Zug-Passagiere verhindern Anschlag "Eine heldenhafte Tat"

Passagiere haben einen Bewaffneten im Thalys-Schnellzug überwältigt, nun schildern sie Details des Vorfalls. Offenbar verhinderte auch Glück Schlimmeres: Die Kalaschnikow des Täters klemmte, in der Pistole fehlte das Magazin.

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US-Präsident Barack Obama spricht von einer "heldenhaften Tat", Frankreichs Präsident François Hollande will sie in den Élysée-Palast einladen, sein Innenminister Bernard Cazeneuve lobt ihre "Kaltblütigkeit": Drei US-Bürger, ein Brite, ein Franzose und weitere Passagiere haben am Freitagabend in einem Thalys-Schnellzug auf dem Weg von Amsterdam nach Paris einen schwer bewaffneten Mann überwältigt. Zuvor hatte der 26-Jährige mindestens einen Schuss abgegeben. Drei Passagiere wurden verletzt, einer davon gehört zu den drei US-Bürgern, die den Mann stoppten.

Inzwischen haben sich die beiden anderen US-Bürger in mehreren Fernsehinterviews ausführlich zu dem Vorfall geäußert. Aus ihren Schilderungen wird deutlich: Außer Mut und Entschlossenheit führte auch Glück dazu, dass der Vorfall verhältnismäßig glimpflich ausging. So habe der Angreifer den Abzug der Kalaschnikow bereits betätigt, das Sturmgewehr habe jedoch geklemmt. Die zweite Feuerwaffe, eine Pistole, sei vermutlich versehentlich nicht geladen gewesen. Aus den Schilderungen lässt sich auch rekonstruieren, was an Bord des Thalys-Schnellzugs kurz vor der französischen Grenze im Detail vor sich ging.

Konkret handelt es sich bei den drei US-Amerikanern um den 22-jährigen Alek Skarlatos, laut US-Armee ein nicht aktives Mitglied der Nationalgarde, der aber noch im Juli in Afghanistan im Einsatz war, Spencer Stone, Angehöriger der US-Luftwaffe, und den kalifornischen Studenten Anthony Sadler. Die drei sollen seit ihrer Kindheit miteinander befreundet sein. Auch der 62-jährige Brite Chris Norman, der im Zug bei den Amerikanern saß, half bei der Überwältigung des Täters. Stone wurde bei der Aktion verletzt und befand sich auch am Samstagmittag noch im Krankenhaus.

Noch am Freitagabend stellten sich Sadler, Skarlatos und Norman in einem Restaurant in der nordfranzösischen Stadt Arras den Fragen eines Fernsehteams, siehe Video:

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Später gab Skarlatos aus einem Hotelzimmer heraus dem britischen Nachrichtensender Sky News ein Interview.

Laut diesen Darstellungen, die zum Teil von inzwischen veröffentlichten Handy-Fotos und -Videos gestützt werden, saßen die drei US-Bürger und der Brite nebeneinander in Waggon 12 des Thalys-Zuges. Sie hörten einen Schuss, kurz darauf sei der Täter mit einem Kalaschnikow-Sturmgewehr und einer Pistole in den Waggon eingedrungen. Skarlatos habe Stone angestoßen und gerufen: "Los, Spencer!" Skarlatos und Stone seien etwa zehn Meter auf den Angreifer zugelaufen. Stone habe diesen zuerst erreicht und ihn am Nacken gepackt. "Wie wussten nicht, ob seine Waffe funktioniert. Spencer ist einfach losgelaufen, und wenn jemand erschossen worden wäre, dann wäre das sicher er gewesen", sagte Skarlatos.

Er habe dem Täter die Pistole entwunden und danach die Kalaschnikow, sagte Skarlatos im Sky-News-Interview. "Ich begann, damit auf seinen Kopf einzuschlagen." Auf einmal habe der Mann ein Teppichmesser gezückt und unter anderem auf Stone eingestochen, berichteten Sadler und Norman. Dabei sei Stone mit Schnitten am Nacken verletzt worden, um ein Haar sei ihm zudem der Daumen abgetrennt worden. "Wir drei haben ihn geschlagen, bis er bewusstlos war", sagte Sadler über den Täter.

