Thailand Drei Finger gegen die Diktatur

Sie helfen Bauern und stören Auftritte von Politikern: In Thailand legt sich ein Dutzend Jura-Studenten mit der Junta an. Ihr Erkennungszeichen: der Drei-Finger-Salut aus den "Tributen von Panem". Das Militär reagiert mit Härte.

Karl Vandenhole

Von (Text) und Karl Vandenhole (Bilder), Khon Khaen


"Keine Diktatur" steht an der Mauer vor dem Haus der Dao Din. Im Vorgarten stapeln sich Blumentöpfe und allerlei Gerümpel, an dem Balkon hängen bunte Fahnen mit dem Aufdruck: "Walk 4 Rights", marschiere für deine Rechte. Auf einer Tafel daneben sind geballte Fäuste gezeichnet, mehrere Entwürfe, offenbar konnte man sich noch auf kein Modell einigen. An einen Baumstamm hat jemand mit roter Farbe ein Anarchie-Zeichen gesprüht. Die jungen Männer, die mitten in diesem Durcheinander auf der Terrasse sitzen, haben lange Haare, die Frauen tragen T-Shirts mit feministischen Slogans.

Es wäre schwer, eine solche Szene in Bangkok zu finden. Die Hauptstadt Thailands ist gelb geprägt, also loyal zu Krone und Militär. Hier in Khon Khaen aber, im politisch eher roten Nordosten des Landes, hat sich eine kleine Enklave junger Jura-Studenten in einem Haus eingemietet. Das macht allen Nachbarn unmissverständlich deutlich: Hier sitzt der Widerstand.

Frieden und Widerstand: Das Dao-Din-Haus
Karl Vandenhole

Frieden und Widerstand: Das Dao-Din-Haus

Sieben Studierende leben zur Zeit darin, abends kommen noch Freunde und die restlichen Anhänger der Dao Din, insgesamt nicht mehr als 16, 17 Leute, zusammen, zum Kochen, aber auch zum Diskutieren. Sie sprechen über gesellschaftliche Strukturen, anstehende Prüfungen und planen gemeinsame Protestaktionen. In Deutschland wäre das ein normaler Studentenalltag. In Thailand ist es gefährlich.

Politische Partizipation ist unter der Junta, die sich 2014 an die Macht putschte, verboten. Genauso wie öffentliche Proteste: Versammlungen von mehr als fünf Menschen sind strafbar.

Wenige Straßen von dem Anarcho-Haus der Dao Din entfernt liegt eine Militärakademie. Ein großes Tor schirmt die Soldaten ab, dennoch patrouillieren sie auch regelmäßig in der Nachbarschaft. Zwei bis drei Mal im Monat würden Militärs vorbeikommen und Fotos machen, erzählt Payu, der Sprecher der Gruppe. Wie die anderen nennt er nur seinen Spitznamen. Ab und zu würden sie auch von den Soldaten verfolgt, sagt er.

Dao Din vor ihrem Haus in Khon Khaen
Karl Vandenhole

Dao Din vor ihrem Haus in Khon Khaen

Doch es bleibt nicht bei den Einschüchterungen. Das zeigt der Fall von Jatupat Boonpattaraksa, besser bekannt als Pai. Er war einer der ältesten der Gruppe, einer der Engagiertesten, offenbar sah auch das Militär in ihm eine Art Anführer der Dao Din. Nun sitzt er im Gefängnis - wegen Majestätsbeleidigung. Sein Vergehen: Er teilte einen kritischen Beitrag der BBC zum neuen König, so wie 2000 andere Facebook-Nutzer auch. Aber nur er wurde dafür belangt. Von zweieinhalb Jahren Haft hat er eines schon fast verbüßt.

Warum hat das Militär offenbar Angst vor rund einem Dutzend Studenten?

Angefangen hatte alles komplett unpolitisch. Ein Jura-Student namens Pop arbeitete vor 14 Jahren ehrenamtlich auf dem Dorf in der Nähe von Khon Khaen, anschließend schrieb er in einer Studentenzeitung über seine Erfahrungen auf dem Dorf, die Probleme der Bauern und die tägliche Arbeit. Die Zeitung nannte er Dao Din, Dao für Stern, Din für Boden. Sinnbildlich übersetzt müsste es "Sterne auf dem Boden" heißen. Was es meint: Wir können die Erde so schön wie einen Stern machen. "Nach und nach erkannten wir aber, dass die Regierung eines der grundlegenden Probleme ist. So wurde es politisch", sagt Payu.

