Attacke in Thalys-Schnellzug "Das hätte ein Blutbad geben können"

Ein Bewaffneter verletzt in einem Schnellzug auf dem Weg von Amsterdam nach Paris Menschen, die Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund verdichten sich. Augenzeugen berichten von den dramatischen Minuten an Bord.

REUTERS

US-Soldaten haben in einem Schnellzug einen schwer bewaffneten Mann überwältigt und damit offenbar ein blutiges Drama verhindert. Am Freitagabend gab der 26-jährige Mann in dem Thalys-Zug auf der Strecke von Amsterdam nach Paris mindestens einen Schuss ab. Belgiens Regierungschef Charles Michel sprach von einem "Terroranschlag", die französischen Behörden äußerten sich vorsichtiger. Allerdings hat inzwischen die Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen.

Den Ermittlern zufolge war der Mann mit einer Kalaschnikow, einer Pistole, neun Magazinen und einem Teppichmesser bewaffnet. Er schoss demnach einen Passagier an, einen zweiten verletzte er mit dem Teppichmesser. Überwältigt wurde der Mann von US-Soldaten, die sich zufällig an Bord des Zuges befanden, sowie einem ebenfalls aus den USA stammenden befreundeten Zivilisten.

Über die Details der Geschehnisse an Bord gab es zuerst unterschiedliche Angaben. So sprachen die Behörden in ihren ersten Stellungnahmen lediglich von zwei US-Soldaten, die den Täter überwältigten. Zuvor hätten die Soldaten gehört, wie der Mann in der Zugtoilette seine Waffen lud.

"Jemand stürzte sich auf ihn"

Laut übereinstimmenden Berichten der Nachrichtenagentur AP sowie des TV-Senders CNN war hingegen ein weiterer Amerikaner an der Überwältigung des Täters beteiligt. Es handelt sich demnach um den kalifornischen Studenten Anthony Sadler, der mit den Soldaten befreundet ist und mit ihnen Urlaub machte. Einer von ihnen, Alek Skarlatos, ist demnach ein nicht aktives Mitglied der US-Nationalgarde, der aber noch im Juli in Afghanistan im Einsatz war. Der andere Soldat heißt demnach Spencer Stone und ist Angehöriger der US-Luftwaffe.

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Schüsse im Thalys: Handybilder aus dem Zug

Sadler zufolge hörten die Amerikaner einen Schuss, kurz darauf habe ein Bewaffneter den Waggon betreten. Die Amerikaner überwältigten demnach den Täter, dabei habe dieser Stone mit dem Teppichmesser verletzt. Der zweite Verletzte, offenbar ein anderer Passagier, sei durch einen Schuss verwundet worden, allerdings nicht aus der Kalaschnikow, sondern aus der Pistole des Täters.

"Spencer griff den Mann als Erstes an, Alex entwand ihm die Waffe, da zog der Bewaffnete ein Teppichmesser und schnitt Spencer mehrmals. Dann haben wir drei ihn so lange geschlagen, bis er bewusstlos war", berichtete Sadler.

Handy-Fotos und -Videos veröffentlicht

Der 62-jähriger Brite Chris Norman, der mit den Amerikanern in einem Abteil saß und den die Nachrichtenagentur Reuters zitiert, bestätigt diese Darstellung. Sie hätten einen Schuss gehört, kurz darauf habe er einen Mann mit einer Maschinenpistole, wahrscheinlich einer Kalaschnikow, gesehen. "Das hätte ein echtes Blutbad geben können, daran kann es keinen Zweifel geben", sagte Norman.

Die beiden unverletzten US-Amerikaner und der Brite erhielten in Arras Medaillen für ihren Einsatz und präsentierten diese auf Fotos. Zudem sind inzwischen Smartphone-Fotos aus dem Thalys-Zug veröffentlicht worden, sie zeigen einen gefesselten Mann, der auf den Boden gedrückt wird. (Hier finden Sie diese und weitere Aufnahmen in einer Fotostrecke.)

Auch die Nachrichtenagentur AFP berichtet, Augenzeugen zufolge habe der Mann plötzlich Schüsse abgegeben. Dann habe sich "jemand mit einem grünen T-Shirt auf ihn gestürzt und ihn zu Boden gedrückt". "Ich habe Schüsse gehört, vielleicht zwei, und ein Typ ist zusammengebrochen", berichtet die New Yorkerin Christina Cathleen Coons, die im Waggon zwölf des Thalys-Zuges saß. "Überall war Blut." Der US-Sender CNN hat inzwischen ein Handyvideo veröffentlicht, das Szenen nach den Schüssen und der Überwältigung des Täters an Bord des Zugs zeigen soll.

