Drama auf dem Meer Asien macht Grenzen für Flüchtlinge dicht

Thailand, Malaysia, Indonesien: Kein Land will die rund 7000 Bootsflüchtlinge aufnehmen, die in der Meerenge von Malakka treiben. Nur internationaler Druck könnte die aus Burma stammenden Menschen noch retten.

REUTERS

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi


Sie nähern sich einer Küste, werden abgefangen, mit Nahrung und Trinkwasser versorgt - dann wieder auf hohe See geschleppt: Bis zu 7000 Bootsflüchtlinge in der Straße von Malakka sind Teil eines politischen Spiels, das sie leicht ihr Leben kosten könnte.

"Menschliches Ping-Pong über drei Banden" nennt Phil Robertson von Human Rights Watch das, was vor den Küsten Thailands, Malaysias und Indonesiens passiert. Keiner will die Menschen auf den Booten haben, also lässt man sie treiben.

Die Männer, Frauen und Kinder an Bord der teils kaum seetüchtigen Schmugglerboote gehören zumeist dem Volk der Rohingya an, das in seiner Heimat Burma massiv verfolgt wird. Tausende sind auf der Flucht, die meisten von ihnen landen früher oder später auf den Kuttern von Schleppern, die versprechen, sie nach Südostasien zu bringen. Oft werden die Flüchtlinge jedoch zu Opfern von Menschenhändlern, die ihren Angehörigen ein Lösegeld abknöpfen wollen. Für viele endet die Flucht in der Sklaverei.

Auch Malaysia hat die Grenzen dicht gemacht

Dass nun Tausende Flüchtlinge auf hoher See in Lebensgefahr schweben, liegt daran, dass die Anrainer der Straße von Malakka eine politische Schau abziehen: Vor zwei Wochen begann die thailändische Militärregierung mit großem Tamtam, Jagd auf Schlepper und Menschenhändler zu machen. Seitdem bieten Thailands Häfen keine Zuflucht mehr.

Zu Wochenbeginn versorgte Indonesien Hunderte Asylsuchende auf einem der Schiffe mit Proviant, schickte sie aber weiter nach Malaysia - angeblich weil die Flüchtlinge das so wollten, womöglich jedoch auch, weil die harte Haltung gegenüber Migranten innenpolitisch gut ankommt.

Am Donnerstag machte dann auch das bislang aufnahmewillige Malaysia seine Grenzen für die Rohingya dicht. Der stellvertretenden Innenminister verteidigte die Kehrtwende ganz offen mit Hinweis auf die zunehmend fremdenfeindliche Stimmung im Land. "Wir müssen bedenken, was unsere Bürger von uns sehen wollen. Und sie wollen nicht sehen, dass Immigranten in unser Land kommen", sagte Wan Junaidi Tuanku Jaafar.

Die malaysische Marine kündigte an, fortan alle vor der Küste abgefangenen Schiffe mit illegalen Migranten an Bord zurück in internationale Gewässer zu schleppen. Das Land mit seinen etwa 30 Millionen Einwohnern beherbergt nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen mehr als 150.000 Flüchtlinge, davon etwa 45.000 Rohingya.

"Behandelt eure Bürger nicht wie Müll"

Die Odyssee der aufs Meer verbannten Flüchtlinge könnte noch Wochen dauern: Erst für den 29. Mai hat Thailand zu einer Krisensitzung der von dem Problem betroffenen Staaten eingeladen. Teilnehmen soll auch Burma - denn dort liege ja die Wurzel des Problems, sagte Malaysias stellvertretender Innenminister Wan mit ungewohnt deutlichen Worten. "Ihr redet über Demokratie, dann behandelt eure Bürger nicht wie Müll, wie Kriminelle, bis sie weglaufen und sich in unser Land flüchten müssen."

Die Länder Südostasiens hatten das Leid der Minderheit über Jahre hinweg ignoriert und keine Kritik an der Militärregierung in Burma geäußert - auch in der Hoffnung auf lukrative Wirtschaftsverträge in dem sich öffnenden Land. Angesichts der zunehmenden Flüchtlingszahlen scheint die Geduld mit der Junta nun am Ende. Nach Angaben der Uno sind allein in den vergangenen drei Jahren 120.000 Rohingya aus Burma in die südlichen Nachbarländer geflohen.

Die aktuelle Krise beschädigt das Image Thailands, Malaysias und Indonesiens. Das kann den dortigen Regierungen nicht recht sein: Thailand und auf lange Sicht auch Indonesien wollen Teil des Trans-Pazifik-Vertrags werden, der die Handelsbeziehungen unter anderem mit den USA und Australien verbessern soll.

Doch in Washington regt sich Widerstand dagegen, Länder aufzunehmen, in denen Menschenhandel im großen Stil betrieben wird. Sowohl Thailand als auch Malaysia wurden von den USA im vergangenen Jahr in die dritte, schlechteste Kategorie in Sachen Menschenhandel herabgestuft. Thailand ist berüchtigt dafür, dass Migranten wie die Rohingya als Sklaven auf Fischkuttern gehalten werden. Die Europäische Union erwägt deshalb einen Einfuhrstopp für thailändische Meeresfrüchte.

Nun muss sich zeigen, was den Regierungen Südostasiens wichtiger ist: Mit hartem Durchgreifen gegen die Boat People bei der eigenen Bevölkerung zu punkten oder mit einer Rettungsaktion das Wohlwollen der Welt zu gewinnen.

Internationale Organisationen dringen auf eine umgehende Lösung für die Krise. "Es ist oberste Priorität, Leben zu retten", sagte Volker Turk vom Uno-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Die betroffenen Länder müssten die Verantwortung teilen und die Leute umgehend von den Booten holen. In der Straße von Malakka spiele sich eine "massive humanitäre Katastrophe" ab, so das UNHCR.



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