. In normalen Jahren kommen über eine halbe Millionen Deutsche in das südostasiatische Badeland, insgesamt zählt Thailand rund 15 Millionen Besucher pro Jahr. Längst sind weltweit Reisewarnungen ausgesprochen worden.

"In den nächsten Wochen muss in Bangkok mit weiteren möglicherweise gewaltsamen Demonstrationen und Zusammenstößen gerechnet werden", teilt das Auswärtige Amt mit, "es wird daher dringend empfohlen, Demonstrationen und sonstige größere Menschenansammlungen zu meiden, auch um sich nicht dem Risiko eventueller Sprengstoffanschläge auszusetzen". Alleine die Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Gruppen untereinander und mit der Polizei haben in den letzten Wochen eine unbekannte Zahl von Verletzten und drei Tote gefordert.

Der Schaden, der der vom Tourismus abhängigen thailändischen Wirtschaft derzeit entsteht, lässt sich kaum beziffern. Wenn die Belagerung der Flughäfen weiter andauert, kann die Zahl der gestrandeten Reisenden schnell auf 200.000 oder 300.000 steigen, befürchtet Weerasak Kohsurat, Minister für Sport und Tourismus. Die Bank of Thailand hat ausgerechnet, dass die Zahl der Reisenden um 3,5 Millionen, mithin 40 Prozent, sinken könnte, wenn die Krise nicht zügig beendet wird. Damals, als die hochinfektiöse Atemwegserkrankung Sars ausbrach, stornierten eine Millionen Urlauber, und nach dem Tsunami rund 180.000.

Schon jetzt also, unmittelbar vor der lukrativen Weihnachtsreisezeit, hat sich der Protest der Opposition - unter dem gelben Banner der selbsternannten Volksallianz - zur wirtschaftlichen Katastrophe entwickelt. Und eine Lösung ist nicht in Sicht. Gestern schasste Premierminister Somchai Wongsawat seinen Polizeichef – weil der es nicht schaffte, die Lage in Bangkok auch nur annäherungsweise in den Griff zu bekommen. Somchai selbst hat sich mit seinen Getreuen allerdings in der nordthailändischen Stadt Chiang Mai verschanzt, dort also, wo er seine treuesten Wähler hat: im Geburtsort seines Schwagers, des früheren Premierministers Thaksin Shinawatra.

Die Lage ist verfahren, und es geht keinen Schritt voran. Bangkok erlebt bereits den vierten Tag der Belagerung des internationalen Flughafens Suvarnabhumi und den dritten Monat der Besetzung des Regierungsgebäudes. Das Militär verhält sich passiv und die Polizei ist hochgradig verunsichert. König Bhumipol, der nächste Woche seinen 81. Geburtstag feiert, schweigt.

Nur der Anführer der "Gelben", Medienmogul Sondhi Limthongkul, der die Demokratie in Thailand abschaffen will, strotzt vor Selbstbewusstsein. "Ich werde kämpfen bis zum Tod", prahlt er im Oppositionssender ASTV.

Tatsächlich erwecken seine Anhänger derzeit nicht den Eindruck, als würden sie Flughäfen und Government House freiwillig räumen. Im Gegenteil: Rund um die Uhr werden Airport-Trolleys zu Barrikaden aufgeschichtet, Rote-Kreuz-Sanitäter verteilen Medikamente und Zahnbürsten, am Samstagmorgen wurden Polizisten vom Flughafen vertrieben.

Die Demonstranten sind gut organisiert und diszipliniert. Tütensuppen werden ausgegeben und Red Bull und Eiskaffee gegen die Müdigkeit. Thailändische Popmusiker heizen der Menge von einem Lautsprecherwagen aus ein. Sogar die Toiletten werden gereinigt. Ordnung muss sein, selbst wenn man Revolution machen will.

Davon ist auch Pittarak Schneider überzeugt. Die Hausfrau aus Bingen, seit 35 Jahren mit Herrn Schneider ("Landschaftspflege und Gartenbau") vermählt, probt bereits seit gut zwei Wochen in ihrer alten Heimat den Aufstand. Mit ein paar Freundinnen hat sie schon das Regierungsgebäude besetzt und das Parlament umzingelt. Seit einigen Tagen legen sie nun den internationalen Flugverkehr lahm. Eine Frau hat sogar ihren weißen Pudel mitgeschleppt.

Die etwas betagten Damen tragen gelbe Hemden und Sonnenschirme, auf denen "I love the King" steht. Ein wenig sind sie selbst überrascht, wie leicht es in diesen Tagen ist, einen Staatsstreich zu versuchen, schließlich haben sie eher bürgerliche Biografien. "Wir bleiben, bis diese korrupte Regierungstruppe weg ist", sagt Frau Schneider. Ihr macht der Auftrieb am Flughafen richtig Spaß. Die Damen schunkeln und singen, und ein bisschen ist es wie im Karneval in Bingen am Rhein.

Ungemach droht den bürgerlichen Revoluzzern jetzt möglicherweise weniger von der Polizei als von den politischen Gegnern. Regierungsanhänger, zum Zeichen der Loyalität ganz in rot gekleidet, wollen morgen auf dem Platz Sanam Luang in Bangkoks Regierungsviertel aufmarschieren. Von dort sind es nur ein paar Kilometer bis zu den Sperren der Aufrührer.

Das letzte Aufeinandertreffen der rivalisierenden Gruppen hier endete in einem Kugelhagel.

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