Obama spricht von heldenhafter Tat

Der Täter wurde am Bahnhof im nordfranzösischen Arras festgenommen. Er war in Brüssel zugestiegen. Nach ersten Ermittlungen handelt es sich um einen 26-Jährigen marokkanischer Abstammung, über den eine Geheimdienstakte vorliegt. Er habe zeitweise in Spanien gewohnt. Laut der spanischen Zeitung "El País" war er vom spanischen Geheimdienst als radikal islamistisch eingestuft und den französischen Behörden gemeldet worden. Er soll in jüngster Zeit nach Syrien gereist sein.

Der französische Innenminister Bernard Cazeneuve lobte die US-Soldaten für ihre "Kaltblütigkeit" und ihren Mut. Sie hätten ein möglicherweise "schreckliches Drama" verhindert. Auch US-Präsident Barack Obama dankte den US-Bürgern für ihren Mut und ihre schnelle Reaktion: "Ihre heldenhafte Tat hat möglicherweise eine viel schlimmere Tragödie verhindert."

Am Bahnhof von Arras durchsuchten Ermittler den Zug, während die Identität der 554 Passagiere überprüft und ihr Gepäck durchsucht wurde. Mit Sonderzügen wurden sie in der Nacht nach Paris gebracht.

Bei dem Vorfall wurde nach Angaben des französischen Thalys-Gesellschafters SNCF auch der französische Schauspieler Jean-Hugues Anglade leicht verletzt. Der aus dem Kultfilm "Betty Blue" bekannte Darsteller verletzte sich demnach, als er den Zugalarm auslösen wollte.

fdi/AP/AFP/Reuters



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 177 Beiträge
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thomas bode 22.08.2015
1. Kleine Fragen in diesem Zusammenhang
Sie sind zwar scheinbar von tonangebenden Kreisen tabuisiert, aber die Bevölkerung hat dennoch das Recht auf eine Antwort: kommen aus Syrien, Libyen und anderen Staaten nur die Opfer der Islamisten hierher, oder auch Islamisten selbst? Und verstärken somit hier die Zahl derjenigen die sich danach sehnen uns Ungläubigen an die Kehle zu gehen? Wenn die Nusra-Fronta vor dem IS flieht, wohin flieht sie? Wenn der IS unter Druck gerät wohin flieht der? Wer kümmert sich darum dass nicht die Falschen hierher kommen und wie erfolgreich ist das? Oder sind das doch Fragen die schlicht nicht statthaft sind? Müssen wir vornehm zur Seite blicken und das unter den unvermeidlichen Kosten von Humanität verbuchen, dass die Zahl der Gefährder hier steigt?
bettini 22.08.2015
2. Na wie gut
..., daß wir die Totalüberwachung durch unsere Geheimdienste und die Totalüberwachung haben. Die haben das natürlich verhindert.
nicstrange 22.08.2015
3. Französische Sprache, schwere Sprache
Bernard Cazeneuve hat auf franzöisch vom "sang froid" der Marinesoldaten gesprochen. Dies als "Kaltblütigkeit" zu übersetzen hinterlässt einen sehr irreführenden Beigeschmack. Ohne die Temperaturmetapher ganz aufzugeben, wäre "kühlen Kopf behalten" besser.
boardinggoofy 22.08.2015
4. Quelle blamage für die französische Geheimdienste
Einmal mehr ein Terroranschlag, der von den französischen Behörden im Vorfeld nicht erkannt wurde und auch nicht vereitelt werden konnte. Scheinbar haben die Behörden die Lage in Frankreich überhaupt nicht mehr unter Kontrolle - schrecklich. Ein ganz großes Lob für die US-Amerikaner - denen verdankt der komplette Zug sein Leben - chapeaux. Was mit dem Täter tun? Jeder Euro der für ihn ausgegeben wird ist Geldverschwendung.
SvenMeier 22.08.2015
5. Hallo Herr Maas, lesen Sie mit?
"handelt es sich um einen 26-Jährigen ... über den eine Geheimdienstakte vorliegt ... vom spanischen Geheimdienst als radikal islamistisch eingestuft ... den französischen Behörden gemeldet ... jüngster Zeit nach Syrien gereist" Und was hat die französische Vorratsdatenspeicherung hier gebracht?
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