Ein weiterer Passagier sei am Hals verwundet gewesen, berichtete Sadler weiter. Stone habe, obwohl selbst verletzt, dessen Blutungen gestillt. Norman und weitere Passagiere hätten geholfen, den Angreifer zu fesseln. Daraufhin lief Skarlatos mit der Kalaschnikow durch einige Waggons, um mögliche Mittäter aufzuspüren, bevor er in Waggon 12 zurückkehrte. Dort habe er die Waffen entschärft und "Berge von Munition" aus dem Weg geschafft.

Frankreichs Innenminister nennt Täter "Terrorist"

Dabei habe er bemerkt, so Skarlatos auf Sky News, dass das Sturmgewehr "zum Glück" klemmte - der Angreifer habe den Abzug bereits betätigt gehabt. "Er wusste nicht, wie er das reparieren sollte, was ebenfalls großes Glück war." Er möge nicht einmal darüber nachdenken, was passiert wäre, hätte die Waffe funktioniert, ergänzte Skarlatos.

Bei der Kontrolle der Pistole sei ihm dann aufgefallen, dass kein Magazin in ihr war - entweder sei es dem Angreifer aus Versehen auf den Boden gefallen oder er habe es falsch eingesetzt, sodass die Pistole nur den einen Schuss ganz zu Beginn des Angriffs abgeben konnte.

Am Samstagmittag hat sich Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve erneut zu der Attacke im Thalys-Zug geäußert. Bei dem weiteren Verletzten handele es sich um einen Mann, der sowohl die US- als auch die französische Staatsbürgerschaft besitze.

Den 26-jährigen Angreifer bezeichnete Cazeneuve als "Terroristen". Der Mann werde verdächtigt, zur radikalislamischen Bewegung zu gehören. Zugleich rief Cazeneuve zur Vorsicht auf, weil die Identität des Mannes noch abschließend geklärt werden müsse. Der Mann selbst hatte zuvor gegenüber den Ermittlern terroristische Absichten zurückgewiesen.

Der Festgenommene habe sich als 26-jähriger Marokkaner ausgegeben, sagte Cazeneuve. Falls sich diese Identität bestätige, sei er den französischen Behörden im Februar 2014 von ihren spanischen Kollegen als mutmaßlicher Islamist gemeldet worden. Laut der spanischen Zeitung "El País" lebte er eine Zeit lang in Spanien und soll vor Kurzem nach Syrien gereist sein.



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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
ufo49 22.08.2015
1. Kalaschnikow hat geklemmt
Ich hatte viele Jahre mit der MPi K zu tun. Eine klemmende Waffe gab's nicht mal wenn man die durch Morast zieht und das Zeug trocknen lässt. Da müssen alle Götter des Olymp auf Seiten der Amerikaner gestanden haben.
babubo 22.08.2015
2. na
das ist zum Glück ja nochmal gut gegangen! gute Reaktion auch der männer, zum Glück!
hogan.susanne 22.08.2015
3. Vielen Dank
Ihr habt viele Menschenleben gerettet. DANKE.
lemmy 22.08.2015
4. Respekt
Diese Männer sind für mich beeindruckende Helden. Sie hatten bestimmt selber große Angst und haben trotzdem alles riskiert. Sie haben den anderen Passagieren das Leben gerettet. Dafür bewundere ich sie.
kalim.karemi 22.08.2015
5. nein da klemmt normalerweise nichts
Zitat von ufo49Ich hatte viele Jahre mit der MPi K zu tun. Eine klemmende Waffe gab's nicht mal wenn man die durch Morast zieht und das Zeug trocknen lässt. Da müssen alle Götter des Olymp auf Seiten der Amerikaner gestanden haben.
ausser der Bediener ist zu aufgeregt, zu blöd oder unfähig das Teil zu bedienen. Das Geräusch beim durchladen lässt aber jeden halbwegs militärisch ausgebildeten aufhorchen. Wenn die Marines zufällig am Klo gestanden das gehört und gewartet haben, bis er rauskam, dann kann klemmen auch bedeuten, daß der Sicherungshebel noch oben war als sie ihn überwältigten. Glückwunsch, Mut und Initiative haben viele Menschen gerettet.
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