Vereitelter Anschlag im Thalys Wer ist der Schnellzug-Attentäter?

Er soll Kontakt zum "Islamischen Staat" haben, lebte wohl kurz in Berlin: Ayoub K. ist der Mann, der im Schnellzug nach Paris ein Blutbad anrichten wollte. Ermittler und Terrorexperten rekonstruieren sein bisheriges Leben.

Über soziale Netzwerke verbreitet: Dieses Foto soll den Attentäter zeigen
AFP /SOCIAL NETWORK

Über soziale Netzwerke verbreitet: Dieses Foto soll den Attentäter zeigen


Der Attentäter ist identifiziert. Unter anderem anhand seiner Fingerabdrücke haben die Ermittler die Identität des Mannes festgestellt, der am Freitag einen Anschlag auf den Schnellzug von Amsterdam nach Paris verüben wollte. Demnach handelt es sich um den 25 Jahre alten Marokkaner Ayoub K. Er scheiterte, weil drei mutige Passagiere ihn niederrangen - und weil sein Kalaschnikow-Schnellfeuergewehr klemmte.

Ein Waffenexperte war Ayoub K. demnach nicht. Den Behörden in Spanien, Frankreich, Deutschland und Belgien war er jedoch seit Langem bekannt, zunächst jedoch in erster Linie wegen seiner Verstrickung in den Drogenhandel.

Sieben Jahre lebte K. in Spanien, zunächst in Madrid, später in Algeciras, einer Hafenstadt im Süden des Landes, die nur durch die Meerenge von Gibraltar vom afrikanischen Kontinent getrennt ist. Seine aus Marokko eingewanderten Eltern leben immer noch dort, werden von der Zeitung "El Mundo" als bescheidene Familie beschrieben, die vom Schrotthandel lebt.

Möglicherweise wurde K. dort radikalisiert. Seine Mutter jedenfalls sei immer noch regelmäßig in der Al-Taqwa-Moschee anzutreffen, jener Moschee, die als die radikalste der Stadt gilt.

Fotostrecke

11  Bilder
Angriff im Hochgeschwindigkeitszug: Die Attacke im Thalys

Algeciras ist schon mehrfach wegen islamistischer Aktivitäten aufgefallen. 2012 verhinderte die Polizei dort einen Anschlag auf ein Einkaufszentrum, im Januar dieses Jahres wurden in einem verlassenen Bauernhof zwei versteckte Sturmgewehre entdeckt. Eines davon soll eine AK47 gewesen sein, genau das Modell, das auch der Täter im Thalys-Zug bei sich hatte.

Während seiner Zeit in Algeciras sei K. mehrmals wegen Drogenhandels festgenommen worden, schreibt "El Mundo" weiter. Auch von einem Gefängnisaufenthalt ist die Rede und davon, dass K. unter Polizeibeobachtung gestanden habe. Sein Fall, so wird die Polizei zitiert, zeige, wie der Dschihad durch den Handel mit Drogen finanziert werde.

Verbindungen zum Terrorismus

2014 schließlich verließ K. Spanien in Richtung Frankreich. Die spanischen Behörden gaben damals das über ihn gesammelte Material an Frankreich weiter - sie wollten sicherstellen, dass die Gefährlichkeit des Mannes klar wird.

Bei den französischen Behörden kam die Botschaft offenbar an. Die französische Polizei führt K. auf einer sogenannten "S"-Liste, berichtet der "Guardian". Auf ihr werden Personen erfasst, die von den Behörden verdächtigt werden, Verbindungen zum Terrorismus zu haben.

Auch die Brüder Kouachi, die im Januar das Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" verübten und zwölf Menschen töteten, waren auf dieser Liste verzeichnet. "Zeit.de" zufolge werden derzeit etwa 5000 Namen auf dieser Liste geführt. Zu viele, so die Polizei, um alle Verdächtigen systematisch zu überwachen.

Verbindungen zum "Islamischen Staat"

Wie lange und wo sich K. in Frankreich aufhielt, ist unklar. Erst am 10. Mai 2015 tauchte er wieder auf. Nach Erkenntnissen der französischen Behörden hielt er sich damals in Berlin auf, von wo aus er in die Türkei geflogen sei. Dort habe er sich wahrscheinlich der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen, vermutet ein namentlich nicht genannter europäischer Anti-Terror-Experte gegenüber CNN.

Ob er es tatsächlich bis nach Syrien geschafft habe, sei wiederum unklar. Man vermute, er habe Verbindungen zu einer Gruppe französischer IS-Kämpfer in der Türkei gehabt, so der Anti-Terror-Experte. Dieselbe Gruppe soll zuvor bereits einen algerischen Studenten zu Anschlägen in Paris angeleitet haben, die von den Behörden vereitelt werden konnten.

Gefahr durch Rückkehrer

Sicherheitsexperten fühlen sich durch den Anschlagsversuch von K. in der Befürchtung bestätigt, dass nach Europa zurückkommende IS-Unterstützer gefährlich sind. Ein Europol-Sprecher sagte am Samstag, Europäer, die aus dem Irak und Syrien heimkehrten, seien "die größte terroristische Bedrohung für Europa seit den Anschlägen vom 11. September 2001".

Wie groß diese Bedrohung sein könnte, lassen Zahlen vermuten, die Europol im Juni veröffentlicht hat. Demnach haben sich bisher rund 5000 Europäer den IS-Kämpfern in Syrien und im Irak angeschlossen. Aktuellen Zahlen des Bundesamts für Verfassungsschutz zufolge stammen mehr als 700 davon aus Deutschland (BfV). Die meisten davon sind jünger als 30 Jahre, also etwa so alt wie Ayoub K. Das BfV geht davon aus, dass ein Drittel von ihnen mittlerweile nach Deutschland zurückgekehrt ist.

Im Video: Wie Passagiere den Täter überwältigten

REUTERS

mak

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.