Es geht nicht primär um Konfrontation

Das heißt aber nicht, dass sich die Gruppe auf eine einheitliche politische Linie festlegen ließe. Don erzählt, er habe sich wegen der Dao Din entschieden, in Khon Khaen Jura zu studieren. Er hofft, in der Gruppe die Gesellschaft verändern zu können. "Eine Menge läuft schief", sagt er. Zum Beispiel die Obrigkeitshörigkeit, aber auch, dass die Regierung über die natürlichen Ressourcen des Landes entscheidet. Er selbst ist für Selbstbestimmtheit, für Anarchie. Damit gelte er in Thailand als Extremist, sagt Don.

Jura-Student Don: "Gesellschaft verändern"
Karl Vandenhole

Jura-Student Don: "Gesellschaft verändern"

Überhaupt haben die Dao Din in der Gesellschaft ein schlechtes Image, sagt Bang, die mit ihm studiert. Ihre Familie sei dagegen gewesen, in die Gruppe einzutreten. Sie gelte als "Troublemaker", als Unruhestifter. Spätestens seit einer Aktion kurz nach der Machtergreifung des Militärs, als Dao Din die Rede des neuen Premierministers Prayut Chan-o-cha an ihrer Universität störten. Fünf von ihnen stürmten die Bühne und hielten drei Finger in die Höhe, die Geste der Opposition aus dem düsteren Science-Fiction-Film "Tribute von Panem". Kurz darauf wurden sie abgeführt.

"In unserer Gesellschaft werden Menschen, die die Harmonie und die friedliche Ordnung der Gesellschaft stören, als schlecht wahrgenommen", sagt Bang. Es werde viel über andere geurteilt, es werde verlangt, dass man sich anpasst und unterordnet. Auch sei den Thailändern sehr wichtig, wie ihre Nation von außen wahrgenommen würde. Die Protestierenden könnten das positive Image zerstören, fürchteten sie. Dabei ginge es der Gruppe nicht primär um die Konfrontation. Das zentrale Thema, auf das sie sich alle einigen könnten, seien Menschenrechte.

Die Sorgen der Bauern auf dem Dorf

Zudem halten sie bis heute an ihrer anfänglichen Mission fest: den Bauern auf den Dörfern um Khon Khaen zu helfen. An diesem Tag geht es raus nach Baan Phai. Dort reiht sich ein Reisfeld an das andere. Auf einem davon steht ein Mähdrescher, der Schnipsel der trockenen Halme wieder ausspuckt. Neben den Bauern, die ihre Gesichter vor der Sonne verdecken, arbeitet auch Nice von den Dao Din an diesem Tag auf dem Feld.

Bauern bei der Arbeit auf dem Feld
Karl Vandenhole

Bauern bei der Arbeit auf dem Feld

In einer Pause setzen sich alle zusammen auf eine Strohmatte in den Schatten, rauchen und unterhalten sich. Nicht weit von hier soll bald eine Zuckerrohrfabrik hochgezogen werden. Auf Google Maps ist sie schon eingezeichnet.

Bauer Wittaya, 32 Jahre alt, beunruhigt das. Er war durch Zufall vor einigen Wochen in einer anderen Zuckerrohrfabrik, 80 Kilometer weiter nördlich. Dort sah er, wie dunkles Abwasser aus der Fabrik direkt in den Boden und auf die umliegenden Felder geleitet wurde. In der Luft habe ein beißender Geruch gelegen, es roch nach verbranntem Karamell, sagt er. Nun treibt ihn um, dass es bald in seiner Nachbarschaft auch verschmutztes Wasser und Gestank geben könnte.

Bauer Wittaya sitzt mit Payu und Nice (rechts) zusammen
Karl Vandenhole

Bauer Wittaya sitzt mit Payu und Nice (rechts) zusammen

Ohne die Dao Din wüssten die Dorfbewohner nicht, was ihnen bevorsteht. Regelmäßig checken die Studenten die Webseiten der Regierung, schauen sich neue Projekte an und prüfen, ob dabei alles nach geltendem Recht vorgeht. Ob sie etwas dagegen unternehmen oder nicht, überlassen sie den Dorfbewohnern. Es geht ihnen vor allem darum, die Bauern zu informieren und ihnen Bescheid zu geben, wenn Diskussionen und Treffen dazu anstehen, sagt Nice.

Eigentlich wollten die Studenten an diesem Tag in Bangkok sein, um vor einem Regierungssitz gemeinsam mit Bauern aus der Region gegen ein neues Umweltgesetz zu protestieren. Doch die Dao Din sagten ihre Teilnahme ab - "Probleme mit dem Militär", hieß es knapp. Man habe den Protest nicht noch zusätzlich politisch aufladen wollen, sagt Payu später. Tatsächlich ziehe sich die Gruppe seit der Sache mit Pai aus der Öffentlichkeit zurück. Es sollten nicht noch mehr Mitglieder im Gefängnis landen.

Man plane aber weiter, sagt Payu, "etwas Großes".



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